Mittwoch, 27. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 48

Untot - Band 2 - Kapitel 48
Die folgenden Tage vergingen wie im Fluge. Juans Zorn verrauchte angesichts des Luxuslebens und der Sicherheit, die Carlos ihnen bot. Um die Sicherheit gewährleisten zu können, organisierte Carlos einen neuen Test aus den USA, mit dem sich eine Infektion bereits im Frühstadium nachweisen ließ. Für temporäre Besucher wurden Hunde angeschafft, die jeden Besucher des Grundstücks kontrollierten, bevor er es betreten durfte. Die Anzahl der ständig anwesenden Wachen wurde ebenfalls dramatisch erhöht.
Felipe wurde komplett dafür abgestellt, sich um Juan zu kümmern und ihm den Umgang mit Waffen beizubringen. Felipe war ein ungeduldiger und schlechter Lehrer, kannte sich aber gut mit Feuerwaffen aller Gattungen aus. Nach zwei Wochen erhielt Juan von Carlos eine Handfeuerwaffe mit Laserzielvisier. Für Kopfschüsse die erste Wahl, wie Carlos anmerkte.
Während Juan in dem von Carlos abgeschirmten Kokon saß, ging draußen die Welt vor die Hunde.  Der Süden Mexikos war schon längst von den Untoten überrannt und im Norden versuchte das Militär so gut es ging die Ordnung aufrechtzuerhalten. Für die Dauer der Notlage hatte man sogar einen Waffenstillstand mit den Drogenkartellen geschlossen und konzentrierte sich darauf, die von Süden her vorrückenden Zombiehorden aufzuhalten, geriet aber zusehends unter Druck, weil in den Flüchtlingslägern immer häufiger die Infektion ausbrach und für kleinere Ausbrüche oft keine Eindämmungsmaßnahmen eingeleitet werden konnten.
Über die Lage in Ciudad Juárez war Juan nichts bekannt. Nur selten verließ er in Begleitung Felipes die schützende Behausung und noch seltener kam er über das Carlos Anwesen umgebende abgeriegelte Viertel hinaus. Nur einmal chauffierte Felipe ihn in ein außerhalb liegendes Kaufhaus, um Juan mit neuen Schuhen einzukleiden. Das einzige, was Juan auffiel, war das vollständige Fehlen von Ordnungsbeamten des Staates und die Dominanz von bewaffneten Zivilisten.
Scheinbar hatte sich die Staatsmacht komplett auf Ciudad Juárez zurückgezogen und den Kartellen die Macht über die Stadt überlassen. Angesichts der an mehreren Fronten kämpfenden und ohnehin überlasteten Staatsmacht eine nachvollziehbare Entscheidung. Dies hatte aber auch zur Folge, dass es keine Berichterstattung aus Ciudad Juárez gab. Ohne die schützende Staatsmacht konnten die Kartelle die lokale Presse mundtot machen und die Informationsflut steuern.
In den letzten Tagen hatte Juan seinen Fluchtplan endgültig ad acta gelegt, nachdem bekannt wurde, dass die USA Schiffe nicht mehr zurückwies, sondern ohne Warnung das Feuer eröffnete. Zahlreiche Flüchtlingsboote wurden seitdem versenkt. Wie viele Tausend Menschen dabei umkamen, ist nicht bekannt. Die USA rechtfertigten dies damit, dass die Interessen des Volks der USA über den Interessen des Volks von Mexiko anzusiedeln seien.
Die provisorische Regierung Mexikos verurteilte dieses Vorgehen und forderte die USA dazu auf, dieses Vorgehen zu unterlassen und im Sinne der Menschenwürde die Flüchtlinge festzusetzen, um sie anschließend an Mexiko zu übergeben. Ein Vorgehen, das von der US-Regierung grundlos abgewiesen wurde. Ein Sprecher nannte dieses Vorgehen als „nicht durchführbar“ und ein unnötiges Risiko für das Wohlergehen des amerikanischen Volks, welches sich angesichts dieser Bedrohung bisher ungekannten Ausmaßes nicht kompromissbereit zeigen werde.
Juan war wie das restliche mexikanische Volk über die Arroganz des nördlichen Nachbars entsetzt. Entsetzt und unglaublich wütend, doch sämtliche Proteste blieben ungehört. Nur wenige Staaten stellten sich auf die Seite Mexikos und noch weniger Staaten boten eine aktive Unterstützung von Maßnahmen und selbst diese würden wirkungslos verpuffen, angesichts der aktuellen, weltweiten Bedrohungslage.
Lautes Hundegebell ließ Juan aus einem unruhigen Schlaf hochschrecken. Er war wie so oft in den letzten Tagen auf dem Sofa vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen. Das Zimmer wurde nur schwach von einer Lampe aus dem Flur und dem flackernden Licht des Fernsehers beleuchtet und war bis auf Juan leer. Von den anderen Bewohnern, die Juan nach und nach kennenlernen durfte, war niemand zu sehen. Auch Felipe, der wie ein Schatten an Juan klebte, war nicht zu sehen.
Juan stand langsam auf und warf einen Blick auf das laufende Programm. Ein Sprecher des Militärs war gerade dabei, die aktuelle Lage darzustellen und klang dabei wenig erfreut. Abertausende Menschen waren auf der Flucht, das Militär nicht mehr länger dazu in der Lage, die Menschen zu beschützen, die Lage im Land außer Kontrolle. Juan rieb sich die Augen. Das Hundegebell hielt an und so beschloss er, nach draußen zu gehen, um dort nach dem rechten zu schauen.
Vor dem Haus stand ein Militärfahrzeug, darin ein Fahrer und herumstehend fünf von Carlos Angestellten, die dem Fahrer indirekt zu verstehen gaben, keine unnötigen Bewegungen zu machen. Einer der Männer hatte einen der Hunde an der Leine, der unerlässlich den Soldaten anbellte. Juan überlegte, ob der Mann möglicherweise infiziert war, aber das Bellen könnte auch einfach nur einschüchternd gemeint sein.
Während Juan auf das Fahrzeug sah, ging die Tür von Carlos Villa auf und ein mit vielen Abzeichen behangener Soldat trat heraus. Sein Kopf war knallrot und kaum aus der Tür drehte er sich nochmal um, deutete mit dem Finger hinein und brüllte, dass sie das noch bereuen würden, dass man so nicht mit einem General der mexikanischen Streitkräfte umginge. Juan sah Martinez, der den General am Arm packte und von der Tür die Stufen hinunter brachte.
Scheinbar ging er dabei wenig zimperlich vor, denn der General war bemüht, ihn abzuschütteln, war von dieser Art Behandlung wenig angetan. Der Fahrer zuckte nur kurz, ließ seine Hände aber auf dem Lenkrad des Wagens. Der würde nicht einmal eingreifen, wenn sie den General erschießen würden, dachte sich Juan. Als Martinez den General zu seinem Wagen zurückgeschleift hatte, flüsterte er ihm noch etwas ins Ohr, was den General sofort verstummen ließ. Stattdessen stieg er unverzüglich in sein Fahrzeug und gab dem Fahrer die Anweisung zur Abfahrt. Der zögerte nicht lange, und lenkte das Auto aus dem Grundstück hinaus.

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