Montag, 18. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 28

Kapitel 28

Das Bayrische Landeskriminalamt war in einer unglücklichen Situation. Das Gebäude wurde zwar während der allgemeinen Aufrüstung befestigt, hatte aber keine sichere Verbindung zum nächsten U-Bahnhof. Eine noch nachträglich und eher notdürftig eingerichtete Schleuse ermöglichte gefahrlose Überquerungen zwischen U-Bahn und Eingang des LKA Gebäudes nur, wenn man in der glücklichen Lage war, über ein gepanzertes Fahrzeug zu verfügen.

Bemühungen, die Anbindung auch für Fußgänger zu verbessern, wurden schon bald wieder verworfen, da sich die Umsetzung der größeren Baumaßnahmen als teilweise undurchführbar erwies. Die Zombieapokalypse hatte die hochmoderne Einrichtung fast überflüssig gemacht. Es gab keine Verbrechen mehr, die mit Hilfe der dort gelagerten Apparaturen aufgeklärt werden konnten und keine Verbrecher, die sie damit ergreifen konnten. Das Personal hatte dementsprechend auch abgenommen.

Nur noch in Ausnahmefällen wurden Vergehen nachgegangen, weil das Gros der Männer an anderen Orten gebraucht wurde. Mit Hilfe von Patrouillengängen war man bemüht, die Konzentration Untoter in Stadtteilen festzustellen, oder noch Überlebende zu finden, die aufgrund noch vorhandener Vorräte in selbst gesicherten Gebäuden hausten. Noch bis vor kurzem wurden regelmäßig Überlebende gerettet und Versuche unternommen, weitere Gebäude zu sichern. Nicht wenige Beamte fanden bei Kämpfen in Gebäuden ihren Tod, weshalb man die entsprechenden Bemühungen zurückfuhr.

Trotzdem musste das Gebäude weiter betrieben und die Gerätschaften gewartet werden. Eine Kernmannschaft kümmerte sich kontinuierlich darum, die Funktionalität der Ausrüstungen sicherzustellen und bei eventuellen Anfragen auszuhelfen. Neben der Kernmannschaft gab es noch ein Kontingent ständig wechselnder Bewacher, die aus dem normalen Polizeidienst für diese Aufgabe herausgezogen wurden. Auch Paul hatte hier bereits Wachdienst abgeleistet. Der Dienst war bei den Beamten beliebt. Die Verpflegung war gut, die Unterbringung spendete gar so etwas wie Privatsphäre und der Dienst verlief ereignislos. Für die meisten die reinste Erholung vom täglichen Kampf ums Überleben dort draußen.

Heute würde es etwas weniger angenehm werden. Für den Transport stand kein Fahrzeug bereit. Sie würden sich zu Fuß zum Eingang durchschlagen müssen. Das schöne Wetter erleichterte das Vorgehen keineswegs, sondern erschwerte es im Gegenteil noch. Kein Wind, der den Eigengeruch verweht, kein Regen, der die gemachten Geräusche übertönt, nur die Sonne, die den Niederschlag der letzten Tage in ein schwüles Tropenklima verwandelte und die Kleidung am Körper kleben ließ.

Um das Risiko von zu viel Aufmerksamkeit zu minimieren, orderte Paul bei dem Kommandanten der U-Bahn-Station ein Ablenkungsmanöver. Das Wachgebäude lag an der Oberfläche in Sichtweite der Wachtürme und beheimatete einen grobschlächtigen und nach Schweiß stinkenden Kerl in schlampiger Uniform. Träge wanderten seine Finger über die Anlage und aktivierten das akustische System, das die Zombies von dem Stützpunkt ablenken sollte. Schrill kreischten Lautsprecher auf. Abgehackte Riffs donnerten durch die Luft und waren für die Untoten kilometerweit zu hören. Eine Stimme röchelte dazu von Hölle und einer Invasion der Bestien. Zumindest glaubte Paul das zu verstehen.

„Fog cleared up, people scream they won't believe that the evil takes control”

„Etwas makaber, findest du nicht?“ sprach Paul den Kommandanten verwundert an.

„Scheiß drauf, wir sind eh alle am Arsch. Was ist jetzt, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ blaffte der zurück.

„Passt schon. Wie lang kannst du das laufen lassen?“

„Maximal 15 Minuten. Das sollte euch aber genügend Zeit geben, bis zum LKA zu kommen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann habt ihr Pech gehabt. Die Zeit läuft übrigens schon.“

Mit verfaulten Zähnen grinste der Kommandant unverschämt zu Paul und schob sich undefinierbares Zeug in seinen stinkenden Mund. Durch den Mangel an Nikotin und Alkohol haben sich neue Rauschmittel verbreitet, die teils in Laboren innerhalb der besetzten Zone hergestellt und illegal verbreitet wurden. Viele dieser Mittel führten oft innerhalb kurzer Zeit zu schweren gesundheitlichen Schäden, wurde aber von der Regierung als das derzeit kleinste Problem angesehen und entsprechend nur minimalst verfolgt.

Eilig lief Paul aus dem Wachgebäude und traf draußen auf Martina.

„Los komm, wir haben 15 Minuten. Das heißt, jetzt sind’s nur noch 14. Wir gehen durch das Tor.“ Beeilte er sich, ihr die gute Nachricht zu überbringen.

„Wie? Kein Fahrservice?“ feixte sie sarkastisch.

„Nein, der MVV streikt heute. Los komm.“ Gab er schmunzelnd zurück.

Vor dem Tor wurden sie bereits von den dort postierten Wachen erwartet, die nach einer Freigabe durch den Beobachtungsposten die schweren Torhälften auseinander gleiten ließen. Vor ihren Augen tat sich die Außenwelt auf, eine Welt voller Schrott, Tod und Verfall. Autowracks säumten die Straßen, Bäume verwilderten und Straßenschäden zeugten davon, dass sich immer noch kein Straßendienst um die Instandhaltung der Zivilisation kümmerte. Im Gegensatz zur Innenstadt waren die Gebäude hier größtenteils intakt und von den Kämpfen verschont geblieben, was die Gefahr verminderte, dass Streuner in den Ruinen rumlungerten.

„Also gut, los geht’s. 13 Minuten noch.“

Mit schussbereitem Sturmgewehr stürmte Paul in die von Zombies bevölkerte Außenwelt.

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