Freitag, 29. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 50

Untot - Band 2 - Kapitel 50
Die folgenden Tage verbrachte Juan auf seinem Zimmer. Felipe brachte ihm einen kleinen Fernseher und ein paar Bücher, sowie Essen und Trinken auf das Zimmer. Wann immer er einige Minuten Zeit fand, informierte er Juan über die jüngsten Entwicklungen. Inzwischen waren drei Sektoren, meist die um die Stadt verteilten Armensiedlungen, verloren, ein weiterer war umkämpft. Vor der Stadt standen zehntausende Flüchtlinge, verfolgt von abertausenden Zombies.
An den Stadtgrenzen kam es bereits zu ersten Feuergefechten mit bewaffneten Zivilisten, die sich nicht damit abfinden wollten, hier vor der Stadt zu krepieren. Die eilig errichteten Befestigungen konnten zwar vielleicht Untote abhalten, gegen einen halbwegs organisierten Angriff waren sie aber machtlos. Felipe befürchtete, dass in den nächsten Tagen das Gleichgewicht kippen würde, oder die Menschen vor der Stadt elendig krepierten und zu Untoten mutieren würden. So oder so beschissene Aussichten.
Aber Felipe hatte noch eine Überraschung in der Hinterhand. Der von Carlos des Grundstücks verwiesene General war seit einigen Tagen regelmäßiger Gast in Carlos‘ Anwesen. Scheinbar hatte man sich in irgendeiner Form geeinigt, denn inzwischen begegneten sie sich wesentlich freundschaftlicher, als noch zuvor, schmiedeten gemeinsame Pläne und planten einen Schlag, der den Druck von der Front nehmen soll, wie man sich einmal ausdrückte.
Das war auch schon die einzige Information, die den Kreis um Carlos, Martinez und den General verließ. Auffällig war nur, dass Leute aus Juárez abgezogen wurden, um zusammen mit dem Militär Operationen durchzuführen. Laut Felipe betraf dies Carlos‘ erfahrenste Männer, die bereits zuvor im Militär oder in Spezialeinheiten gedient hatten. Das Ziel dieser Operationen war Felipe nicht bekannt.
Das Verhältnis zwischen Carlos und Maria hatte sich dagegen kaum geändert. Noch immer war laut Felipe eine gewisse Spannung spürbar, aber zumindest Maria scheute sich davor, auf Carlos zuzugehen, oder seinem Werben nachzugeben. Zumindest dann, wenn sie  nicht alleine waren. Unter den Männern brodelte die Gerüchteküche, dass sie hinter verschlossenen Türen bereits miteinander schliefen. Eine Information, die Felipe Juan vorenthielt, weil er sah, dass er darunter litt.
Von Felipe hatte Juan Stadtkarten erhalten, in denen die Sektoren und die aktuelle Bedrohungslage eingezeichnet waren. Juans Entschluss, dem Schosse Carlos‘ zu entfliehen stand fest, nur der Weg und sein Ziel standen noch nicht fest. Felipe wusste noch zu berichten, dass man neben Landkarten alte Pläne der Stadt untersuchte, die aufgrund ihrer Beschaffenheit 100 Jahre oder älter waren, konnte sich darauf aber keinen Reim machen.
Es gab nichts, wohin er fliehen konnte. Im Süden rückte der untote Feind immer weiter vor und im Norden war die amerikanische Grenze, für die inzwischen ein Großteil der amerikanischen Streitkräfte aufgebracht wurde, um diese zu überwachen und zu beschützen. Speziell die zwischen El Paso und Juárez verlaufende Grenze wurde massiv überwacht und das Personal auf dem Biggs Army Airfield aufgestockt. Durch die Nähe galt Juárez für die USA als potenzieller Gefahrenherd. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation für eine Flucht.
Also blieb Juan nichts anderes übrig, als abzuwarten. Abzuwarten, bis sich eine Gelegenheit ergab, der Obhut des einstigen Weggefährten zu entfliehen. Er hatte sich in Carlos getäuscht, hatte sich von seiner Fassade blenden lassen, hatte seine wahren Absichten die ganze Zeit übersehen. Oh, wie naiv von Juan zu glauben, dass seine wahren Absichten darin bestanden, ihn zu retten. Er war nur ein Spielball. Der Schlüssel zum Schloss von Marias Herz.
Carlos hatte erkannt, dass Maria ihn bewunderte, zu ihm aufsah und zugleich, dass sie mit Juan eine Hassliebe verband und er bereit war, dies auszunutzen. Vielleicht gab es einen Moment der echten Dankbarkeit, aber irgendwann war Carlos‘ wahres Wesen zum Vorschein gekommen und hatte von Juan unbemerkt seine Dankbarkeit verdrängt. Es musste im Bus, oder kurz zuvor gewesen sein. Die Aussicht auf die Rückkehr musste in ihm einen Schalter umgelegt haben. Dessen war sich Juan ganz sicher.
Maria gehörte ihm. Er hatte sie zuerst gesehen, er hatte ihr und ihren Kindern das Leben gerettet. Er konnte nicht zulassen, dass Carlos ihm Maria entriss. Dafür empfand er zu viel, dafür hatte er nicht an ihrer Seite gestanden und dafür hatte er sich nicht in Lebensgefahr begeben. Er hätte auch alleine fliehen und sie mit ihren Kindern zurücklassen können. Nein, so schnell wollte er sie nicht aufgeben.

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