Montag, 9. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 60

Untot - Band 2 - Kapitel 60
Juan verließ das Firmengelände mit gemischten Gefühlen. Die Mauern boten ihm Schutz vor Amerika, vor den Amerikanern, den Gringos. Jetzt war er mitten unter ihnen. Bereits wenige Meter nach der Mauer bemerkte er misstrauische Blicke auf sich, oder bildete es sich zumindest ein. Seine Kleidung war amerikanisch und überhaupt waren Mexikaner in El Paso nichts Ungewöhnliches. Zumindest bis vor kurzem.
Juan ging die Straße hinunter, vorbei an geschlossenen Geschäften und leer stehenden Wohnungen. Scheinbar hatten viele Leute die Stadt verlassen und die, die noch da waren, waren misstrauisch allen Fremden gegenüber. Und das ließen sie die Fremden spüren. Manche mehr, manche weniger offensichtlich. Mexikaner oder allgemein Personen südamerikanischer Abstammung hatten die letzten Tage in den USA wahrscheinlich nicht viel zu lachen.
Als er sich dem Busbahnhof näherte, nahmen die Menschenmassen langsam zu, was es ihm einfacher machte, in der Masse anonym unterzutauchen. Ein plötzlicher Hustenanfall lenkte unangenehme Aufmerksamkeit auf Juan. Mit dem Husten einhergehend wurde Juan leicht schwindelig und er stützte sich an einer Hauswand ab.
„Geht es ihnen gut?“
Neben Juan stand eine junge Frau und sah ihn sorgevoll an. Juan wollte gerade auf Spanisch antworten, bevor er sich bewusst wurde, dass das momentan eine schlechte Idee wäre.
„Ja, geht gut. Danke.“
„Schön. Sie sehen nicht gut aus, sie sollten zu einem Arzt gehen.“
Juan verstand nur Arzt und schüttelte den Kopf.
„Danke, geht schon.“ Damit entschwand er.
Die junge Frau sah ihm fragend nach, bevor er in der Masse verschwand und sie sich wieder ihren Angelegenheiten zuwandte. Juan beschleunigte seinen Schritt und landete schließlich am vollen Busbahnhof. Die Zugänge zum Abfahrtsbereich waren mit Sicherheitspersonal besetzt, das die Ausweise der Reisenden überprüfte. Juan stellte sich in einer der Reihen an und wartete darauf, dass er drankam. Als er das Sicherheitspersonal erreicht hatte, händigte er dem Sicherheitsbeamten seinen neuen amerikanischen Ausweis aus.
„Bush, Ronald.“ Sprach der Mann laut aus und sah dabei in Juans Gesicht.
Juan sah zurück und als er darin seinen neuen Namen erkannte, nickte er eilig.
Der Sicherheitsbeamte sah nochmal auf den Ausweis, nochmal in Juans Gesicht, bevor er ihm den Ausweis wieder aushändigte. Juan atmete unsichtbar auf. Die erste Hürde war genommen. Vor den Schaltern standen Menschen, die noch eine Karte aus der Stadt ergattern wollten, aber die meisten Busse waren schon ausverkauft. Eine Laufschrift verkündete, dass Sonderbusse eingesetzt würden, deren Abfahrt aber nur kurzfristig kommuniziert werden könnte.
Juan hatte seine Karte, sein Platz war reserviert, er musste nur noch in den Bus steigen. Auf einer Tafel sah er, dass sein Bus von Stellplatz 43 abfahren würde. Er hatte noch 30 Minuten bis zur Abfahrt, eigentlich bestand keine Eile. Trotzdem tat er, wie ihm geheißen und ging zu dem Stellplatz. Der Bus stand bereits auf seinem Platz, schien nur auf ihn zu warten. Der Bus, und die davor stehenden Polizeibeamten in Begleitung eines Polizeihundes.
Der Hund hielt seine Nase in den Wind und sah zu Juan herüber. Juan überlegte. Er hatte nichts zu verbergen. Sein Ausweis war gültig und was sollte der Hund schon herausfinden. Der Hund konnte doch nicht riechen, dass er Mexikaner war. Plötzlich fühlte sich Juans Kehle ganz trocken an, so dass er beschloss, vor der Abfahrt noch etwas zu trinken zu kaufen.
Am Busbahnhof befand sich noch ein kleines Diners mit angeschlossenem Laden. Er entschied sich für den Laden und ging zum Kühlschrank, aus dem er sich ein kaltes Wasser herausnahm. Auf dem Weg zur Kasse nahm er seine Geldbörse aus der Tasche und kramte darin, nahm dann einen Zehn-Dollar-Schein heraus und reichte ihm den Kassierer. Das Wechselgeld steckte er stolz zurück in seine Tasche. Klappte schon ganz gut, wie er fand.
Er drehte den Verschluss der Flasche auf und schluckte den ganzen Inhalt hinunter. Das kalte Wasser lief ihm wohltuend die Kehle hinab und er beschloss noch ein Wasser für die Fahrt zu kaufen. Wer wusste, wann der Bus für einen kurzen Stopp halten würde? Er ging zurück in den Laden und nahm sich noch zwei Flaschen, die er sich in eine Tüte packen ließ. Ganz so, wie er es in den Filmen gesehen hatte.
Auf dem Weg zum Bus ging er zur Toilette und erleichterte sich über dem Pissoir. Als er sich die Hände wusch, warf er einen Blick in den Spiegel und erschrak. Seine Gesichtsfarbe wurde zunehmend fahler und seine Augen wirkten leicht eingefallen. Es war eine lange Nacht, redete sich Juan ein, er hatte zu wenig Schlaf, zu viel Stress in den letzten Tagen und außerdem bahnte sich noch eine Erkältung an. Zwei Tage. Dann würde er einen Arzt aufsuchen. Langsam ging er zurück zum Bus und sah noch immer die Polizeibeamten davorstehen.

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