Sonntag, 8. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 59

Untot - Band 2 - Kapitel 59
„Red doch keinen Unsinn.“ Widersprach Juan.
„Wieso Unsinn? Erst habe ich meinen Ehemann und meinen jüngsten Sohn verloren. Dann habe ich mit Carlos den nächsten Mann in meinem Leben verloren. Hätte er uns damals alle in der Nacht infiziert, wären wir noch heute auf dem Dachboden zusammen als Familie. Weißt du eigentlich, wie weh solche Gedanken tun?“
„Ich… ich habe keine Ahnung.“
„Eben. Und du denkst wirklich, ich würde meine Zeit mit dir verbringen wollen. Eher würde ich dich erschießen.“
Die Ernsthaftigkeit in ihrer Stimme verletzte Juan, war wie ein Tritt in die Männlichkeit. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, war den Tränen nahe.
„Wieso… wieso sagst du so etwas?“
„Weil ich dich hasse. Du hast den Tod zu uns nach Hause gebracht. Ich hasse dich Juan. Es gab eine kurze Zeit, in der ich bereit war, dir zu vergeben. Aber seit Carlos‘ Tod ist der Hass in mir wieder aufgeflammt. Halt dich von mir und meinen Kindern fern.“
„Wenn du das wirklich willst…“
„Ich will es wirklich!“
„Na gut, dann gehe ich besser wieder rein und leg mich noch ein paar Stunden aufs Ohr. Schlaf gut.“
„Siehst du, das ist typisch. Du rennst schon wieder davon. Ja, los, verschwinde. Und lass dich nie bei mir blicken.“
Wortlos und gekränkt zog Juan davon. Tränen liefen über seine Wangen hinab. Wenn ihn jetzt einer der Männer sehen würde, würde er zum Gespött aller werden. Sofern er das nicht schon längst war. Juan wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und öffnete leise die Tür zum Schlafraum. Das Busticket lag noch auf dem Bett, schien ihn höhnisch anzugrinsen und ihn zu verspotten. Zwei Tage lang würde er mit seiner Maria im gleichen Bus sitzen. Zwei Tage auf engstem Raum zusammen, nur um sie danach für immer zu verlieren.
Nein, das durfte nicht passieren. Das würde nicht passieren. Er würde einen Weg finden, mit ihr zusammen sein zu können. Er legte sich zurück auf sein Bett und spürte wieder seine Verletzung. Die Wunde begann leicht zu jucken. Abwesend kratzte Juan etwas auf dem Verband herum und nahm ihn schließlich ab, um effektiver kratzen zu können. Als er die Wunde etwas näher betrachtete, erschrak er. Schwarze Adern verliefen von der Verletzung in alle Richtungen und eine der Adern führte von seiner Hand in den Arm nach oben.
Doch eine Blutvergiftung. Verdammte Scheiße. Zwei Tage. Alabama. Er musste nur durchhalten. Bis dahin würde er vermeiden müssen, dass die Blutvergiftung sein Herz erreicht. Juan erhob sich, ging zu dem Verbandskasten an der Wand und suchte nach etwas brauchbarem. Er fand eine Manschette, die man wohl nutzte, um Blutungen zu stillen, indem man die Blutversorgung für die entsprechenden Körperteile unterband. Juan nahm sie aus dem Kasten, schloss ihn wieder und ging zurück zu seinem Bett.
Dort setzte er sich hin und begann, die Manschette an seinem Arm zu befestigen. Schließlich presste er seinen Arm damit so weit zusammen, wie es ohne große Schmerzen möglich war. Nach getaner Arbeit legte er den Verband wieder an, streckte sich auf dem Bett aus und fiel schon bald in einen von Albträumen geplagten Schlaf.
Als er am nächsten Morgen erwachte, schien die Sonne schon hell durch die schräg angebrachten Fenster der Halle und erleuchteten den notdürftig eingerichteten Schlafraum. Juan erhob sich, sah sich um und als er sich allein wähnte, stand er auf und ging in den Waschraum. Auch dort war er allein und so wagte er es, den Verband abzunehmen. Seit dem gestrigen Tag konnte er keine Verschlechterung feststellen. Auch die schwarze Ader an seinem Arm verlief nicht weiter als gestern. Die Manschette schien zu helfen.
Dafür fühlte sich sein Arm etwas taub an und Juan fühlte sich überhaupt etwas schlapp. Wahrscheinlich hatte er sich in dem Abwasserkanal irgendwas eingefangen. Soviel menschliche Ausscheidungen und Chemikalien können gar nicht gesund sein. Mit einem Handtuch bedeckte er die Verletzung, ging zum Verbandskasten und fand dort ein Desinfektionsmittel. Großzügig benetzte er damit seine Verletzung und auch wenn es nichts half, gab es ihm ein gutes Gefühl, etwas getan zu haben.
Aus dem Verbandskasten entnahm er noch etwas Verbandsmaterial und ging zurück in den Waschraum, um sich für die große Reise vorzubereiten. Nachdem er sich frisch gemacht hatte, legte er noch im Waschraum einen neuen Verband auf und zog sich ein langärmliges Hemd drüber. Im Spiegel betrachtete er sich noch einmal und fand sich etwas blass. Juan hatte nichts dagegen. Bei seinem neuen Namen konnte es nur von Vorteil sein, wenn er etwas blasser war. Ein kratzen im Hals verursachte einen Hustreflex.
Juan verließ den Waschraum, nahm sich seinen Rucksack unter dem Bett heraus, kontrollierte nochmal seine Brieftasche mit den neuen Papieren und ging schlussendlich auf den Hof. Dort wartete bereits Martinez.
„Hallo Juan, schön dich zu sehen. Du siehst übrigens etwas kränklich aus, du solltest dich in Alabama eventuell ein paar Tage schonen. Gut, der Busbahnhof liegt ca. 15 Gehminuten von hier. Du gehst ohne Umwege dorthin, es geht immer geradeaus, suchst deinen Bus und verlässt ihn nicht mehr, bis ihr in Alabama seid. Wenn Maria einsteigt, wirst du sie ignorieren. Wenn ihr in Alabama seid, könnt ihr machen, was ihr wollt. Verstanden so weit?“
„Ja.“
„Na dann los und viel Glück in deinem neuen Leben.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen