Mittwoch, 11. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 62

Untot - Band 2 - Kapitel 62
Es war tatsächlich ein Internierungslager, in dem die Flüchtlinge bis zu einem Abtransport zwischengelagert wurden. Einheiten der Nationalgarde überwachten das Lager, scheinbar unterstützt von Zivilisten, oder Beamten in Zivil. Juan erkannte aber keine Dienstabzeichen an ihrer Kleidung, noch wirkten sie in irgendeiner Form wie Polizeibeamte. Möglicherweise wurden die Leute von der örtlichen Polizei als temporäre Unterstützung angeheuert.
Ein Mann wurde aus einem der Zelte gebracht. Hinter der zufallenden Plane erkannte Juan für einen Moment medizinische Geräte und überlegte kurz, ob man ihn hier wegen seiner Blutvergiftung behandeln könnte, nur um von seiner Angst im nächsten Moment wieder übermannt zu werden. Angst schien auch der junge Mann mexikanischer Abstammung zu haben. Sein Gesicht war angstverzerrt, sein Gang widerwillig und so zerrten seine Wächter an ihm.
Im nächsten Moment lag einer der Männer im Staub und der andere starrte verwundert auf die Stelle, an der der Mann eben noch stand. Schnell wie ein Wiesel hatte er sich aus dem Griff befreit und lief, als ginge es um sein Leben. Nur kurz darauf später krachte der erste Schuss und Juan begriff, dass es wirklich um sein Leben ging. Die hier versammelte amerikanische Staatsmacht verschwendete keine Zeit mit Warnungen oder gar Warnschüssen, sondern eröffnete sofort das Feuer.
Der erste Schuss ging in den Boden und ließ den Sand aufstäuben, zwei weitere Schüsse schienen den Flüchtenden nur knapp zu verfehlen. Juan sah ihn den Kopf einziehen, als wäre die Kugel nur Zentimeter an ihm vorbeigeflogen. Danach verließ ihn das Glück, denn eine Kugel traf einen Fuß. Blut spritzte und der in seinem Fuß explodierende Schmerz ließ den Mann straucheln, bevor er schreiend auf dem Boden landete.
Die Waffen wurden wieder eingesteckt, es ertönten keine weiteren Schüsse und die zwei Bewacher des Mannes gingen langsam und siegessicher zu ihm. Der lag schreiend auf dem Boden, versuchte auf die Füße zu kommen und brach mit einem Aufschrei wieder zusammen. Mit den Händen zog er sich vorwärts, scheinbar auf der Flucht vor dem Unvermeidlichen.
Es dauerte nicht lange, bis sie bei ihm waren. Statt ihm aufzuhelfen hielt ihm einer der Männer, ein Zivilist im roten Karohemd und mit Cowboyhut, sein Gewehr an den Kopf und schien ihm etwas zu erzählen. Der Mann kroch weiter, während die beiden Männer auflachten. Juan konnte es nicht hören, sah aber ihre Gesichter, sah wie sie sich amüsierten, sah in ihrer Körperhaltung, wie sehr sie es genossen. Dann drückte er ab.
Es war ein kurzer, schnell verhallender Knall. Zurück blieb die Leiche eines Mannes, sein Kopf war nur mehr eine breiige Masse, die sich im Wüstensand verteilte. Wieder lachten die beiden Männer und niemand schien es zu interessieren. Niemand griff ein, niemand lief zu den Männern um sie zu verhaften, es war gerade so, als wäre nichts passiert. Aber scheiße, doch, es war etwas passiert. Ein Mensch war eben von zwei Rednecks öffentlich hingerichtet worden.
Die beiden bückten sich, packten je einen der Füße und zogen so die Leiche hinter sich her, eine Blutspur hinter sich herziehend. Eine Frau im Bus schrie auf, andere folgten. Es waren keine empörten Schreie, sondern Schreie des Ekels wegen. Juan hoffte, dass Carmen und Antonio nichts davon mit ansehen mussten, nichts davon mitbekamen, wie man mit Menschen im Land der Freiheit umging. Im Bus waren jetzt Gespräche ausgebrochen. Die Leute redeten über das, was da draußen vor sich ging. Wieder konnte Juan nichts verstehen, nur einige Wortfetzen konnte er einordnen, die für ihn aber keinen Sinn ergaben.
Die Männer zogen die Leiche bis hinter ein Zelt, wo sie sie in ein Loch warfen. Zeltwände behinderten die Sicht auf das Loch, aber Juan kam ein schlimmer Gedanke daran, was wirklich in diesem Loch war. In dem Internierungslager standen jetzt einige Männer in der Nähe des Zauns und warfen traurige Blicke in die Richtung des Lochs. Einer erzählte etwas, andere nickten und viele bekreuzigten sich. Juan spürte Hass in sich aufsteigen.
Was sollte er machen, wenn sie in den Bus kamen? Er hatte eine Pistole und dort draußen standen um die 30 Amerikaner, alle bewaffnet und viele ausgebildet im Umgang mit der Waffe. Er saß in einem Bus mit unbeteiligten Zivilisten und auch wenn er sich nicht kampflos ergeben wollte, wollte er auch nicht das Leben von Unschuldigen riskieren, wollte sich nicht auf das Niveau dieser Mörder begeben.
Juan wurde kalt. Er zitterte am ganzen Körper, fühlte sich plötzlich hundeelend und das nicht nur wegen dem, was draußen vor sich ging. Es kam plötzlich über ihn und er hatte keine Kontrolle mehr über seinen Körper. Unkontrolliert zuckte er am ganzen Leib und seine Zähne klapperten. Zum Glück redeten die Leute noch lebhaft und lautstark miteinander. Juan hoffte, dass es so bleiben würde, und ihn niemand hören würde. Dort draußen stand das Medizinzelt, aber auch die Männer, die seinen Landsmann vor Zeugen öffentlich hingerichtet haben. Sein Leben würde da draußen keinen Cent mehr wert sein.
Nach einigen Minuten war der Schüttelfrost vorbei und Juan wurde heiß. Er schien förmlich in der Sonne zu braten. Schweiß lief ihm am ganzen Körper herunter, durchnässte sein Hemd und ließ es unangenehm am Körper kleben. Sein Hals wurde trocken und mit kraftlosen Händen öffnete er seinen Rucksack, um eine Wasserflasche herauszunehmen. Angenehm kühl lief das Wasser seine Kehle hinab und befeuchtete diese wieder, nur um im nächsten Moment von einem Hustenanfall strapaziert zu werden. Dann ging die Tür auf und der gleiche Beamte wie vorhin kam in den Bus.

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