Sonntag, 26. Juni 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 6

Kapitel 6

Das Untergeschoss im Hauptbahnhof bot ein auf den ersten Blick komischen Anblick: es war leer. Genauso wie das erste Zwischengeschoss. Die Verwaltung hatte sich dazu entschlossen, diese Bereiche nicht für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, weil von hier aus sämtliche Lieferungen in alle Bereiche der Stadt durchgeführt wurden. Herumstehende und herumliegende Menschen würden diese nur behindern.

Nachdem sie ausgestiegen waren, sammelte Braun die Männer um sich.

„Alle anwesend? Vier, acht, sehr gut. Wir gehen jetzt zügig hoch zum Bahnsteig. Beisammen bleiben.“

Wieder gingen die Soldaten vorneweg und die Polizisten dahinter.

„Du magst den Braun nicht besonders, oder?“ wurde Paul plötzlich von Sebastian angesprochen.

„Nein, merkt man das etwa?“ entgegnete der mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme.

„Naja, schon.“ Sebastian grinste etwas unbeholfen. „Hör mal Paul, das ist doch nur eine Mission. Könntest du da nicht dein persönliches Befinden etwas zurückstecken? Morgen sind wir wieder da. Ich bin mir sicher, dass in dem Lager alles in Ordnung ist.“

„Wenn du meinst. Hör mal Bastl“ er wusste, dass er nicht gern mit dem Namen angesprochen wurde „du hast mir vor einiger Zeit wahrscheinlich den Arsch gerettet, aber misch dich hier nicht ein. Das ist eine Sache zwischen Jan und mir.“

„Normalerweise würde ich mich auch nicht einmischen, aber wir sind ihm die nächsten zwei Tage unterstellt. Hör mal, auch wenn er ein Arsch ist, was ich nicht beurteilen kann, reiß dich einfach zwei Tage zusammen. Wenn’s hart auf hart kommt, wär es für uns alle hilfreich, wenn wir alle als großes Team zusammenarbeiten. Was meinst du?“

„Ich bin professionell genug. Wenn’s hart auf hart kommt, glaub ich viel eher, dass Braun sich in die Hosen scheißt. Alles was der kann, ist…“

„Was kann ich?“

Von den beiden Beamten unbemerkt stand plötzlich der Oberleutnant neben ihnen. Sie waren gerade die letzte stillstehende Rolltreppe hochgegangen und nicht erwartet, dass er oben warten würde.

„Das weißt du ganz genau.“ Presste Paul zwischen seinen Zähnen hervor. „Jetzt geh weiter, wir haben einen Job zu erledigen.“

Den restlichen Weg schwiegen die Männer. Im obersten Untergeschoss verging es den meisten ohnehin wieder. Hier lagen die Menschen wieder dicht an dicht und wieder hing der Gestank nach Exkrementen in der Luft. Angeblich war geplant, die den Hauptbahnhof umgebenden Gebäude von Untoten zu säubern, zu sichern und anschließend an die Flüchtlinge zu übergeben. Die letzten Monate waren die Kräfte mit Rettungsmissionen gebunden, die letzten Patrouillen blieben aber erfolglos. Wenn die Patrouillen wegfielen, könnte sich die Polizei auf diese neuen Herausforderungen konzentrieren. Paul konnte es kaum erwarten.

Wieder passierten sie eine Schleuse, die die Haupthalle des Bahnhofs von dem Untergrundbereich trennte. Eine Treppe führte die Truppe nach oben in die fast verlassene Haupthalle. Eine Gruppe Soldaten hatte sich auf einem Fleck ausgebreitet und lungerte dort herum. Als einer der Soldaten den Oberleutnant bemerkte, kam Bewegung in die Truppe. Braun hielt direkt auf die Männer zu.

„Meldung?“ warf er ihnen energisch entgegen. Sofort standen sie stramm und ein Unteroffizier antwortete.

„Unteroffizier Gruber, 112. Panzergrenadierdivision, erste Kompanie, Aufklärer, melde: Nach Aufklärungseinsatz warten wir auf Rücktransport in Außenposten LA2.“

„Gut, rühren. Herr Unteroffizier, wenn ich sie noch einmal dabei erwische, wie Penner auf einem öffentlichen Platz herumzuhängen, wird ich sie persönlich zur Rechenschaft ziehen.“

Zum Abschied grüßte Braun stramm militärisch. Die Soldaten erwiderten den Gruß und sahen dem Oberleutnant dabei zu, wie er in die Abfahrtshalle davonrauschte. Brunner und die anderen folgten, kurz darauf die Polizisten. Die Abfahrtshalle war belebter als die ehemalige Haupthalle. Arbeiter waren dabei Züge zu be- und entladen. Für die gefahrlose Einfuhr wurden Schleusen errichtet, die Eingänge mit massiven Mauern versperrt, oder weiträumig mit massiven Mauern umgeben.

„Gleis 25, da warten schon unsere Transportmöglichkeit und unsere zivilen Begleiter.“ Gab Braun die Richtung vor.

Der Trupp schwenkte nach rechts und fand dort eines der inzwischen gebräuchlichen Bahnfahrzeuge vor. Die Züge selbst waren mit Kühfänger-ähnlichen, abnehmbaren Vorrichtungen nach vorne hinaus gesichert, die wenigen noch im Gebrauch befindlichen Personenanhänger mit Eisengitter verstärkt. Da viele Transportzüge in kontaminierten Gebieten abgestellt waren, mussten häufig Personenwagen so umgerüstet werden, um damit Waren zu transportieren. Vor dem Zug standen vier Personen, auf die der Mustersoldat direkt zuhielt.

„Oberleutnant Braun, melde mich zum Dienst. Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich bei ihnen um unsere zwei Lokführer, und die beiden Techniker Hans Guba und Khalil Bölak handelt?“

„Das ist richtig. Hallo, ich bin Khalil und der Spezialist für die Zugelektrik.“ Paul schätzte den Mann auf Ende 30 und fast zwei Meter Körpergröße. Als er einen Schritt auf Braun zuging, um ihm die Hand zu reichen, wirkte der fast mickrig neben dem Hünen und Paul glaubte auch kurz einen Anflug von Verunsicherung in Brauns Gesicht zu erkennen.

Statt die ihm zum Gruß entgegengestreckte Hand anzunehmen, nickte er nur und wand sich einem der anderen Männer zu.

„Dann sind sie der Funkelektroniker Hans Guba?“

„Richtig? Wie haben sie das erkannt?“

„Ich habe ihre Personalakten studiert. Ich denke, wir wären dann soweit.“

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