Sonntag, 1. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 52

Untot - Band 2 - Kapitel 52
Juans Tür flog auf und Felipe stand atemlos im Türrahmen.
„Los, steh auf. Carlos will uns sehen.“
„Was? Jetzt?“
„Nein, morgen. Los, komm, steh auf. Es gibt Neuigkeiten.“
„Jaja, warte, ich komme gleich.“
„Ich geh schon mal voraus. Wir versammeln uns draußen vor dem Haus.“
„Ich wird euch schon finden.“
Juan wunderte sich. Neuigkeiten? Worüber? Vielleicht über das neue Flüchtlingscamp westlich von Juárez, worüber in den Nachrichten berichtet wurde, oder über die andauernden Besuche des Generals. Hoffnungsvoll erhob er sich aus dem Bett und richtete sein Hemd, machte den Fernseher aus und ging nach unten. Das Haus war leer und als Juan ins Freie trat, sah er auch warum.
Vor dem Haus stand die komplette Belegschaft von Carlos‘ Anwesen. Neben den für die Sicherheit zuständigen Wachen sah er auch Angestellte des Hauses, Köche und Gärtner. Um die 50 Leute standen vor dem Haus und warteten auf ihren Boss. Maria und die Kinder waren nicht darunter, wie Juan enttäuscht feststellen musste. Enttäuscht ging er zu der Gruppe und gesellte sich zu Felipe, der etwas abseits hinten stand.
Felipe sah Juan, nickte ihm zu und rückte etwas zur Seite um zu signalisieren, dass er sich neben ihn stellen könnte. Juan nahm die Einladung an und gesellte sich zu Felipe. Es war still. Keiner der Angestellten redete, jeder versuchte überflüssige Geräusche zu vermeiden, sei es aus Furcht oder aus Respekt Carlos gegenüber. Carlos tippte eher auf ersteres und scharrte ungeduldig mit den Füssen im Kies, was ihm einen bösen Blick von Felipe einbrachte.
Noch bevor Juan den bösen Blick erwidern konnte, ging die Tür auf und Carlos trat heraus. Sein Haar war streng nach hinten gekämmt und mittels Haargel fixiert worden. Statt eines Anzugs trug er ein uniformartiges Outfit in schicken Tarnfarben. Ein Pistolengurt hing um seine Taille und in einer Hand trug er demonstrativ ein Sturmgewehr amerikanischer Herkunft.
„Liebe Freunde“ eröffnete er seine Ansprache.
„Liebe Freunde, wir haben versagt. Wir haben darin versagt, Juárez zu beschützen. Noch sind unsere Straßen sicher, aber schon morgen kann sich das ändern. Wir haben mittlerweile drei Sektoren verloren und in zwei weiteren Sektoren kämpfen wir darum, tausende von Leben zu retten. Mit schwindendem Erfolg. Aus diesem Grund haben wir in Zusammenarbeit mit dem mexikanischen Militär beschlossen, Juárez zu verlassen. In 48 Stunden werden wir beginnen, die Stadt zu evakuieren.“ Juan räusperte sich, bevor er fortfuhr.
„Ich werde heute den Befehl nach draußen geben, die Leute auf die Evakuierung vorzubereiten. Wer nicht folgen will, bleibt. Das gleiche gilt für euch. Ich überlasse euch meine Villa, mein Vermögen, mein Grundstück. Hier seid ihr sicher, aber für wie lange? Schon bald werden zehntausende Untote die Straßen Juárez‘ bevölkern. Abertausende Monster, die darauf aus sind, sich an eurem Fleisch zu laben. Ihr könnt ihnen vielleicht einige Tage widerstehen, aber irgendwann werden sie einen Weg finden. Oder euch gehen die Vorräte aus.“ Wieder räusperte er sich.
„Viele von euch denken, es gibt keinen Weg mehr, es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Das ist richtig, und doch falsch. Es gibt einen Weg und den werden wir nutzen. Ein letzter Weg, ein letzter Ausweg. Gebt den Befehl nach draußen, dass die Stadt ab 13.00 Uhr evakuiert wird. In den evakuierten Zonen wird ein Vakuum entstehen, das schon bald von Untoten gefüllt werden wird.“ Carlos ging nach vorne auf die Treppe und eine Stufe nach unten.
„Ich kann keinen von euch zwingen, mir zu folgen, doch ich würde es mir wünschen, euch alle auch weiterhin an meiner Seite zu wissen. Wir sind eine Familie und Familien halten zusammen.“
„Und wohin wollen wir fliehen?“
Juans Zwischenruf erntete böse Blicke und brachte Carlos kurze Zeit aus dem Konzept.
„Ah, Juan, ja, schön dass du mich das fragst. Wir gehen nach Norden.“
„Dort ist die Mauer und die USA ist gerade nicht gut auf Einwanderer zu sprechen, habe ich gehört.“
„Das lass unser Problem sein. Wir arbeiten bereits an einer Lösung. Meine lieben Freunde, mein lieber Juan… Mexiko ist tot. Es lebe Mexiko. Viva la Mexiko!“
Damit trat Carlos ab und ließ die Männer ratlos zurück.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen