Samstag, 25. Juni 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 5

Kapitel 5

Die Lebensbedingungen für Flüchtlinge im Bereich der befestigten Gebäude waren grenzwertig, hier in den U-Bahnstationen war sie katastrophal. Auf wenigen Quadratmetern waren ganze Familien untergebracht, an Schnüren herabhängende Decken und Tücher sorgten für einen Rest Privatatmosphäre. Es stank erbärmlich nach Kot und Urin, Ratten hetzten zwischen den Menschen, um kaum vorhandene Reste zu ergattern und nicht selten dienten die Ratten als willkommene Fleischergänzung.

Seuchen waren an der Tagesordnung und Todesfälle aufgrund falscher Ernährung kaum seltener. Das verzehrte Rattenfleisch war häufig mit Giften oder Zombieüberresten kontaminiert, die zwar nicht mehr den Virus übertrugen, aber doch für den Menschen unbekömmlich. Hohes Fieber und ein nach drei bis vier Tagen aussetzendes Herz war die Folge. Ähnlich, wie bei einer Kontamination mit dem Virus, allerdings kamen diese Toten nicht mehr zurück.

An all das musste Paul denken, als sie dem schmalen Pfad folgend das Zwischengeschoss durchquerten und in Richtung der Treppe gingen. Ein ehemaliger Backshop diente als Verwaltungsgebäude und gleichzeitig Unterkunft für die dort beschäftigten Beamten. Den ließen sie aber links liegen und gingen stattdessen die Treppen nach unten. Im Hintergrund war leise Musik zu hören „I Don’t Wanna Change The World“ sang Ozzy Osbourne. „Starker Song“ kommentierte einer der Soldaten. „Makabre Scheiße“ konterte Brunner.

Unten wartete bereits eine U-Bahn auf die Truppe. U-Bahnen waren in den zerstörten und überrannten Großstädten häufig die einzigen funktionierenden und sicheren Verbindungen innerhalb der Stadt. Strom war zum Glück kein seltenes Gut. Die Kraftwerke wurden vor dem Krieg als lebenswichtige Institutionen eingestuft und frühzeitig befestigt. Eine auch im Nachhinein weise Entscheidung. Große Teile der Überlebenden waren mit Strom versorgt, man hatte Licht, Wärme und fließendes Wasser. Mehr, als andere Länder zur Verfügung hatten.

Die U-Bahn war bis auf die dort stationierten Wachleute menschenleer. Für Reisen innerhalb der Stadt waren besondere Genehmigungen nötig, Wachleute kümmerten sich darum, dass die Leute sich daran hielten. Pro Wagen waren zwei Männer eingeteilt, die Anwendung von Gewalt nicht ausgeschlossen. Die Bahnen selbst fuhren auf Anforderung, der regelmäßige Pendelverkehr schon lange eingestellt. Dafür verteilte man darüber Nahrungsmittel und Vorräte.

Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich in Bewegung. Der Fahrer fuhr auf Sicht und mit maximal 30 Stundenkilometer. Allzu häufig waren Menschen in den Tunnel unterwegs. Menschen, die auf anderen Stationen nach Verwandten oder Bekannten suchten. Noch war kein zentrales Verwaltungssystem aufgesetzt. Noch gab es hunderte Kinder, die keinen Eltern zugeordnet werden konnten.

Langsam passierten sie die nächste U-Bahnstation und spürten beim Vorbeifahren die Blicke der Flüchtlinge auf sich ruhen.

„Gespenstisch, was?“ Horsts Worte rissen Paul aus seiner Lethargie.

„Ja, schon. Weißt du noch, wie es hier früher aussah?“

„Du meinst, ohne die Scheiße auf dem Boden, ohne die Ratten, die zwischen fleckigen Matratzen herumhuschen und ohne Tote, die einfach liegenbleiben, weil die Nachbarn ihre Essensrationen übernehmen wollen?“

„Ja, so in etwa.“

„Nein, ich glaube nicht. Obwohl es noch kein Jahr her ist, dass alles anders wurde, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, dass es irgendwann anders war.“

Sie passierten die nächste U-Bahnstation und wieder der gleiche Anblick.

„Wusstest du, dass hier Kinder geboren werden?“

„Was meinst du?“

„Nach ich meine, schau dir das an. Möchtest du in diesem Dreck ein Kind groß ziehen?“

Paul beobachtete eine Ratte, die sich an einen schlafenden Mann heranschlich und ihm ein Stück Brot aus der Hand riss. Er sah sie noch davonhuschen, bevor er die Szene aus den Augen verlor.

„Nein, ich glaube nicht.“

„Wusstest du Paul, wie die Regierung wohnt? Die residieren auf Rügen, zusammen mit der Prominenz aus der Wirtschaft.“

„Und ohne die Regierung wären wir jetzt alle tot.“

„Quatsch. Tot. Meinst du, die rechtmäßige Regierung hätte uns nicht beschützt?“

„Nicht so laut Horst. Mit dem Scheiß hättest du dich in der Vergangenheit beinahe schon mal aufs Abstellgleis navigiert. Natürlich ist da einiges scheiß gelaufen, aber die Hauptsache ist doch, dass die Menschen leben.“

„Wenn du meinst.“

Paul fand es eher unwahrscheinlich, dass er Horst überzeugen konnte. Der ging ohne ein weiteres Wort zu verlieren zu Sebastian und Albert. Er dachte noch einige Minuten über seine Worte nach. Nein, er lag falsch. Wie unflexibel eine demokratisch gewählte Regierung auf die Krise reagierte, sah man am Beispiel Frankreich. Demonstrationen und Streiks lähmten das Land. Entsprechende Gesetze kamen zu spät und als Deutschland fiel, hatten die westlichen Nachbarn keinen Verteidigungsplan.

Zu sehr waren die französischen Truppen an ihrer Südküste und in Nordafrika eingebunden. Zu wenig hatten sie sich Gedanken darüber gemacht, wie sie die Zivilbevölkerung im Fall der Fälle beschützen könnten. Angeblich ist Wochen nach dem Fall von Paris der Kontakt zu den meisten französischen Enklaven abgebrochen. Die Optimisten meinten, dass nur der Strom weg wäre und die Akkumulatoren leer. Die Pessimisten sahen das naturgemäß etwas anders.

Kommentare:

  1. Cool, genaueres zum Schicksal von Frankreich :D
    Da sieht man mal wie unterschiedliche Regierungsformen auf Zombies reagieren.
    Wie immer sehr unterhaltsam das Kapitel.

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  2. Frankreich hab ich aufgrund des expliziten wunsches aufgenommen. Ich hoffe, das reicht so.

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