Samstag, 14. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 64

Untot - Band 2 - Kapitel 64
Als Juan die Augen aufschlug, war es dunkel. Die Scheinwerfer des Busses schnitten durch die Dunkelheit und erhellten wenige Meter vor und neben dem Bus. Vor zwei Stunden wurden die Fahrer gewechselt. Juan hatte nichts davon mitbekommen. Sicher lenkte Bob den Bus. Er war es gewohnt, spät zu fahren. Liebte es durch die Nacht zu cruisen. Meist war es nachts im Bus ruhiger und auf den Straßen weniger Verkehr. So auch in dieser Nacht.
Im Radio wurde gerade wiederholt, dass El Paso aufgegeben werden musste. Der internationale Flughafen wird noch von Kräften der Nationalgarde gehalten, der Bahnhof musste bereits in den ersten Stunden aufgegeben werden. Sie kamen aus der Kanalisation, aus dem Klärwerk. Ein Mitarbeiter hatte die Tür zum Tunnelsystem aufgeschlossen und wurde förmlich überrannt. Tausende strömten aus den Tunnels des Abwassersystems und überschwemmten die Stadt. Die örtliche Polizei war machtlos und durch die Bindung in Suchaktionen kam die Verstärkung erst spät. Zu spät.
Auf dem Flughafen harren noch tausende aus, die auf Rettung hoffen. Fluggesellschaften haben bereits ihre Unterstützung zugesagt und Sonderflüge zur Rettung der Eingeschlossenen gestartet. Und das nachdem der Sprit ohnehin schon knapp war. Seit den Vorfällen im mittleren Osten wurde den Amerikanern der Ölhahn zugedreht und der Treibstoff im Land rationiert. Eine Katastrophe für ein Land wie Amerika aber nicht das Problem von Bob. Solange er seinen Bus fahren durfte, war für ihn die Welt in Ordnung und die Probleme in El Paso weit von ihm entfernt.
Verdammt, er kannte nicht mal jemand aus El Paso, ganz im Gegensatz zu seinen Passagieren. Aber die hatten es geschafft. Die waren jetzt aus dem Schneider und in Bobs Gewahrsam und der würde jetzt viel lieber Johnny Cash hören, anstatt Nachrichten aus einer Stadt, die ihn nicht interessierte. Lebten eh nur Mexikaner in dem Kaff und die waren Schuld daran, dass die Scheiße jetzt auch in Amerika ausbrach. Bob war der Meinung, dass man mit denen kein Mitleid haben sollte. Der Tod war ohnehin eine Erlösung für diese dreckigen Maden.
Bob betätigte erneut den Sendersuchlauf, bis er eine Station fand, die auch in diesen Zeiten noch Musik spielte, da war es Bob auch schon egal, dass man sich dort witzig vorkam, dem Gemetzel in El Paso den Queensong „Another one bites the dust“ gegenüberzustellen. Scheiß Schwuchtel murmelte Bob, während er Freddy Mercury einen langsamen Tod wünschte.
All das war Juan egal, als er aus seinem Schlaf erwachte. Er hörte. Er hörte ihre Herzen schlagen. Wie ein ohrenbetäubendes Geräusch hämmerten die schlagenden Herzen in seinem Gehirn. Er hatte Hunger und wollte essen. Er wollte essen und dieses Geräusch stoppen. Dieses hämmernde Geräusch in seinem Gehirn. Er erhob sich und seine Gliedmaßen gehorchten nur widerwillig. Sein Körper fühlte sich steif an und seltsam empfindungslos.
Ihm gegenüber schlug eines der Herzen. Seine Augen zeigten ihm nur wenig von dem, was in seiner Gegenwart stattfand. Sie lieferten nur einen Bruchteil der Informationen, die sie früher geliefert hatten. Dafür funktionierte sein Gehör wesentlich besser und er konnte wesentlich mehr Gerüche wahrnehmen. Das zusammen ergab in seinem Kopf ein primitives dreidimensionales Bild, das auf die Informationen Hindernis und Essen zusammengeschrumpft war.
Er sah die schlagenden Herzen, sah sie pulsieren, hell leuchtend in einer dunklen Nacht pulsierten sie dort vor sich hin. Mit jedem Schlag wurde Blut durch die schwächer leuchtenden Adern gepumpt und Juan wusste nicht warum, aber er musste davon kosten, musste ihm sein Fleisch von den Knochen reißen und hinunterschlingen, um seinen Hunger zu stillen, um das Geräusch in seinem Kopf verstummen zu lassen. Es war kein Wissen, es war ein Instinkt.
Etwas in ihm, dass ihn dazu zwang, seine Bewegungen steuerte, seinen Willen überging, oder seinen Willen zu Juans Willen machte. Juans Körper erhob sich aus seinem Sitz. Eine Bodenwelle schleuderte ihn wieder zurück und Juan erhob sich wieder. Er würde dies so oft wiederholen, bis er sein Ziel erreicht hatte. Juan kannte keine Eile. Er kannte nur den Hunger und das Bedürfnis, das Pochen zu stoppen.
Seine Hand verhedderte sich im Rucksack, zog ihn mit sich und ließ ihn anschließend auf den Boden fallen. Das dumpfe Geräusch erweckte die Aufmerksamkeit von Bob, der einen kurzen Blick in den Rückspiegel warf und Juan sah, der im Begriff war, sich von seinem Platz zu erheben. Er bemerkte seine ungelenken Bewegungen, schrieb sie aber einer anderen, ihm greifbarer erscheinenden, Ursache zu.
„Na Kumpel, zu viel Tequilla gesoffen? An deiner Stelle würd ich mich wieder hinsetzen, ist etwas holprig hier.“
Aus Juans Kehle kam nur ein Stöhnen, hervorgebracht durch das sich zusammenziehende Zwerchfell, eine Reaktion des Körpers, keine bewusste Antwort. Es gab aber auch eine direkte Reaktion auf die Stimme des Fahrers. Die Stimme explodierte förmlich in Juans Kopf, hell wie eine Supernova, laut wie ein Donnerschlag, füllte es ihn aus und so ließ er von dem anderen Fahrgast ab, wandte sich statt dessen Bob zu. Der hatte nicht übertrieben, die Straße war wirklich holprig und Juan fiel zwischen den Sitzreihen herum und schaffte es schließlich nach vorne, bis er wenige Zentimeter hinter Bob stand.

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