Montag, 25. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 46

Untot - Band 2 - Kapitel 46
Starke Hände rüttelten an Juan und rissen ihn aus einem tiefen Schlaf. Als er die Augen öffnete, fand er sich auf der Couch wieder. Die Hände gehörten Felipe, der ihn emotionslos ansah.
„Los aufstehen. Der Boss hat mich gebeten, dich rüberzubringen.“
Schlagartig kam die Erinnerung zurück und Juan richtete sich langsam auf. Dem Stand der Sonne nach, musste es Mittag sein. Der Schlaf hatte ihn übermannt, die Kaffeetasse stand noch immer halb voll auf dem kleinen Abstelltisch und war mittlerweile wohl schon kalt. Juan streckte die Hand nach der Tasse aus und nahm einen kleinen Schluck, spuckte ihn angewidert in die Tasse zurück und erhob sich aus dem Sofa.
„Jetzt gleich?“
„Ja, ich soll dich gleich rüberbringen. Der Mittagstisch wurde angerichtet und der Boss besteht auf deiner Anwesenheit.“
„Jaja, schon gut. Ich stell nur noch die Tasse zurück. Schläfst du eigentlich nie?“
„Ich schlafe dann, wenn ich Zeit habe zu schlafen.“
Juan stellte die Tasse ab, gähnte herzhaft und gab Felipe dabei einen Wink. Der ging zur Tür, zog sie auf und heiße Luft strömte in das Haus. Draußen war es mindestens zehn Grad wärmer, als im Haus. Juan hob die Hand schützend vor die Augen und trat hinaus in den Tag. Bei hellem Licht kam der Garten erst richtig zur Geltung. Die weißen Säulen reflektierten hell die Sonne und im Boden versteckte Rasensprenger befeuchteten die Blumenpracht im Garten und zauberten kleine Regenbögen auf den Rasen. Es war wie im Paradies.
Felipe ging schnellen Schrittes voran und Juan hatte seine liebe Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Statt zum Eingang zu gehen, hielt Felipe sich leicht links und ging auf einen Weg um das Haus herum.
„Hey, lauf doch nicht so. Wohin gehst du eigentlich? Essen wir nicht im Haus?“
„Nein. Der Boss hat das Essen beim Pool auftischen lassen.“
Also doch ein Pool. Juan grinste leicht in sich hinein. Jetzt fehlte nur noch die Garage mit den teuren Importautos aus den USA, Italien und Deutschland. Beim Gang um das Haus entdeckte er eine Gruppe Handwerker, die dabei waren, einen Zwinger zu errichten. Oder etwas, das wie ein Zwinger aussah und kurz darauf sah er auch schon Carlos. Carlos war kaum mehr wieder zu erkennen.
Er war geduscht, rasiert und steckte in einem hellen, teuer aussehenden Anzug. Die zuletzt eher lustlos wirkenden Haare wurden mit Gel in Form gebracht und sauber nach hinten gekämmt. Zum ersten Mal wurde Juan in Carlos‘ Nähe mulmig zumute. Die letzten Tage war er einer von ihnen. Die Situation hatte sie zusammengeschweißt. Aber jetzt, hier und heute war ein anderer Carlos. Hier war er der Boss und sie waren nichts. Er hatte seine Schuldigkeit getan und sie waren ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Eher unerwartet kam Carlos auf Juan zu, breitete die Arme aus und noch bevor Juan protestieren konnte, umarmte er ihn und zog ihn an sich.
„Juan! Schön dich zu sehen. Und noch schöner, dich sauber in ordentlichen Klamotten zu sehen.“
„Hallo Carlos. Auch schön dich zu sehen. Du… schaust gut aus.“
„Hahaha, danke. Dein Blick verrät mir, dass du dich fürchtest. Hast du Angst vor mir?“
Carlos‘ Miene wurde ernst. Eindringlich sah er Juan an, der sich nach der Frage noch unwohler fühlte, als zuvor.
„Nein… doch… schon etwas. Du bist jetzt nicht mehr auf uns angewiesen und du… du bist…“
„Ein Verbrecher? War es das, was du sagen wolltest?“
„Nicht so direkt…“
„Aber gemeint hast du es, oder? Ja, Juan, ich bin ein Verbrecher. Ich handle mit Drogen, ich lasse Leute erschießen und ich habe Sachen gemacht, auf die ich nicht stolz bin. Aber ich bin auch ein Ehrenmann und ich war nie, ich wiederhole nie, auf euch angewiesen. Ohne mich hättet ihr da draußen nicht überlebt. Aber ihr habt mich aus der Zelle befreit und das werde ich euch nicht vergessen. Nein Juan, du brauchst vor mir keine Angst haben. Und jetzt komm, setz dich und genieße ein kaltes Bier.“
Juan nickte und ging zu einem Tisch, auf dem mit Eiswürfel und Bierflaschen befüllte Wannen standen. Juan nahm sich eine Flasche heraus, drehte den Deckel ab und drehte sich, um Carlos zuzuprosten. Statt Carlos fiel sein Blick auf Maria. Maria kam aus dem Haupthaus heraus und sah umwerfend aus. Sie hatte sich zurechtgemacht, trug ihr Haar nach hinten gekämmt und ein atemberaubendes, ihre Figur betonendes Outfit, das sie 15 Jahre jünger erscheinen ließ.
Juan vergas zu atmen und räusperte sich, während Carlos Maria bereits in die Arme schloss und sah zu, wie sich ihre Blicke trafen. Er sah die Sehnsucht in Marias Augen und die Begierde in den Augen von Carlos. Für eine Sekunde schien die Zeit stillzustehen und die Luft war wie elektrisiert, nur um in dem Moment zu zerstäuben, in dem Perro aus dem Haus gerannt kam. Perro hielt direkt auf Carlos zu, der von Maria abließ und sich dem Hund widmete.
Hinter dem Hund kamen Carmen und Antonio aus dem Haus. Antonio war wie ein kleiner Gentleman gekleidet. Wer auch immer die Auswahl für die Kleidung getroffen hatte, hatte guten Geschmack bewiesen. Carmen wirkte dagegen wie eine kleine Prinzessin, ohne dabei kitschig auszusehen. Carlos beschäftige offensichtlich neben Auftragskillern und Bodyguards auch noch mindestens eine Person, die Ahnung von guter Kleidung hatte. Juan rückte seinen Anzug gerade und ging auf Maria zu, die ihm erfreut die Hand schüttelte und sich halbherzig von ihm umarmen ließ.
„Los, los, setzt euch, dann können wir endlich anfangen zu essen. Ich habe Hunger wie ein Bär und könnte einen ganzen Stier hinunterschlingen.“

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