Samstag, 16. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 26

Kapitel 26

Als Paul den Dienstraum betrat, um sich zurückzumelden, hatte Herling bereits seinen Anruf getätigt. Leyrer war darüber informiert, dass Horst den Weg zum LKA angetreten hatte und Martina war bereits Paul als Begleitung zugeteilt. Paul erbat sich noch eine kurze Pause, um eine Dusche zu nehmen und seine Uniform zu wechseln. Mit Leyrer vereinbarte er, sich mit Martina in einer Stunde hier zu treffen.

Müde schleppte er sich zurück zum Fahrstuhl, und fuhr 25 Etagen nach unten. Die Nacht war kurz und unangenehm. Der Gestank des Todes hatte schwer über dem Gebäude gelegen und in den wenigen Stunden, in denen er Schlaf gefunden hatte, wurde er von Albträumen geplagt. In seinen Träumen waren Albert und Sebastian als Zombies zurückgekommen und machten Jagd auf ihn. Paul dachte an den letzten seiner Albträume zurück: er war wieder mit seiner Mutter auf dem Speicher des Hauses, in dem er seine Kindheit verbracht hatte und in dem er aufgewachsen war.

Plötzlich waren sie nicht mehr allein auf dem Speicher. Aus dem Dunkel schälten sich die Gestalten der toten Kollegen, entrissen ihm seine Mutter und schlugen ihre Zähne in das Fleisch der Frau. Aus den Wunden schoss das Blut, benetzte Boden, Wände und die attackierenden Zombies. Ihr Mund stand offen, doch kein Wort und kein Schrei kamen über ihre Lippen. Als Paul aufspringen wollte, um ihr zu helfen, bemerkte er Arme, die ihn nach unten drückten. Ein Schlag ließ die Luft aus seinen Lungen entweichen und verringerte seinen Widerstand.

Der Schlag kam von Braun, der triumphierend über ihm stand und verächtlich auf ihn herab grinste. Die Hände gehörten zu den namenlosen Soldaten, die Braun auf seiner Mission begleitet hatten. Alles lief stumm ab, niemand redete ein Wort. Nur die schmatzenden Geräusche der Untoten, die das Fleisch seiner Mutter kauten, waren zu hören. Sie starb einen leisen Tod. Der Glanz verschwand aus ihren Augen und damit entwich auch das Leben aus ihrem Körper. Sebastian und Albert ließen von ihr ab

Mit einem seltsam polternden Geräusch rumpelte der Körper zu Boden. Wie Blechdosen, die über eine Steintreppe geworfen wurden. Dann kamen sie auf Paul zu. Blut lief aus ihren Mäulern, und aus dem Mund des Zombies, der einst Albert hieß, hing ein Fetzen Fleisch, der aus dem Körper seiner Mutter stammte. Immer näher kamen sie, bis er ihren fauligen Atem riechen konnte. „Nein, Zombies haben keinen Atem“ dachte er. Trotzdem schlug ihm weiter der faulige Gestank aus ihren Mäulern entgegen.

Nur wenige Zentimeter vor ihm stoppten sie und starrten jetzt gebannt auf den Oberleutnant. Der scheuchte sie mit einer Handbewegung weg. Weg von Paul. Weiter grinsend. Nur um sofort ihren Platz einzunehmen. Über allem lag weiterhin diese unerträgliche Stille, bis sie durch Brauns Stimme wie durch einen Donnerhall durchbrochen wurde:

„Ich kann es immer und immer wieder tun. So oft ich will. Und du, du kannst mich nicht daran hindern, weil du bist tot. Du bist nur totes Fleisch.“

Mit aller Anstrengung versuchte Paul sich loszureißen, fühlte aber keine Kraft mehr in seinen Gliedern. Auch der Kopf verweigerte ihm seinen Dienst. Sein Nacken war steif, seine Augen gehorchten nicht mehr und seine Lider wollten sich nicht schließen.

