Freitag, 8. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 18

Kapitel 18

Nach und nach gelang es Hans die Systeme wieder hochzufahren, während die Beamten weiter auf Spurensuche gingen.

Sie trafen dabei auf Khalil, der noch immer im Führerstand der Lok auf weitere Anweisungen wartete. Er berichtete, dass Braun das Funkgerät holte, um Kontakt mit dem Hauptquartier aufzunehmen. Er hatte ihm gegenüber nichts Außergewöhnliches erwähnt, auch war Khalil an dem Verhalten von Braun nichts weiter aufgefallen. Weil es in der Lok vorerst nichts mehr zu tun gab, ging Khalil zum Verwaltungsgebäude und wollte Brunner dabei helfen, die Leichen in Säcke zu packen, um sie dann vor das Haus zu ziehen.

Für Paul stand nach Brauns Abgang Brunners Loyalität in Frage. Faktisch hatte dieser die Leitung über die Operation erlangt, im Moment aber noch keine Ansprüche darauf erhoben. Um mit Horst in Ruhe reden zu können, beschloss er, zusammen mit ihm und Albert die Wohneinheiten der Anlage zu untersuchen. Rund 500 Zivilisten waren eigentlich in dieser Anlage untergebracht. 500 Zivilisten, von denen bisher jede Spur fehlte. Sah man von denen im Güterwaggon ab, von denen sie weiter annahmen, dass es sich um einen Teil des Personals und einigem Bewohnern von MO1 handelte. Er rief die Zwei zu sich und ging mit ihnen in Richtung der Wohngebäude.

„Wie geht es dir Albert?“

„Ich fühl mich gut. Im besten Fall bleiben mir noch zwei Tage, du musst also nichts übereilen, Paul.“ Albert grinste Paul schief an.

„Danke. Ein toter Kollege pro Tag reicht mir. Kannst du dort drüben mal nachschauen?“

„Na klar.“

Albert drückte eine Hecke zur Seite und stieg in das, was vor dem Krieg mal der Garten eines Wohnhauses gewesen sein muss. Jetzt diente es Lagerplatz für ein großes Armeezelt.

„Was wollte Braun eigentlich hier genau?“ fragte Paul in Horsts Richtung.

„Warum fragst du mich das?“

„Na ja, schau mal Horst. Braun nimmt uns zu einem offiziellen Einsatz mit, reißt sich dann eine rätselhafte Leiche unter den Nagel und verschwindet plötzlich mit einem, ach so zufällig abgestellten gepanzerten Truppentransporter. Also, frag ich dich: Was wusste er schon vorher und was genau wollte er hier?“

„Keine Ahnung.“ Antwortete Horst gedehnt.

„Soll das heißen, du hast dir darüber noch keine Gedanken gemacht?“ Paul wirkte fassungslos.

„Nein. Er hat mich überrumpelt. Ich habe gefühlt, dass irgendwas nicht in Ordnung war, aber mit so etwas habe ich nicht gerechnet.“

„Welche Rolle spielt Brunner?“ Paul versuchte Horsts volle Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Keine Ahnung.“

„Verstehe. Was denkst du, warum er uns nicht umgebracht hat? Nein, warte, lass mich raten: keine Ahnung?“ Pauls Stimme klang langsam gereizter.

Ein Schulterzucken bestätigte Pauls Aussage.

„Ich hab mir da was überlegt.“

„Lass mal hören.“ Horst sah Paul erwartend an.

„Also, wir haben es hier mit einer militärischen Geheimoperation zu tun. Die Uniform der Leiche, das war doch mit Sicherheit eine dieser neuen Tarnuniformen?“

„Und warum sollte ausgerechnet das Militär einen militärischen Außenposten angreifen?“ Jetzt war es an Horst, Paul mit skeptischen Blicken zu belegen.

„So weit bin ich noch nicht.“

Horst bohrte nun weiter: „Warum wurden wir am Leben gelassen? Was war das für eine Kennzeichnung?“

„Weil, weil …“ Paul wedelte genervt mit seinen Händen und verdrehte dabei die Augen. „Also gut, ich gebe zu, dass meine Theorie noch ein paar Lücken aufweist. Vielleicht war es eine Invasion? Was weiß ich? Hilf mir doch mal! “

„Ein paar Lücken ist gut.“ Horst lachte auf. „Es ergibt bisher gar keinen Sinn. Da kommt Albert.“ Schmunzelnd drehte er sich zu Albert.

Zwischen den Sträuchern kam der infizierte Polizist hervor. Als er die Blicke der anderen beiden Beamten auf sich ruhen sah, zuckte er nur mit den Schultern, bevor er weiter auf sie zukam. Zusammen gingen sie dann zu den Lagerräumen, konnten dort aber keine Schäden oder Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen vorfinden.

Die Funkgeräte knackten, als Brunner sich meldete und berichtete, dass Guba die Netzwerk- und Telefonverbindungen wieder herstellen konnte. Unverzüglich eilten die Beamten zum Verwaltungsgebäude zurück, um nun schnellstmöglich mit dem Hauptquartier Kontakt aufzunehmen. Paul wählte direkt die Nummer seines Vorgesetzten Bruno Herling.

Herling wurde in Folge des erfolgreichen Widerstands gegen das Verteidigungsministerium zum Polizeioberrat befördert. Ein unglaublicher Karrieresprung für den damals 51 jährigen. Paul hatte es Bruno zu verdanken, dass er mit seinem alten Dienstgrad wieder in den aktiven Dienst aufgenommen wurde.

„Paul? Verdammt, was ist los?“ Schrill kam die Stimme von Herling durch den Lautsprecher. „Wir haben seit eurer Abfahrt nichts mehr von euch gehört. Die Jungs, die euch abgesetzt haben, haben uns nur etwas von einem Überfall erzählt.“ Herling wirkte sehr nervös.

„Was heißt nichts mehr gehört? Braun hat doch regelmäßig über Funk Bericht erstattet.“

„Hier ist überhaupt nicht erstattet worden! Die vereinbarten Frequenzen sind stumm geblieben. Ihr wart wie vom Erdboden verschluckt. Mensch, bin ich froh von euch zu hören.“ Herlings Stimme überschlug sich fast. „Paul, ich habe Recherchen angestellt. Die Dienststelle, die euch für den Einsatz mit dem Oberleutnant angefordert hat, behauptet, dass dieser eigentlich Weiß heißen soll. Einen Oberleutnant Braun kennen die gar nicht...“

Paul fiel Herling ins Wort: „und das ist noch längst nicht alles. Ich glaube, ich habe dir einiges zu erzählen.“

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