Donnerstag, 21. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 31

Kapitel 31

„Ist das der mit der Königstaktik, von dem du mir erzählt hast?“ klinkte sich Martina in das Gespräch ein.

„Ja, genau der. Wenn er wirklich des Verrats schuldig wäre, hätte er die Kameras sicher deaktiviert, und man hätte nichts verstecken müssen.“ Legte Paul dar.

„Und warum haben sie die Festplatte nicht einfach zerstört?“ wollte Horst wissen.

„Weil das gleich aufgefallen wäre und die Untersuchungen sofort in eine gewisse Richtung gelenkt hätte, was ‚die‘ ja nicht wollten.“

„Eins versteh ich aber nicht. Die haben einen Mann zurückgelassen, sie müssen es also plötzlich ziemlich eilig gehabt haben. Woher nahmen sie sich die Zeit, das Video zu schneiden und die Spuren zu vernichten?“ warf die Polizistin ein.

„Dazu kann ich vielleicht etwas sagen.“ Meldete sich Lehmann und mischte sich erstmals in das Gespräch mit ein. „Im Prinzip ist das ganz einfach. Das Tool wurde möglicherweise über einen externen Datenträger gestartet und hat dann ganz alleine seinen Dienst verrichtet. Nachdem das Werk vollbracht war, hat es sich aus dem RAM getilgt und war damit nicht mehr auffindbar. So ähnlich, als wenn man einen Eiszapfen als Waffe verwendet und das Tatwerkzeug danach in die pralle Sommersonne legt.“

„Klingt kompliziert.“

„Überhaupt nicht. Die Rechner in solchen Randbefestigungen wie MO1 sind nicht besonders gut gesichert. Man ist wohl davon ausgegangen, dass Zombies nicht so geschickt im Umgang mit Computern sind.“ Marko kicherte leise über seinen eigenen Witz, bevor er fortfuhr: „Tatsächlich ist mir nicht bekannt, dass auf Sicherungen wert gelegt wurde. So gesehen reicht also schon ein USB-Stick, von dem aus die Software automatisch startet. Da es keine Sperre gibt, die das verhindert könnte, startet das Programm, schreibt sich ins RAM und der USB-Stick kann dann nach vollbrachter Arbeit einfach wieder abgezogen werden.“

„Aber das Video muss schon noch manipuliert werden, oder macht das auch dieses Programm?“

Horsts Aussage schien den Computerexperten zu belustigen, denn seine Augen verengten sich zu Schlitzen und offensichtlich war er bemüht, ein Lachen zu unterdrücken, was ihm aber nur halbherzig gelang.

„Nein, natürlich nicht. Das muss vorher schon jemand erledigen. Woher soll das Tool denn wissen, welche Datei sie wie schneiden muss. Sie glauben wohl auch, dass man aus dem Schwarzweißbild einer Überwachungskamera ein hochaufgelöstes Farbbild errechnen kann?“

„Nein, natürlich nicht.“ Grummelte Horst „Ich kenne Polizeiarbeit ja nicht nur aus dem Fernsehen, aber geschnittene Videos und gelöschte Festplatten gehörten bisher nicht zu meinem Aufgabengebiet.“

„Hahaha, schon gut Herr Polizeiobermeister, ist ja keine Schande. Hahaha, Alex, die sind gut, hahaha.“

Während sich Lehmann amüsiert von Horst wegdrehte, verzog dieser noch etwas das Gesicht und hielt genervt den Mund. Stattdessen übernahm Paul wieder das Gespräch mit Alex und Marko.

„Hört mal, das hier braucht ja offensichtlich noch ein paar Minuten. Könnt ihr für mich eine Recherche über einen Oberleutnant Jan Braun starten? Ich brauche alles, was ihr für mich über ihn herausfinden könnt.“

„Oberleutnant? Also Armee?“ wollte Förster wissen.

„Ja, Bundeswehr. Dürfte so Mitte bis Ende 30 sein. Blond. Blauen Augen, ich schätze so um die 1,80 rum. Das heißt, eigentlich ist er nicht bei der Bundeswehr, denn dort wird er verleugnet. Ich glaube aber, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist. Irgendjemand verarscht uns da gewaltig und irgendwo muss etwas über ihn gespeichert sein.“ Presste Paul ernst hervor.

„Ihr wisst aber schon, dass es quasi kein Internet mehr gibt, oder? Die meisten Server sind tot, nur noch wenige Verbindungsknoten sind überhaupt erreichbar. Schon mal eine Google-Suche gemacht die letzten Tage? Nein, natürlich nicht, weil es kein Google mehr gibt. Uns bleiben nur die offiziellen Datenbanken und speziell beim Bund haben sie es nicht so gern, wenn wir da rumschnüffeln. Wenn wir es überhaupt können.“

„Habt ihr keine Zugriffe auf die Datenbanken der Bundeswehr?“

„Nein… obwohl…“

„Ja?“

„Eventuell hat Marko ja noch ein Ass im Ärmel.“

Der kicherte wieder leise vor sich hin. Paul nervte sein arrogantes Gehabe langsam, gab sich aber kooperativ.

„Haben Sie denn?“

„Jaaahaa, jetzt wo Sie fragen, hätte ich da eventuell eine Möglichkeit. Sofern mein letzter Trojaner noch nicht aufgeflogen ist.“

„Trojaner?“ Das war nicht Horsts Welt.

„Ja, Trojaner. So wie das trojanische Pferd. Das kennen Sie doch, oder? Ich habe einige Bekannte in der Bundeswehr-Administration. Ziemliche Pfeifen, aber gerade deswegen nützlich. Stürzen sich auf alles, was ich ihnen rüberschicke und installieren damit fortlaufend Zugänge für mich. Trojaner sind Programme, die zum Beispiel an per E-Mail übersandten Bildern oder Filmen unsichtbar angehangen sind und dann automatisch installiert werden, wenn der User die Datei öffnet. Fertig installiert, erlaubt mir der Trojaner, mich auf diesem Rechner einzuwählen und ihn dann entweder fernzusteuern, oder dem Benutzer bei seinen Eingaben zuzusehen. Klasse Ding, wenn man auf die große Filmdatenbank der Bundeswehr zugreifen will.“

Jetzt kicherte auch Alex und an Martinas rotem Kopf konnte Paul erkennen, dass sie ebenfalls verstand, wovon Marko sprach. Nur Horst verstand wieder nur Bahnhof.

„Natürlich kann ich auch auf alle anderen Datenbanken zugreifen. Passwörter wurden schon seit Wochen nicht mehr geändert. Sofern der Trojaner noch aktiv ist, komme ich fast überall rein.“

Eilig stürzte er zu seinem Rechner zurück und startete eine Datei. Ein kleines Fenster öffnete sich und kurz darauf war auf seinem Monitor in einem Fenster der Desktop eines anderen Rechners zu sehen.

„Hahaha, diese leichtfertigen Idioten. Ich glaube nicht, dass sie den Namen des Oberleutnants in ihrer offiziellen Datenbank führen. Ich melde mich gleich mit der zweiten Sicherheitsstufe an und starte ein Subprogramm, das mir Zugang auf die inoffiziellen Mitarbeiter erlaubt.“

Paul runzelte seine Stirn. „Inoffizielle Mitarbeiter?“

„Ja, Söldner, Informanten… sowas halt. Was weiß ich denn? Ist das nicht euer Job, sowas zu wissen?“ schnappte Marko zurück.

„Nein, eigentlich nicht, aber danke für die Erklärung.“ Antwortete Bährer so freundlich es ihm in diesem Moment möglich war.

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