Sonntag, 17. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 27

Kapitel 27

Die Dusche tat ihm gut und weckte seine erschlafften Lebensgeister. Diese schwanden aber sofort wieder beim Gedanken an seine bevorstehende Pflicht. Sebastians Familie wusste noch nichts von ihrem Unglück und auch Martinas Begleitung würde nichts daran ändern, dass Paul der Situation hilflos gegenüberstehen würde. Er hasste es, schlechte Nachrichten überbringen zu müssen und noch mehr hasste er es, anderen Trost spenden zu müssen.

Martina wartete bereits bei seinem Spind und blickte erwartungsvoll in seine Richtung, als sie ihn aus den Duschräumen kommen sah.

„Hey, Paul. Wie geht’s?“

„Nicht gut. Gar nicht gut. Ich hasse es, schlechte Nachrichten zu überbringen.“

„Wer nicht?“ erwiderte sie mit einem Augenaufschlag und sah ihm dabei direkt in die Augen. Der Blick hielt nur für einen Augenaufschlag und trotzdem war es, als stünde für einen Moment die Zeit still. Pauls Augen schienen sich in den freundlichen blauen Augen seiner Kollegin zu verlieren, gerieten in einen Strudel und waren gerade dabei darin zu versinken, als er durch einen hereintretenden Kollegen aus seiner Verträumtheit gerissen wurde.

„Äh, wir müssen dann los.“ Stammelte er, noch gefangen im Moment des Augenblicks.

„Ja, müssen wir.“ Erwiderte sie mit rotem Kopf, bevor sie sich gemeinsam auf den Weg machten.

Unterwegs redeten sie nicht viel. Paul nutzte die Zeit, um mit Martina noch einige Informationen seines Einsatzes in MO1 zu teilen und ihr vom Treffen mit Bruno zu erzählen. Das Gespräch blieb freundlich, aber sachlich und frei von störenden Gefühlen.

Der Besuch bei der Familie verlief wie erwartet. Die Kinder waren zum Glück in einem Kinderhort für Beamte, aber dem Gefühlsausbrauch von Sebastians Frau hatte Paul nichts entgegenzusetzen und zum ersten Mal trauerte auch er um seinen Kollegen und Freund. In diesem Moment war Martina der Fels in der Brandung. Die Gefühlswellen brandeten gegen sie und zerschellten an ihrer Liebenswürdigkeit. Sorgsam kümmerte sie sich um die Frau und um Paul, der irgendwann die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und wie ein kleines Kind zu schluchzen begann.

Und obwohl er sich innerlich dafür schämte, bahnte sich die aufgestaute Trauer der letzten Monate ihren Weg. So viele Menschen hatte er diese Monate verloren. Eltern, Freunde, Kollegen, sie alle waren tot, unwiederbringlich von ihm gegangen.

Die Trauer tat ihm gut, löste etwas in ihm, sorgte dafür, dass er innerlich seinen Verlust langsam verarbeiten konnte und plötzlich wurde ihm schlecht. Mit knapper Not erreichte er den Hygienebereich und übergab sich in eine Toilette, würgte Reste seines kargen Frühstücks nach draußen und auch Teile seiner andauernden Trauer. Danach fühlte er sich besser, spürte aber schon wieder Scham in sich aufsteigen. Wie sollte er Martina und der Witwe unter die Augen treten? Sein Rollenverständnis sah weinende Männer nicht vor.

Um den Geschmack nach Galle aus seinem Mund zu bekommen, spülte er mit Wasser nach und säuberte sich den Mund. Danach wischte er sich noch die Tränen aus den Augen, wohl wissend, dass es eigentlich schon zu spät war, da er sowieso schon seine Schwäche offenbart hatte. Er atmete noch einmal durch und verließ das Badezimmer. Noch immer liefen Sebastians Witwe Tränen über die Wangen und Martina flüsterte ihr tröstliche Worte zu.

Als sie Paul zurückkommen sah, warf sie ihm einen kurzen Blick zu. Ein Blick voller Wärme und Verständnis der stumm blieb, aber tausend Worte auszusprechen schien. Paul verstand plötzlich, dass er sich seiner Tränen vor Martina nicht schämen musste. Er erkannte, dass sie die Trauer absorbieren und in Anteilnahme verwandeln konnte. Ein Blick von ihr sorgte dafür, dass er all das vergas, was auf ihm lastete und sich fast geborgen fühlte.

So schnell wie ihr Blick verflogen auch bei Paul die Empfindungen. Zurück blieb der Eindruck, in dieser Frau einen Verbündeten zu haben, dem er trauen und seine Gefühle anvertrauen konnte. Für einen kurzen Moment dachte er daran, dass sie etwas für ihn empfand, mehr als Freundschaft oder Kollegialität, verwarf den Gedanken aber vorsichtshalber wieder. Martina war eine Liga zu hoch für ihn, redete er sich ein und ging wieder zu den beiden Frauen, um der trauernden Witwe die vollste Unterstützung des gesamten Polizeikaders zu versichern.

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