Sonntag, 10. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 20

Kapitel 20

Fast einhundert Soldaten strömten aus den Waggons des überraschend schnell angekommenen Zuges und begannen, sich sofort sternförmig auf dem Gelände zu verteilen. Techniker kümmerten sich sogleich fachmännisch um die elektrischen Anlagen, Computerexperten checkten die Festplatten. Nacheinander wurden die Beamten und Brunner medizinisch untersucht und peinlich genau befragt. Weitere Ärzte untersuchten in der Zwischenzeit die Toten in den Leichensäcken. Bei den anschließenden Analysen deutete Nichts auf irgendetwas hin, was nicht sowieso schon bekannt war.

Schussverletzungen und Stichwunden waren eindeutig für den Tod der Männer verantwortlich. Bei dem Versuch, die Ereignisse des fraglichen Tages zu rekonstruieren, fiel auf, dass die diensthabenden Soldaten im Kontrollraum durch eine Stichwaffe getötet wurden. Die Schussverletzungen, der im Schlaf getöteten Soldaten, wiesen auf ein Kleinkaliber hin, und die Tiefe der Wunde auf den Einsatz eines Schalldämpfers, bzw. eines Geschosses, das mit verminderter Austrittsgeschwindigkeit abgefeuert wurde, um eine zu laute Geräuschentwicklung zu verhindern.

Dass dann auch die Leiche des diensthabenden Hauptmanns König nicht gefunden werden konnte, gab den vermeintlich endgültigen Hinweis, dass der Stützpunkt von innen heraus infiltriert worden war. Josef erklärte Paul, dass König im Gegensatz zu Braun eine vorbildliche Karriere innerhalb der Bundeswehr hingelegt hatte und außerdem einen einwandfreien Leumund genoss. Ein vorbildlicher Offizier, der in einer Schlacht im Krieg durch eine gewagte Strategie Hunderten von Zivilisten das Leben retten konnte, ohne dabei einen einzigen Mann zu verlieren.

Eine Strategie, die König eine Bilderbuchkarriere bescherte. Innerhalb eines Jahres stieg er vom Leutnant erst zum Oberleutnant auf, und die Rettung der Zivilisten brachte ihm dann die zweite Beförderung zum Hauptmann ein. Die Taktik ging als Königsstrategie in die Handbücher der Untoten - Bekämpfung ein und revolutionierte diese nicht unwesentlich.

Bei Annäherung von flüchtenden Zivilisten, die von Zombie-Horden verfolgt wurden, ließ König lange Gräben ausheben, über die er schmale Bretter als Brücken legen ließ. Die Flüchtenden wurden über diese Brücken geleitet. Nachfolgende Untote fielen aufgrund ihrer stark eingeschränkten Motorik direkt in den Graben. Es wurden nur wenig Soldaten benötigt, die abgestürzten Zombies mit Flammenwerfern in ein wärmendes Feuer zu verwandeln. Nachdem der letzte sichtbare Überlebende den Graben passiert hatte, wurden die Bretter weggenommen. Durch die im Graben bereits brennenden toten Leiber entstand eine Feuerwand, in die immer weitere Zombies hineinfielen. Auf diese Weise war das Vernichtungspotential exorbitant, bei minimaler Kräfteeinsetzung des Heers.

Für Paul war es unverständlich, dass so ein Mann sein eigenes Land und seine Männer, hintergangen haben soll. Brunner war derselben Meinung, konnte jedoch die internen Untersuchungen der Armee nicht beeinflussen. Die Fakten sprachen bisher gegen König, das reichte den Bürokraten natürlich. Josef befürchtete, dass mit den ausführlichen Untersuchungen gegen König von den Machenschaften Brauns und seinen vermeintlichen Helfern abgelenkt werden soll.

Mit leichenblassem Gesicht erschien Albert bei ihnen. Er kam gerade von seiner Untersuchung.

