Sonntag, 24. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 34

Kapitel 34

Auf dem Rückweg von der Kaffeeküche kam ihnen Alex aufgeregt entgegen.

„Schon fertig getrunken?“ Schuldbewusste Blicke wurden gewechselt. „Super Timing, der Rechner ist fertig und konnte tatsächlich einige Sequenzen wieder herstellen.“

Eilig liefen sie dem IT-Mann hinterher. Der nahm nun wieder vor seinem Monitor Platz und deutete Marko, die Wiedergabe zu starten. Aufgrund der zum größten Teil gelöschten Daten und der teilweise fehlgeschlagenen Adressierung, konnten nur Bruchstücke des Videos aus verschiedenen Kameraperspektiven wiedergegeben werden. Die Wiedergabe hakte, übersprang dann wieder ganze Sequenzen und verfiel von Zeit zu Zeit in einen Pixelsalat. Es schaffte aber trotzdem einen Eindruck von dem zu vermitteln, was in MO1 vorgefallen war.

Ein Mann in Armeekleidung steht in der Schleuse vor dem Gitter, gestikulierend und in drohender Haltung. Rauschen.

Der gleiche Mann geht zur Lok, ist verschwunden. Bildwiedergabe setzt aus.

Schwarz gekleidete Männer huschen aus der Lok in den Innenraum der Schleuse. Sturmgewehre vibrieren in den Händen der Männer, geben aber kein Mündungsfeuer ab. Wieder Rauschen.

Ein Soldat, ein Bewacher, bricht getroffen zusammen. Eine halbe Minute fehlt.

Einer der schwarz gekleideten Männer gibt einen Code ein. Eine Fehlermeldung bricht die Wiedergabe des Videos ab.

Beim nächsten Wiedereinstiegspunkt sind sie ausgeschwärmt und bewegen sich in Formation auf das Gebäude zu.

Das nächste Bild zeigte die Lok aus einem anderen Blickwinkel und wieder den Mann in Armeekleidung.

Die Aufnahmen waren grobkörnig, aber Paul war sich sicher, dass der Mann blond und groß gewachsen war. Auch seine Statur und sein Gang kamen Paul sehr bekannt vor. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Dort stand Braun. Die wie Ninjas aus dem Zug huschenden Gestalten waren die Kämpfer, von denen sie eine Leiche gefunden hatten. Ohne Zeitdruck zog der Oberleutnant eine Waffe aus seinem Holster, schaute in Richtung der Kamera und legte an. Im Gegensatz zu den Sturmgewehren erkannte man hier einen Mündungsblitz. Im nächsten Augenblick war der Bildschirm schwarz, die Sequenz damit abrupt zu Ende. Auch den anderen Blickwinkeln und Kameras ließ sich kein Bild mehr entlocken.

„Das war Braun. Dieses verdammte Schwein.“ Stieß Paul hervor. „Er war also für das Massaker verantwortlich.“

„Und er hat Sebastian und Albert auf dem Gewissen.“ Setzte Horst nach.

„Wir brauchen das, was ihr da habt, auf einem Datenträger. Sichert euch das Ergebnis auf dem Server des LKAs und obendrein auf einem Rechner ohne Netzzugang, um Eindringlingen von außen keine Chance zu geben, unser Fundstück zu löschen.“ Bat Paul die beiden IT-Experten. Dabei ließ er auch keine Beteuerungen gelten, wie sicher die Firewall angeblich sei und dass sie persönlich dafür bürgen würden.

„Wir wissen nicht, mit welchem Gegner wir es hier zu tun haben, aber er scheint mächtig und technologisch hoch gerüstet zu sein. Vor allem macht mir Angst, dass wir hier ein Kommando mit Uniformen und Waffen in einer uns unbekannten Technologie beobachten durften, die einen ganzen Armeestützpunkt mit 100 Soldaten im Alleingang ausradiert haben. Wir stehen hier einer ernstzunehmenden Bedrohung gegenüber und ich will nicht, dass wir aufgrund von Schlamperei dem Aggressor einen Vorteil verschaffen.“

Wie gewünscht brannten sie alle verfügbaren Informationen auf einen DVD-Rohling und legten sich Sicherungen auf Standalone-Rechnern an, die nicht im Netzwerk waren und keine Verbindung nach außen aufwiesen. Paul selbst nahm die Rohlinge an sich und drängte zum Aufbruch. Die Sonne war schon fast verschwunden und die Abenddämmerung brach herein. Schlechte Zeiten, um zwischen den Untoten zu wandeln schlendern.

Über die Türwache wurde der Rücktransfer zum Kommandoposten eingeleitet und die entsprechenden Vorbereitungen getroffen. Horst entschuldigte sich für einen Moment und nach seiner Wiederkehr brachen sie auf. Das akustische System war gerade auf den nächsten Ring übergesprungen und lockte so die Untoten noch weiter vom LKA weg, bis hinein ins Niemandsland. Die schweren Tore öffneten sich und obwohl er sich daran gewöhnt haben sollte, traf das trostlose Bild der toten Stadt Paul wie ein Faustschlag in den Magen.

Mit der Waffe im Anschlag traten sie ins Freie und gingen los. Langsam erhöhten sie ihre Marschgeschwindigkeit und verblieben dann im schnellen Schritt. Nach einer Minute verebbten unerwartet die Lautsprecher. Ihre Schritte hallten jetzt wie Schläge mit dem Vorschlaghammer auf dem Asphalt. Verblüfft und mit sorgenvollen Mienen beobachteten sie die Umgebung. Sie konnten aber bis auf wenige schwerhörige Streuner vorerst keine ernsthafte Gefahr ausmachen. Trotzdem verlangsamten sie ihre Schritte soweit, dass sie den Zombies noch gefahrlos ausweichen konnten.

Keiner wagte ein Wort zu sprechen. An der Spitze lief Paul und gab seine Befehle via Handzeichen nach hinten durch. Drei Minuten lang schafften sie es beinahe unbemerkt zu bleiben, aber schnell schien die Anzahl der Kreaturen zuzunehmen. Sie würden bald an einen Punkt angelangt sein, an dem es nicht mehr möglich wäre, den Zombies auszuweichen. Schweiß bildete sich an Pauls Handflächen, während er sein Sturmgewehr fest an sich presste.

Nachdem sie mehr als die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatten, nahm die Masse anscheinend wieder ab. Die Erleichterung war von Pauls Gesicht abzulesen. Wäre die Ansammlung weiter angewachsen, hätten sie den Weg nach hinten antreten müssen, der durch die verfolgenden Kreaturen immer mehr verstopft wurde. Gerade als alle dachten, dass der restliche Weg jetzt zu einem Kinderspiel würde, setzte die Musik über die Lautsprecher wieder ein.

Wie Donnerschläge hallte der Bass durch die Straßen. Die Vibrationen ließen Fensterscheiben klirren. Die Musik kam von ringsumher, vor allem schien sie direkt vor den im Freien stehenden Beamten zu kommen. Irgendwelche Kommandos waren jetzt unnötig. Sie liefen um ihr Leben.

„I'm an open wound I can feel lt In my gut“

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