Freitag, 13. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 63

Untot - Band 2 - Kapitel 63
Wieder sprach er mit dem Fahrer, händigte ihm etwas aus und verließ dann den Bus wieder. Der Motor des Busses startete und langsam bewegte er sich wieder auf die Straße. Juan sah zurück und sah gerade noch, wie einige Männer aus dem Lager in Richtung des Lochs geführt wurden. Danach verschwand das Lager aus seinem Blickwinkel und die kurz darauf abgefeuerten Schüsse verhallten ebenso ungehört.
Juan war erleichtert, kämpfte aber mit seiner Infektion. Seine Hand war inzwischen so stark geschwollen, dass der darüber liegende Verband es kaum mehr kaschieren konnte, aber das war jetzt egal. Sie waren auf dem Weg nach Alabama. Dort wartete ein Arzt. Der konnte ihm helfen. Er war in Amerika. Dort starben keinen Menschen, die Geld hatten. Es war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Kein Mensch würde Fragen stellen, solange das Geld stimmte und Geld hatte er genug. Carlos hatte sich großzügig gezeigt und lag jetzt wahrscheinlich immer noch unter der Leiche des Untoten in der Kanalisation.
Inzwischen war er sicher selbst einer von ihnen. Für eine Ewigkeit gefangen unter einer Leiche. Was für ein Spaß. Ein verdienter Spaß, wie Juan fand. Obwohl er sich als ihr Gönner gab, war er doch nur ein Heuchler. Ein gottverdammter Heuchler, der die Finger nicht von Maria lassen konnte. Wäre er nicht aufgetaucht, wäre er jetzt an Marias Seite. Oder tot. Nein, nicht tot. Er wäre an Marias Seite. Sie wären für immer zusammen.
Ein Hustenanfall riss ihn aus seinen Gedanken. Rau kratzte es in seiner Kehle und als er spürte, dass sich dort Auswurf gesammelt hatte, nahm er ein Taschentuch, um es dort hinein zu spucken. Als er das Taschentuch vom Mund wegzog, war es rot gefärbt. Er hatte blutigen Auswurf gehustet. Angeekelt sah er das Taschentuch an und überlegte schnell, wo er es verstecken könnte, bevor noch jemand auf den Gedanken kam, dass er infiziert wäre.
Nein, natürlich war er nicht infiziert. Wie denn? Er hatte sich doch nur gekratzt. An einem Messer oder einem der Untoten… nein, an einer Waffe, oder an der Wand des Lochs, oder an den blutigen Resten eines Schädels… nein, das konnte nicht sein. Er konnte nicht so weit gekommen sein, um dann als Untoter zurückzukehren. Das war gänzlich unmöglich. Das konnte nicht Gottes Wille sein. Oder trieb dieser Gott seine Spielchen mit ihm? War Gott ein rechtskonservativer Amerikaner, der die Mexikaner hasste? Wer war dieser Gott?
Juan verfluchte ihn, diesen Gott. Er könnte diesem Gott ein Schnippchen schlagen und sich jetzt selbst richten. Er bräuchte nur die Waffe aus dem Rucksack nehmen, anlegen und sein Leben wäre vorüber. Vorbei. Gott könnte ihn am Arsch lecken. Dieser Gott, der seinen eigenen Sohn auf die Erde geschickt hat, um ihn grausam am Kreuz sterben zu lassen und ihn danach wieder zum Leben erweckte. Zum Leben… wie einen Zombie. War dass alles Gottes Werk? War es Gottes Wille, dass die Menschen aus dem Tod wieder zu Leben erweckt wurden?
War es alles Gottes Wille? War es gar keine Strafe, sondern ein Geschenk? Verstießen alle, die sich dagegen wehrten gegen Gottes Willen? Wie konnten es die Menschen wagen, an der göttlichen Unfehlbarkeit zu Zweifeln. Wie konnte er, Juan, daran zweifeln, dass Gott nur das Beste für ihn wollte? Rasch bedauerte er seine vorherigen Gedanken, betete zu Gott, pries ihn und seine göttliche Vorhersicht, sowie seine Unfehlbarkeit.
Juan lag halb in einem Fiebertraum, flüsterte leise vor sich hin und sprach zu Gott. Er sah sich selber dort im Bus sitzen und neben ihm saß Jesus, gezeichnet von der Kreuzigung und halb verwest. Er sprach zu Juan, sprach davon, dass er sein Fleisch esse und er wolle, dass Juan das Fleisch der anderen essen solle, um Gottes Willen zu verbreiten, um die Menschen zu Gott zu führen, um ihnen neues, göttliches Leben einzuhauchen.
Es war kein Virus, es war Gottes Wille, dessen war Juan sich jetzt sicher. Er verfluchte all die Zweifler, verfluchte sich selber dafür, so lange vor Gottes Willen geflüchtet zu sein. Wie anmaßend konnten Menschen sein, wie blind konnten Menschen gegenüber der göttlichen Schöpfung sein? Juan lachte laut auf, bis das Lachen in ein Husten überging. Blut tropfte aus seinem Mund und mit dem Ärmel wischte er es sich aus dem Mundwinkel und tränkte sein Hemd blutrot.
Als das Fieber zurückging, fand sich Juan durchnässt auf seinem Platz im Bus mit blutverschmiertem Gesicht und Hemd. Für einen kurzen Moment war er wieder er selbst, erkannte jetzt endlich, was aus ihm geworden war oder werden würde und griff in den Rucksack, fühlte dort wieder das kühle Metall und war überzeugt es jetzt zu tun, bevor es zu spät war, zögerte dann aber. Nein, nicht jetzt. Er war bei klarem Verstand, er hatte noch Zeit. Zeit, um irgendwann aus dem Bus zu flüchten und es allein zu tun. Oder gar nicht. Er hatte mehr Angst vor dem Tod, als vor einem ewigen Leben als Untoter.
Juan wurde plötzlich müde. Er zog seine Hand wieder aus seinem Rucksack und hielt sich als Folge eines Hustenanfalls ein Taschentuch vor den Mund. Inzwischen hustete er das Blut schon als feinen Sprühregen. Müde. Er würde schlafen und danach würde es ihm wieder besser gehen. Danach würde er überlegen, was zu tun war. Wieder hustete er. Nur ein paar Stunden. Krankheiten kuriert man im Schlaf am schnellsten aus. Seine Mama hatte ihn bei Grippe immer ins Bett gesteckt. Seine Mama. Plötzlich vermisste er seine Mutter und beneidete sie darum, dass sie durch ihren Tod vor einigen Jahren das alles nicht mehr miterleben musste. Mit dem Gedanken schlief er ein.

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