Montag, 27. Juni 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 7

Kapitel 7

Guba machte sich gar nicht die Mühe, Braun die Hand zu reichen. Stattdessen blieb er nur stehen und ließ den Soldaten an sich vorbeiziehen. Im Gegensatz zu Bölak war er mit geschätzten 1,60 relativ klein. Der Polizeihauptmeister schätzte ihn auch einige Jahre jünger, vielleicht Ende 20, aber mit muskulöser und massiger Statur. Braun machte sich daran, den Waggon zu betreten. Die beiden Lokführer ignorierte er.

Der ihm nachfolgende Oberfeldwebel machte sich fast entschuldigend die Mühe, die Zivilisten mit Handschlag zu begrüßen und ihnen zu versichern, wie sehr er sich auf die Zusammenarbeit freue. Die unteren Dienstgrade taten es ihrem Offizier gleich und ignorierten die Zivilisten, während sich die Polizisten auch kurz die Zeit nahmen, um die Männer zu begrüßen. Die Lokführer stellten sich mit Martin Eichler und Alfons Zwirner vor. Zwei nette, aber verunsichert wirkende Männer, die nicht so recht wussten, was auf sie zukommt.

Als alle Männer ihre Plätze eingenommen hatten, schlossen sich die Türen und der Zug rollte in die Ausfahrtsschleuse. Laut knirschend rollte das schwere Schleusentor hinter ihnen in Position. Paul betrachtete die Konstruktion und überlegte, ob das Tor einen fahrenden Zug stoppen könnte.

„Sie schauen so fragend. Kann ich ihnen helfen, Herr …?“ Paul erschrak, hatte er den Hünen doch nicht näherkommen hören. Wie konnte sich so ein Koloss von einem Mann so lautlos bewegen?

„Bährer. Polizeihauptmeister Paul Bährer. Wir können uns aber auch gern duzen.“

„Gerne. Khalil.“

„Paul.“

„Nun Paul, du schaust so aus, als würde eine Frage auf dir lasten.“

„Ich habe nur überlegt, ob diese Schleusentore einen Zug stoppen könnten.“

„Warum sollten sie das tun?“

„Weil wir unterwegs sind, ein mögliches Zugunglück zu untersuchen. Wenn der Zug ungebremst in die Schleuse von MO1 gerast ist, was würde dann passieren?“

„Na was wohl? Das Tor würde so reagieren, wie ein Garagentor, in das sie mit ihrem Wagen hineinkrachen. Diese Tore wurden geschaffen, um die Untoten abzuhalten und nicht einen 100 Tonnen-Zug, der mit über 100 Kilometer in der Stunde angerauscht kommt.“

„So wie du das jetzt formulierst, klingt das einleuchtend.“

„Danke.“

„Was denkst du, was passiert ist?“

„Wissen wir nicht. Die Lok war frisch gewartet, die Strecke an sich in gutem Zustand. MO1 ist auf dem letzten Stand, mit Notstromaggregaten, abgesperrten Bereichen und einem Alarmsystem.“

„Warst du schon mal dort?“

„Ja, sogar zusammen mit Hans. Vor drei Monaten haben wir die ganze Elektronik gewartet. Das Ding ist uneinnehmbar. Mit den ganzen Vorräten könnten sie Jahrzehnte darin überleben.“

Sebastian hatte schon seit einiger Zeit dem Gespräch gelauscht. Mit einem Ruck erhob er sich von seinem Platz und begann sich in das Gespräch einzubringen.

„Könnte es denn sein, dass man die Vorräte für sich behalten will?“

„Was meinst du?“ Khalil wirkte ob dieser Frage verwirrt.

„Naja, wir sind doch alle nur Menschen. Dort wohnen Familien und sie wohnen in Sicherheit. Vielleicht sind sie eines Morgens aufgewacht und haben sich gedacht, dass sie die Tonnen an Lebensmitteln, das viele Wasser, die ganzen Vorräte, also einfach alles, für sich behalten könnten. Wir wissen nicht, wie lang dieser Mist hier noch gehen wird und die wissen es auch nicht.“

„Das glaube ich nicht.“ Erwiderte Khalil. „Die Soldaten werden alle paar Monate gewechselt, Kontakte zwischen Zivilisten und Soldaten sind zudem recht selten.“

„Ich kann es mir auch nicht so recht vorstellen. Die müssen doch wissen, dass jemand nachschauen kommt.“

„Schaut doch mal aus dem Fenster.“ Sebastian machte eine ausladende Bewegung und gab den Blick auf eine zerstörte Stadt frei. Untote wanderten zwischen den verlassenden Gebäuden und Ruinen und wandten sich dem vorbeifahrenden Zug zu.

„Unsere Welt ist am Arsch. Jeder ist sich selbst der nächste und kaum ein Überlebender, der nicht mehrere Verluste hinnehmen musste. Glaubt ihr denn wirklich, dass die meisten unter diesen Umständen rational und moralisch unbefleckt bleiben?“

„Und wie sollen sie die Soldaten überwältigen?“ Paul schien keineswegs überzeugt von Sebastians Theorie.

„Waffen sind doch heute keine Seltenheit. In einem Lager nahe MO1 wurden polnische Soldaten interniert. Die Waffen liegen da sicher heute noch rum.“

„Was wurde eigentlich aus den polnischen Soldaten?“ Khalil versuchte das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

„Da hat man sich nicht mit Ruhm bekleckert. Um die 2000 Soldaten waren dort in einfachen Bretterbuden und in Zelten untergebracht. Als die Zs näher kamen, sind die Bewacher geflohen und haben die Gefangenen ihrem Schicksal überlassen. Es war ein furchtbares Gemetzel.“

„Davon habe ich noch nie gehört.“

„Das hat auch keiner an die große Glocke gehängt. Die Einwohner sprechen auch nicht gern darüber. Statt ihnen zu helfen, haben sie nur an sich gedacht. Die meisten mussten selbst mit ihrem Leben dafür bezahlen.“

Der Zug wurde langsamer, bis er schließlich ganz hielt. Noch bevor sie sich wundern konnten, ertönte eine Durchsage über das interne Lautsprechersystem des Zugs.

„Endstation meine Herren. Wir befinden uns rund 25 KM vor MO1, aber für uns ist hier Endstation. Wir wünschen ihnen noch einen schönen Tag.“

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