Donnerstag, 28. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 49

Untot - Band 2 - Kapitel 49
„Wir sollen Ciudad Juárez öffnen.“ Carlos kam gleich zum Punkt.
 „Das Militär kann die Menschen nicht länger beschützen. Es fehlt an Männern und langsam auch an Nachschub. Zudem treten immer häufiger Infektionen im Hinterland auf. Das Militär will sich nach Ciudad Juárez zurückziehen und die Menschen da draußen ihrem Schicksal überlassen.“
„Was? Das kann doch nicht wahr sein?“
Maria war entsetzt und erbost darüber, konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte.
„Es kommt noch besser. Wir sollten dafür Zivilisten aus der Stadt werfen. Alte, Schwache, Behinderte… Sie wollten die übrigen Vorräte für die verwenden, die kämpfen können, die für die Zukunft des Landes… ich hab ihn aus meinem Haus geworfen. Ich kann diese Leute nicht dem Untergang preisgeben. Ich habe ihm gesagt, dass sie eine andere Lösung finden müssen. Dass wir nicht für sie die Scheiße wegräumen.“
„War er deswegen so erbost? Und was werden wir bereuen?“
„Dass wir sein Angebot ausgeschlagen haben. Er meinte, dass wir die Lage in der Stadt bald nicht mehr im Griff haben werden. Dass wir nur eine Chance haben, wenn wir die Stadt zu einer Festung ausbauen. Aber das ist nicht mein Weg.“
„Wie schlimm ist die Lage wirklich?“
„In zwei von neun Sektoren haben wir die Kontrolle so gut wie verloren. Wir sind aber zuversichtlich…“
„In zwei Sektoren? Aber wie wollt ihr ein Übergreifen verhindern?“
„Wir… wir haben die Sektoren abgeriegelt. Da kommt nichts und niemand raus.“
„Das heißt, dass da drin auch die Nicht-Infizierten krepieren?“
„Ja, das heißt es.“
„Ist das etwa dein Weg? Ist das der Weg, wie du uns… wie du die Stadt beschützen willst? Indem du sie krepieren lässt?“
„Nein… aber glaubst du, mit dem Militär wird’s besser? Glaubst du wirklich, wir könnten unsere Waffen behalten? Glaubst du wirklich, diese Versager könnten uns besser vor dem, was da draußen los ist, beschützen? Glaubst du das?“
„Die wurden dazu ausgebildet…“
„Dazu ausgebildet, lebende Tote zu bekämpfen? Mach dich doch nicht lächerlich. Die ganzen Niederlagen der letzten Tage und Wochen, die ganzen Strategien… das ist alles auf einen Krieg gegen einen menschlichen Feind ausgelegt, nicht gegen einen untoten Feind. Die sind genauso wenig ausgebildet, wie du oder sonst jemand aus dieser Stadt. Ich traue ihnen nicht und will sie nicht in meiner Stadt.“
„Also gut. Aber was willst du machen, wenn die Flüchtlinge vor der Tür stehen? Willst du sie wie die Amerikaner erschießen lassen? Willst du sie abschlachten?“
„Nein. Wir werden sie nur daran hindern, in die Stadt zu gelangen. Mit allen dazu nötigen Mitteln.“
„Du willst also Frauen und Kinder ihrem Schicksal überlassen?“ mischte sich Maria ein.
„Wenn es sein muss…“
Maria sah Carlos wütend an und er trat erschrocken einen Schritt zurück, bevor er zu seiner Verteidigung ansetzte.
„Wir haben nicht die Ressourcen, um tausende von Flüchtlingen zu überwachen und zu versorgen. Wir würden damit die Menschen in dieser Stadt gefährden.“
„Wie kannst du dann das Vorgehen der Amerikaner verurteilen, wenn du sogar gegen deine eigenen Landsleute vorgehen willst?“
„Ich habe das Vorgehen der Amerikaner nie verurteilt, das ward ihr. Ihr habt nicht verstanden, dass das Interesse vieler über dem Interesse von wenigen steht.“
„Und deswegen lebst du im Luxus? Dein Interesse steht doch über dem Interesse von hunderten oder tausenden Drogenabhängigen.“
„Verdammt Juan. Ich habe dir eine sichere Unterkunft gegeben und mein Essen mit dir geteilt. Wer bist du, dass du mich in meinem eigenen Haus angreifst? Hätten wir nicht Seite an Seite gekämpft, würde ich dich auf der Stelle erschießen.“
„Dann mach doch. Erschieß mich doch. Zeig uns deinen wahren Charakter.“
„Juan. In aller Freundschaft…“
„In aller Freundschaft? Mach dich doch nicht lächerlich. Du weißt doch nicht einmal, was Freundschaft bedeutet.“
„Halt jetzt den Mund. Halt den Mund, oder ich lass dich rausbringen.“
„Und dann? Wirfst du mich dann den Hunden vor? Oder lässt du mich von deinen Angestellten verprügeln?“
„Nein. Aber du kannst einige Zeit in deinem Zimmer verbringen, und darüber nachdenken, was ich hier für dich mache und wie man mit seinem Gastgeber umzugehen hat. Martinez, Felipe, bringt ihn auf sein Zimmer. Und du Juan… ich will dich nie wieder in meinem Haus sehen. Verschwinde.“
Martinez nahm eine Hand auf Juans Schulter und zog ihn erst sanft, dann zunehmend bestimmter nach hinten. Felipe griff unter Juans Arm und flüsterte ihm leise zu, dass es ihm leid täte und er besser keinen Widerstand leisten solle, weil ihm dann das, was dann kommen würde, noch viel mehr leid tun würde. Juan verstand, gab seinen Widerstand auf und ließ sich auf sein Zimmer begleiten. Innerlich kochte er vor Wut und hatte für sich den Entschluss gefasst, Carlos so schnell wie möglich zu verlassen.

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