Freitag, 6. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 57

Untot - Band 2 - Kapitel 57
Carlos war vergessen. Juan wickelte ein Taschentuch um die Wunde und stolperte aus dem Loch zurück in den Abwassertunnel, begleitet von Felipes Schüssen, die plötzlich ganz dumpf klangen, übertönte von einem Pochen in Juans Ohren. Vor dem Tunnel standen immer noch Maria und einer von Carlos Männern, der sie nicht von dem Loch wegziehen konnte. Tränen liefen ihre Wange herab und immer wieder schrie sei Carlos‘ Namen.
„Er… er ist tot… bitte Maria… bitte… wir müssen gehen.“
„Nein. Nein, er kann nicht tot sein. Nein, bitte nicht…“
Juan sah ihr in die Augen, nahm sie am Arm und zerrte an ihr. Zu zweit gelang es ihnen, Maria mit sich zu ziehen und irgendwann erlosch ihr Widerstand. Apathisch und ohne Gegenwehr folgte sie den beiden Männern. Währenddessen waren die Schussgeräusche hinter ihnen verstummt, was entweder hieß, dass Felipe alle Angreifer vernichtet hatte, oder was wesentlich realistischer erschien, dass er bereits tot war. Das Pochen in Juans Ohren wurde wieder stärker. Seine Umgebung verschwamm vor seinen Augen, er stand kurz vor einer Ohnmacht.
Diesmal würde er sich der Ohnmacht nicht hingeben. Er atmete tief durch und bekam eine volle Dosis aus menschlichen Ausscheidungen und Chemikalien in die Nase. Der Gestank ließ ihn würgen, ließ ihn aber seine Ohnmacht vergessen. Als er seine Umgebung wieder wahrnahm, sah er ein Licht am Ende des Tunnels. Ein Licht und darunter eine Leiter, auf die gerade jemand hochkletterte.
„Hey, wartet auf uns!“
Juan schrie aus vollem Hals, sah wie der Mann auf der Leiter nach oben ein Signal gab, bevor er weiterkletterte. Eine halbe Minute später hatten sie die Leiter erreicht. Carlos Mann stieg als erster nach oben, stieß Juan und Maria einfach aus dem Weg. Juan schob Maria auf die Leiter und bildete den Abschluss. Der Aufstieg gestaltete sich unglaublich lange, für Juan erschien es eine Ewigkeit.
Oben angelangt wurde er von einem Scheinwerfer geblendet, der direkt in die Öffnung gerichtet war. Der Scheinwerfer blendete Juan und ließ ihn instinktiv die Hände vor die Augen legen. Er konnte nicht erkennen, wo er war, noch wer außer ihm noch da war.
„Willkommen in den USA. Darf ich bitte ihre Papiere sehen?“
Im gleichen Moment wurde der Scheinwerfer ausgestellt und jemand begann damit, den Eingang zum Kanal mit einem Deckel zu verschließen. Juan befand sich in einem großen, von Lampen beleuchteten Raum. Jetzt sah er auch, wer ihn nach seinen Papieren gefragt hatte. Es war der General, in einer Uniform der amerikanischen Armee. Rangabzeichen zierten seine Uniform und dahinter waren seine Männer damit beschäftigt, ihre Zivilkleidung ebenfalls gegen amerikanische Uniformen auszutauschen.
Der General brach in schallendes Gelächter aus, als er Juans Gesicht sah.
„Was geht hier vor sich? Wo sind wir?“
„Mein lieber Sohn, wir sind ab sofort amerikanische Staatsbürger. Der Durchbruch an den Grenzen hat für viel Wirbel gesorgt. Wir werden einige Tage hier verbringen und uns anschließend unauffällig unter das amerikanische Volk mischen. In den nächsten Tagen wird es hier von Militär nur so wimmeln und dann machen wir uns aus dem Staub.“
Juan sah Maria, die bereits bei ihren Kindern stand und sie fest an sich drückte. Hinter ihm war jemand mit dem Schweißgerät an dem Eingang zum Tunnel beschäftigt und die Kartellangehörigen standen an einer großen Landkarte, an der sie ihr weiteres Vorgehen zu planen schienen. Dort stand auch Martinez, der verschiedenen Männern Anweisungen erteilte. Als er Juan sah, brach er ab und lief zu ihm.
„Juan! Was ist mit Carlos? Ist er…“
„Ja, sie haben ihn erwischt. Felipe wollte ihn retten, wurde dabei aber selber verletzt und hat unseren Rückzug gedeckt. Es… tut mir leid.“
Martinez‘ Gesichtsausdruck verfinsterte sich, bevor er mit gebrochener Stimme weitersprach.
„Du kennst mich doch gar nicht, es muss dir nicht leid tun. Was hast du da?“
Martinez deutete auf das blutige Taschentuch an Juans Hand.
„Nur ein Kratzer. Ich wollte Carlos helfen und hab mich dabei irgendwo gekratzt. Wahrscheinlich an der Tunnelwand, ich weiß es nicht genau.“
„Zeig mal.“
„Was?“
„Na, zeig mal her. Nimm das Taschentuch weg und lass mich sehen.“
Juan nahm das Taschentuch von seiner Verletzung und Martinez warf einen prüfenden Blick darauf. Es sah nicht aus wie eine Bisswunde, eher wie ein normaler Kratzer und die Blutung war bereits gestillt. Martinez nickte kurz.
„Ok, danke. Wir müssen vorsichtig sein.“
„Wie geht’s jetzt weiter?“
„Wir werden uns Ausweise organisieren. Wir haben hier Verbindungen. Mit den Ausweisen werden wir, sobald es sich hier beruhigt hat, mit Bussen quer übers Land in die Großstädte reisen. Wenn alles gut geht, haben einige von Juans LKWs inzwischen ihr Ziel erreicht und sind dabei, Geld und Waren für uns zu bunkern. Außerdem hat Carlos einige Konten hier in den USA, die ich abrufen kann. Es ist genug für einen Neustart da.“
„Was ist mit Maria, den Kindern und mir?“

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