„Hey Chef. Es ist so weit. Sie haben mich nur gehen lassen, weil ich denen versprochen hab, dass du das machen wirst.“ Versuchte er zu scherzen, obwohl aus seinen Augen die Angst sprach.

„Na danke. Wie geht’s dir? Was sagen die Ärzte?“ Paul schaute besorgt zu Albert.

„Nicht so gut. Mein Arm brennt wie die Hölle und die Wunde schaut auch nicht mehr ganz frisch aus. Außerdem hab ich Fieber und mir ist übel, kotzübel. Ich denke, es ist jetzt soweit. Ich hab nicht mehr allzu lang.“ Albert grinste schief.

Paul starrte gedankenverloren durch ein Fenster. „Früher hatten wir Behandlungszentren. Dort konnte man in Frieden sterben.“

„Früher hatten wir auch noch 80 Millionen Einwohner, eine funktionierende Infrastruktur und Hoffnung.“ Mischte sich Brunner sarkastisch ein. „Früher konnten wir uns noch den Luxus leisten, infizierte Menschen in Frieden sterben zu lassen. Ein Luxus, der uns fast Stuttgart gekostet hätte.“

„Ist gut Brunner. Wo können wir das hinter uns bringen?“

„Ich spreche mit dem Diensthabenden Offizier.“ Sagte er und ging davon.

„Wo hast du eigentlich das Sturmgewehr?“

„In meiner Tasche. Herling hat der Armee wohl nichts davon erzählt. Mich hat noch keiner weiter angesprochen und ich werde mich hüten, denen das auf die Nase zu binden.“ Paul lächelte verschmitzt.

„Hey, du nimmst mir das doch nicht übel, dass ich gerne durch deine Hand sterben möchte, oder?“

„Nein, aber ich könnte mir was Schöneres vorstellen, als meine eigenen Leute hinzurichten. Ich wäre gerne mit euch allen wieder zurückgekommen.“

„Ich hab doch ohnehin nichts mehr zu verlieren, Paul. Meine Familie ist tot, du brauchst niemanden von meinem Ableben zu informieren. Ein paar Kollegen werden vielleicht sogar froh sein, mich los zu sein.“

„Rede doch nicht so eine Scheiße. Kein Mensch wird sich freuen.“ Pauls Nervosität stieg langsam ins unermessliche.

„Schau mal, da kommt Brunner. Fürchte es wird Zeit mich zu verabschieden.“

Tatsächlich führte sie Brunner in einen leeren Raum, ein paar Meter neben dem Verwaltungsgebäude. Vor dem Raum hing ein Wasserschlauch, die Wände und der Boden waren gekachelt. Ein Abfluss im Boden sorgte dafür, dass das Wasser ablaufen konnte.

„Spülst du da später mein Hirn runter?“

„Mach es mir nicht schwerer, als es ohnehin schon ist.“

„Sorry. Vielleicht versuche ich ja nur meine eigene Angst mit diesen dummen Sprüchen zu überspielen? Vielleicht scheiße ich mir grade vor Angst in die Hose? Vielleicht will ich jetzt, da ich dem Tod gegenüberstehe, gar nicht sterben? Weißt du, wie oft ich mir schon mein Hirn raus blasen wollte, seit dem Tag, an dem meine Familie sterben musste? Wie oft ich schon den Lauf im Mund stecken hatte? Nein, natürlich weißt du das nicht. In diesen Momenten hatte ich keine Angst vorm Sterben. Weißt du warum ich es nicht getan hatte? Weil ich keine Sauerei hinterlassen wollte.“

Albert lachte leise, ging in die Kammer und kniete nieder.

„Keine Sauerei. Und jetzt? Hier drin werde ich keine allzu große Sauerei hinterlassen, oder?“

„Nein, das wirst du nicht.“

Eine kurze Ruhe trat in den kalten Raum.

„Albert?“

„Hm?“

„Leb wohl.“

Der Schuss hallte kurz in der kleinen Kammer.

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