Mittwoch, 27. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 37

Kapitel 37

Als endlich die Tore am Stiglmaierplatz passiert waren, hatte die Dunkelheit der Stadt das Licht endgültig entzogen. Suchscheinwerfer huschten über die Straße und erhellten die Umgebung nur innerhalb ihres Radius. Das Auto mussten sie aufgeben und stellten es daher in der Nähe der Befestigung am Straßenrand ab. Innerhalb der Befestigung hätte der Wagen nur dringend benötigten Platz weggenommen.

Hörbar atmeten sie auf, als sich das schwere Tor hinter ihnen schloss. Je näher sie der Befestigung gekommen waren, desto stärker nahm auch die Anzahl der Untoten ab. Es war so, als hätte die Maillingerstraße ein Vakuum entwickelt, in das alle Zombies der näheren Umgebung gesaugt worden sind. Noch während sie versuchten, das eben erlebte abzustreifen, kam ein Uniformierter aufgeregt auf die kleine Gruppe zugerannt und begann sofort auf sie einzureden.

„Hallo, ich bin Meier, Kommandant vom Dienst für diese Station. Sie sehen so aus, als hätten sie grad mächtig Kacke am Hals, aber wir hier auch. Unsere Nachbarstation wurde überrannt. Irgendwie ist es den Untoten gelungen, in die Station einzudringen. Die Wachmannschaft konnte noch einen Hilferuf absetzen, aber plötzlich war nur noch statisches Rauschen auf allen Kanälen, laute Musik und jetzt diese Stille. Eben kam vom Hauptquartier rein, dass alle verfügbaren Kräfte unterirdisch zur überrannten Station vorrücken sollen.“

„Was?“ Paul fand, dass seine Stimme hysterische Züge angenommen hatte, aber nicht ganz zu unrecht. „Überrannt? Nimmt denn die Scheiße überhaupt kein Ende? Sind denn schon Einsatzkräfte auf dem Weg?“

„Ja, angeblich wurde auch ein Panzerzug in Bewegung gesetzt und von beiden Seiten nähern sich Hundertschaften zu Fuß der Station durch die U-Bahn-Tunnel. Der Bahnverkehr wurde aus Rücksicht auf die Flüchtlinge eingestellt. Hören Sie, mir fehlt hier auch noch der Überblick, aber ich habe Männer in den Tunneln postiert und , aber bisher ist kein Flüchtling hier angekommen.“

„Also gut, wir brauchen Munition. Viel Munition. Melden Sie uns an. Oder nein, melden sie uns besser nicht an. Ich hab das Gefühl, dass wir heute nicht viele Freunde haben.“ sprach Paul halb zu seinen Kollegen gewandt.

„Wie meinen Sie das?“ wollte der Kommandant wissen.

„Machen Sie sich darüber keinen Kopf. Können Sie uns mit Munition aushelfen?“

„Natürlich. Standardsturmgewehr, warten Sie vorne bei der Treppe. Ich bin gleich wieder da.“ Rief er noch, während er schon davon eilte.

Martina sah ihn fragende an „Könnte es sein, dass der Angriff gar nicht uns galt? Kann es sein, dass dem Trottel in der Nachbarstation ein Fehler unterlaufen ist und deswegen alles überlaufen war? Kommen wir uns vielleicht zu wichtig vor und leiden wir schon unter Verfolgungswahn? Ich mein, was wissen wir denn eigentlich? Vielleicht war’s ja wirklich nur Zufall.“

„Ich glaube nicht, dass das Zufall ist.“ widersprach Horst Martinas Theorie „Der Kommandant war oder ist zwar ein Trottel, aber so trottelig kann man sich nicht anstellen. Außerdem – der Ausfall der Funkgeräte, just in diesem Moment, war sicher kein Zufall, sondern eine bewusste Störaktion.“

„Sehe ich auch so. Ah, dort kommt Meier mit der Munition. Ruhe jetzt.“ Paul drehte sich in die Richtung des Kommandanten.

Bereitwillig händigte der Kommandant die Munition aus und ohne viel Federlesens machte sich die kleine Gruppe auf den Weg in die Eingeweide der einstigen Millionenstadt. Begleitet wurden sie von den trostlosen Bildern der vor sich hin vegetierenden Überlebenden, die sich auch hier auf engstem Platz zusammenkauerten und mit teilnahmslosen Augen dem Weg der Beamten folgten. Viele von ihnen waren innerlich schon tot, schoss durch Pauls Kopf.

Vielleicht gab es deswegen keine Flüchtlinge. Eventuell hatten es die Menschen satt, vor den Untoten zu fliehen. Möglicherweise waren sie schon zu müde und sehnten sich nach Schlaf. Dem ewigen Schlaf. Nein, widersprach er sich innerlich, jeder Mensch hatte einen natürlichen Überlebenswillen. Selbst, wenn sie halb tot wären, würde ein Fluchtreflex eingreifen und selbst, wenn die Station überlaufen würde, hätten sicher einige Menschen noch genügend Zeit gehabt, in die Tunnel zu fliehen. Irgendetwas musste sie daran gehindert haben. Oder irgendjemand.

An den Gleisen angekommen, fanden sie wie von Meier prognostiziert einen Großteil der Wachmannschaft vor. Beide vorhandenen Tunnel konnten bei Bedarf mit Barrikaden versperrt werden, aber noch hielt man sie für mögliche Flüchtlinge offen. Der Kommandant hatte sie offensichtlich schon angekündigt, denn ohne weitere Fragen zu stellen wurde der Weg für die drei Beamten freigegeben. Stattdessen grummelte einer der Soldaten ein unverständliches „Sie wurden uns schon angekündigt. Viel Glück.“ Bevor er ihnen den Weg in den zwischen den Tunneln gelegenen Wartungsgang freigab.

Als sie über die Versorgungswege losgingen, fühlten sie die Blicke der Männer und Frauen in ihrem Rücken. Obwohl keiner sprach, erahnten sie ihre Gedanken. Die Gedanken waren fast greifbar, nahmen Gestalt an und riefen ihnen nach, dass sie nicht damit rechneten, die drei Polizisten in naher Zukunft wieder zu sehen. Zumindest nicht als Menschen.

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