„Warum kämpfst du dagegen an? Sieh dich doch an. Du bist einer von ihnen. Du bist schon tot, du weißt es nur noch nicht. Sieh dich an!“

Er wollte es, aber konnte nicht. Plötzlich war er frei. Er stand jetzt in der Mannschaftsdusche, alleine. Überraschend gehorchten ihm wieder seine Glieder. Zwar nur mit Anstrengung, aber er konnte seine Füße bewegen. Schwer. Erschöpfend. Immer weiter trugen ihn seine schweren, ungelenken Füße, bis er am Spiegel stand. „Nein! Nicht der Spiegel!“ dachte er. Wieder ging die Kontrolle über den Körper verloren und der Kopf drehte sich dem reflektierenden Glas des Spiegels zu. Obwohl er auf alles gefasst war, schockierte ihn sein eigener Anblick. Das Gesicht war wurmzerfressen, der Kiefer nur noch mit wenigen Fetzen am Backenknochen verankert. Die Haut auf den Wangen wies Löcher auf und die darunter liegenden Knochen schimmerten weiß-gräulich hindurch.

Jetzt schrie er.

Mit Leibeskräften legte er alle Kraft in seine Stimme und schrie. Er schrie so laut, dass sein Spiegelbild zerplatzte. Oder zerplatzte sein Kopf? Der ganze Traum zerplatzte und plötzlich zog es ihn heraus. Er fiel und schlug in seinem Bett auf. Aufrecht sitzend saß er darin und schrie.

Ein paar Stunden war das jetzt her. Nicht lange, und doch so unendlich weit. Der Traum verblasste bereits und nur noch Fragmente spukten in seinem Kopf herum. Aus seinem Spind nahm er frische Kleidung und ging von dort aus direkt zu den Mannschaftsduschen. Vor dem Spiegel haderte Paul kurz und warf dann doch einen Blick hinein. Der Spiegel hing dort wie immer, zeigte keine Anzeichen einer Explosion und schien ihn zu verhöhnen, so wie er dort hing. So friedlich, wie das Spiegel in der Regel nun mal taten.

Langsam trat er heran, sah hinein und erblickte sein Gesicht, erkannte seine blonden Haare und fand keine Anzeichen dafür, dass er seit Monaten vor sich hin gefault hätte. Was für ein beschissener Traum.

Vor der Dusche im Umkleideraum waren Regale, in die man seine Ausrüstung und Wäsche während des Duschens legen konnte. Dort kam die saubere Wäsche hinein. Für die schmutzige Wäsche waren Säcke ausgelegt, die irgendwann eingesammelt wurden um die Dreckwäsche gesammelt zu reinigen. Jeder Beamter konnte sich pro Woche die benötigte Anzahl an gereinigter Wäsche abholen, personalisierte Kleidung gab es für die unteren Dienstränge nicht mehr. Nachdem sich Paul seiner Uniform entledigt hatte, stopfte er sie zusammen mit der Unterwäsche in den Sack. Anschließend ging er in den Duschraum und stellte sich unter den Strahl einer Dusche. Warm regnete das Wasser auf ihn herab, hüllte ihn ein und spülte den Gestank der letzten Tage und die verbliebenen Fragmente des Traums den Abfluss hinab. Zurück blieb Müdigkeit und das hilflose Gefühl, etwas vergessen zu haben.

Kommentare:

  1. Mahlzeit,
    "hindern, weil du bist tot." Klingt ein wenig komisch.
    --------> weil du tot bist.

    Wie immer sehr gut :) Finds toll wie du immer Details in die Geschichte einbringst z. B. das mit der Wäsche

    AntwortenLöschen
  2. Also persönlich find ich, dass es in der Form und mit der richtigen Betonung böser klingt. Mit der richtigen Betonung klingt's auch ganz gut, find ich. Also wenn man nach dem "weil" eine kurze Pause macht.

    AntwortenLöschen
  3. Stimmt mit der Pause hört sichs besser an :)

    AntwortenLöschen
  4. Gell? :)

    Ich könnt die Pause mit "..." evtl. hervorheben, aber ich glaub, ich mach die eh schon zu häufig.

    AntwortenLöschen