Sonntag, 24. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 45

Untot - Band 2 - Kapitel 45
Als Juan nach unten ging, fand er den Halbaffen auch der Couch vor. Im Fernsehen liefen durchgehend Berichte, in denen die Untotenseuche thematisiert wurde. Neben dem Reporter wurden immer wieder Hinweise für die Bevölkerung eingeblendet, wie lokale Ausbrüche, Sicherheitszonen oder Evakuierungshinweise. Auf einer Karte im Hintergrund wurde der aktuelle Stand eingeblendet und immer wieder von einer Gesamtübersicht auf einzelne Staaten herunter gebrochen.
Guadalajara war inzwischen so tiefschwarz, wie andere Gebiete Mexikos. In Zacatecas war die Bedrohung ebenfalls angestiegen. Für die Flüchtlinge im Norden hieß das wohl, dass sie es entweder nicht geschafft hatten, der Bedrohung zu entkommen, oder dass sie erneut auf der Flucht waren. Vielleicht ging die Bedrohung auch von dem Flüchtlingslager aus. Ein bestechlicher Grenzbeamter konnte Verderben über hunderte oder tausende von denen bringen, die in diesen Camps dicht an dicht und ohne Fluchtmöglichkeiten ausharrten.
Felipe stand vom Sofa auf und ging zum Kaffeeautomaten.
„Für dich auch einen Kaffee?“
„Oh, ja, bitte. Schön stark, wenn’s geht. Schwarz und ohne Zucker.“
„Kommt sofort… Ihr kommt aus dem Süden, oder?“
„Was?“
„Na, du, die Frau und die Kinder. Ihr kommt aus dem Süden.“
„Naja, nicht direkt. Also schon südlicher, als Ciudad Juárez, aber nicht von ganz unten, nein. Warum?“
„Meine Familie wohnt im Süden und ich hab schon seit Tagen nichts mehr von ihnen gehört. Meine Schwester wurde vorgestern 16 und… und… ich konnte ihr nicht gratulieren. Da unten ist es schlimm, oder?“
Die neue Seite an Felipe überraschte Juan. Schien er noch zuvor ein emotionsloser Fels zu sein, zeigte er plötzlich eine menschliche Seite und gab sich gegenüber einem Fremden verwundbar. Es ließ Felipe von einer Sekunde auf die andere plötzlich menschlich erscheinen und schon bereute Juan, ihn gedanklich als Halbaffen eingestuft zu haben.
„Ich weiß nicht, wir haben nicht viel gesehen. Ich komme aus einem kleinen Dorf und haben auf unserer Flucht nicht viel gesehen“ log Juan.
„Ah, ok. Weiß du… meine Schwester ging noch zur Schule. Ich habe jedes Monat Geld nach Hause geschickt, damit sie es im Leben zu etwas bringt. Dass sie nicht so endet, wie mein Bruder oder ich. Ich bin nicht stolz darauf, wie ich mein Geld verdiene, aber ich war bisher immer stolz darauf, dass ich wenigstens meiner Schwester ein besseres Leben verschaffen würde. Und jetzt? Soll jetzt alles umsonst gewesen sein? Ist meine Schwester jetzt eins… eins dieser Zombiedinger?“
„Hör mal Felipe… ich bin sicher, deiner Schwester geht’s gut. Viele Menschen konnten evakuiert werden, das Militär ist unermüdlich dabei, gegen die Zombies vorzugehen und auch in den schwarzen Gebieten wird es noch Überlebende geben, die sich von den Dingern in Sicherheit bringen konnten.“
„Das mag schon sein, aber glaube nicht an Wunder. Sie hätte sich sicher schon bei mir gemeldet. Verdammt… keiner hat sich bei mir gemeldet, keiner meiner Anrufe konnte durchgestellt werden.“
„Die Telefonleitungen sind tot, die Vermittlungsstellen wahrscheinlich schon lange nicht mehr besetzt, oder ohne Strom. Das heißt aber nicht, dass alle tot sind.“
Felipe blickte auf und für einen kurzen Moment meinte Juan, eine Träne in seinem linken Auge zu sehen, bevor er sich von ihm abwandte.
„Hast du Familie?“
„Nein. Meine Familie ist tot. Ich schlage mich seit einigen Jahren auf eigene Faust durch. Mehr schlecht als recht, um ehrlich zu sein.“
 Felipe reichte Juan eine Tasse.
„Vorsicht, heiß. Schwarz und ohne Zucker.“
„Danke. Der letzte Kaffee ist jetzt schon ein paar Tage her.“
Juan nippte kurz und brummte anerkennend, genoss jeden Schluck. Es war ein verdammt guter Kaffee. Mit dem Kaffee in der Hand ging er um das Sofa herum und setzte sich. Das Sofa sah etwas abgenutzt aus, war aber urgemütlich, man schien darin förmlich zu versinken und das Leben schien für den Moment perfekt. Wie würde es weitergehen? Konnte das Militär die Sache wieder in den Griff bekommen?
Den Staaten südlich von Mexiko war dies nicht gelungen. Guatemala, Honduras, El Salvador und größtenteils Nicaragua waren von den Zombies überrannt worden. Wenige Menschen konnten sich in Bunker oder notdürftig befestigte Anlagen retten, standen jetzt aber vor der Wahl gefressen zu werden, oder über kurz oder lang zu verhungern. Nur wenige Gruppen konnten sich retten und ein Umfeld gestalten, in dem sie für längere Zeit überleben konnten.
Was würde passieren, wenn Ciudad Juárez eingekesselt war? Wenn es gelingen würde, die Stadt zu verteidigen, anderen Orten aber nicht? Wären sie kurz oder lang dem Hungertod ausgeliefert? Könnte man Lebensmittel für über eine Million Einwohner für einen längeren Zeitraum bereitstellen? Was würde passieren, wenn die Lebensmittel zur Neige gingen? Wer sollte ihnen dann helfen? Die USA? Oder waren die mit sich selbst beschäftigt? Juan fiel auf, dass es keine Berichte über die Lage in den USA gab, also hatten sie die Lage möglicherweise im Griff.
Dann war das möglicherweise die Rettung. Eine Flucht in die USA. Die Mauer würde sie vor der Bedrohung schützen. Sie und viele Millionen US Amerikaner. Natürlich würden die USA sie nicht ohne weiteres einreisen lassen, aber er hatte jetzt Kontakte. Zu einem Mann, dessen Aufgabe es war, seit Jahren Drogen in die USA zu schmuggeln. Juan fand die Idee hervorragend und würde sie Carlos näher bringen, sobald er ihn wieder zu Gesicht bekäme.

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