Dienstag, 17. Mai 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 67

Untot - Band 2 - Kapitel 67
Ist es das? Ist das das Ende? Mein Kopf pocht und mein linker Arm schmerzt. Blut läuft an meiner Stirn nach unten, läuft auf die Nase, tropft auf mein Kleid und bildet dort rote Muster. Ich sitze. Ich sitze und sehe meinen linken Arm nicht mehr. Er schmerzt. Gebrochen? Wahrscheinlich. Ich fühle mich wie einer Zeitlupe. Ich höre Geräusche wie durch Watte und laufe neben der Zeit.
Bin ich schon tot? Nein, es tut weh, also lebe ich. Ich sehe meinen Sohn. Er ist tot. Ein Koffer liegt da, wo sein Kopf sein sollte, seinen Kopf sehe ich nicht. Ich sollte Trauer empfinden, aber ich empfinde gar nichts. Ich sollte weinen, aber ich kann nicht. Ich bin leer, ich bin nur noch eine Hülle für meinen Geist. Ich habe Abstand genommen von der Person, die ich einst war und bin nur noch ein Beobachter.
Ich bin nicht tot. Ich sehe meine Tochter. Ein Monster ist über sie gebeugt. Der Kopf des Monsters hängt herab, seine Zähne in ihren jungen unschuldigen Körper geschlagen. Ich hoffe für sie, dass sie schon tot ist, aber ich empfinde nichts. Sie liegt da, friedlich. Entschlafen. Wollte Gott, dass ich so mit meiner Familie wieder vereinigt werde? Im Tod? Dann lass mich sterben, Gott. Lass mich zu meiner Familie.
Ich sehe meine Tasche. Sie liegt nicht weit von mir. In der Tasche liegt das Werkzeug für mein Ende. Ich muss zu meiner Tasche und dann kann ich Frieden finden. Antonio, Miguel, Carmen, Emilio… ich werde euch folgen und wir treffen uns wieder an einem besseren Ort. Und du Juan, mögest du in der Hölle schmoren. Du Teufel hast mir alles genommen und bist gerade dabei, mir auch noch meine Tochter zu nehmen.
Ich empfinde Wut. Der Tag, an dem ich dich getroffen habe, war der Tag, an dem mein Leben aus den Fugen geriet. Du warst der Auslöser, du bist das böse Omen, der Todbringer. Oh, Juan, ich hasse dich. Ich hasse dich mit jeder Faser meines Körpers. Ich werde nicht sterben, ohne dich mitzunehmen. Ich werde dich nicht erlösen, ich werde dich in die Hölle schicken, denn da gehörst du hin.
Ich empfinde Trauer. Antonio, nein… Carmen… bitte Gott, lass sie schon tot sein. Ich will nicht, dass sie wieder zurückkommt. Bitte Gott. Ich muss zu meiner Tasche, aber mein Arm ist eingeklemmt. Er liegt zwischen zwei Sitzen, die Wucht des Aufpralls hat ihn gebrochen. Ich muss ihn herausziehen. Es tut weh, aber er bewegt sich. Die Schmerzen lassen mich fast ohnmächtig werden, aber ich muss stark bleiben, für meine Kinder.
Meine Hülle ist wieder mit Leben gefüllt. Der Schmerz hat mich zurückgebracht, ich will noch nicht sterben. Ich will diesen Bastard tot sehen. Am Ende des Busses sehe ich jemand durch die Windschutzscheibe wanken. Ich glaube, es ist der Busfahrer. Er stolpert an Juan vorbei und wirft sich auf das erste Opfer. Es ist ein junger Mann. Er schreit, versucht sich zu wehren, ist aber verletzt. Sein Fuß scheint gebrochen. Er schlägt nach dem Busfahrer, aber seine Schläge verpuffen wirkungslos. Er wird bald tot sein.
Mein Arm ist frei, der Schmerz höllisch. Ich gehe zu meiner Tasche, hebe sie auf und versuche mit der einzig heilen Hand die Waffe herauszuholen. Carlos hat sie mir gegeben, hat mir beigebracht, damit umzugehen. Oh Carlos, auch du wurdest mir genommen. Taschenverschlüsse sind für zwei Hände gebaut, aber ich schaffe es, die Tasche zu öffnen und kann auch noch verhindern, dass mir der ganze Inhalt auf den Boden fällt.
Die Waffe? Wo ist sie? Meine Finger umschließen kaltes Metall. Ich greife herum, bis ich sie richtig herum halte und ziehe sie aus der Tasche. Mit der rechten Hand halte ich das Prachtstück in Händen und ziele auf Juan. Doch der Busfahrer stellt die größere Bedrohung dar. Ich ziele, drücke ab und nichts passiert. Der Spannhebel blockiert. Die Sicherung. Carlos hat mir gezeigt, wie man Waffen sichert und entsichert.
Ich muss die Waffe ablegen, versuche den Sicherungshebel umzulegen und schließlich gelingt es mir. Ich nehme die Waffe erneut hoch, ziele, drücke ab und werde von dem folgenden Knall fast taub. Ich spüre den Rückstoß im ganzen Körper. Mein linker Arm sendet Schmerzwellen durch meinen ganzen Körper. Aber ich habe ihn verfehlt. Er lässt von dem Mann ab, kommt auf mich zu. Ich lege wieder an und kurz bevor er sich auf mich stürzt, hallt der zweite Schuss durch das Buswrack.
Wieder Schmerzen, aber er bricht vor mir zusammen und bleibt liegen. Ich gehe weiter. Juan ist noch immer über meine Tochter gebeugt. Blut fließt an der Stelle herab, an der seine Zähne in ihr stecken. Mit seinem heilen Arm versucht er sich wegzudrücken und scheitert. Als ich näher komme, sehe ich das entstellte Gesicht meiner Tochter und ich werde traurig. Carmen öffnet das heile Auge und schreit. Sie schreit vor Angst und vor Schmerzen. Sie sieht Juan, dessen Zähne sich in ihren Arm verbissen haben.
Sie ist schon tot. Sie sieht mich an. Flehend. Bittend, dem ein Ende zu machen. Ein Schuss erlöst sie von ihren Schmerzen und die Trauer steigt in mir hoch, als ich ihren leblosen Körper vor mir liegen sehe, ihr kleiner Kopf zertrümmert von der Wucht des Geschosses. Juan lässt von ihr ab, fühlt mich. Er kann mich nicht sehen, sein Kopf hängt an ihm wie ein überflüssiges Teil. Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, hebe meinen Fuß und trete zu.
Ich trete. Wieder und wieder. Meine Wut, meine Trauer kanalisieren sich in den Tritten. Ich schreie während ich zutrete und irgendwann zerbricht etwas, gibt nach. Ich trete nicht mehr auf einen Schädel, ich trete in eine breiige Masse, aber ich trete weiter. Ich will, dass nichts mehr von ihm überbleibt, ich will ihn persönlich in die Hölle treten. Ein Stöhnen reißt mich aus meiner Wut. Ich sehe eine junge Frau, blutüberströmt, untot. Es ist noch nicht zu Ende.

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