Donnerstag, 28. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 38

Kapitel 38

Der Weg durch den Tunnel gestaltete sich schwieriger als gedacht. Eine spärliche Beleuchtung tauchte Teile des Wartungstunnels in ein diffuses Licht und forderte die volle Aufmerksamkeit aller Beteiligten. Schatten huschten über die Wände und täuschten ihre Sinne. Der schmale Weg ließ kaum Platz und würde bei Kämpfen wenig Bewegungsfreiheit erlauben. Trotzdem war es sicherer hier oben, als auf den Gleisen zu gehen, auf denen man einer Meute Zombies schutzlos ausgeliefert war.

Gerade noch den Untoten entkommen, bewegten sie sich nun erneut auf sie zu. Für logische denkende Menschen eigentlich eine Idiotie, fand Paul, während er den kleinen Trupp weiter anführte. Und doch obsiegte in ihnen ihr Pflichtgefühl. Solange die Chance bestand, dort lebende Menschen zu finden und sofern noch eine Chance bestand, Menschenleben zu retten, würden sie ihrer Pflicht nachgehen.

Dabei hatte der Tag so vielversprechend begonnen. Bruno, das LKA, ihre Funde in den Datenbanken. Es hatte alles gepasst. Wurden sie wirklich dabei ertappt, als sie in das Netz der Bundeswehr eingedrungen waren, oder wurden sie verraten? Von Bruno? Von ihrem direkten Vorgesetzten? Vielleicht spielte ja auch Brunos Ordonanz, dieser Hirt, eine Doppelrolle. Aber was hatte er schon mitbekommen? Wurde Bruno abgehört? Oder wurden sie überwacht, ohne dass sie es mitbekamen? Ihre Gegner besaßen Uniformen von unbekannter Machart. Vielleicht konnten die sich damit auch unbemerkt unter den Untoten bewegen und ihnen so folgen?

Sie hatten nicht auf mögliche Verfolger oder Lauscher geachtet, sondern sich nur auf ihr direktes Umfeld konzentriert. Aber warum wurden sie dann nicht von diesen geheimnisvollen Aggressoren direkt attackiert? Einen Unfall vorzutäuschen erschien Paul nach MO1 als wenig sinnvoll. Kein Mensch würde nach drei Polizeibeamten krähen. Nicht in dieser Zeit, nicht unter den aktuellen Bedingungen. Gedanken schossen durch Pauls Kopf und ihn plagte das Gefühl, ein wichtiges Detail übersehen zu haben. Den entscheidenden Hinweis, der alles plötzlich logisch erscheinen lässt.

Er hing so tief in seinen Gedanken, dass er es zuerst überhörte. Erst, als ihn Martina an die Schulter fasste, wurde er aus seinen Überlegungen gerissen. Wie nach einem Traum begann er schlagartig seine Umgebung wieder aktiv wahrzunehmen und hörte es jetzt auch. Schreie. Sie klangen schwach und noch weit entfernt, aber irgendjemand schrie um Hilfe. Obwohl sie an diesem Tag schon genug gelaufen waren, erhöhte er sein Tempo.

Ein Lichtkranz zeichnete sich am Ende des Tunnels ab, wo dieser in die Station Maillingerstraße mündete. Davor Schatten... oder Körper, die einen Schatten in den Tunnel warfen... keine Körper... Menschen. Sie schrieen um Hilfe und jetzt sah Paul auch warum. Die Barrikaden wurden ausgelöst. Schwere Gitter versperrten den Weg hinein, aber auch hinaus. Die Barrikaden konnten von der Station aus, oder auch vom Kommandanten von der Befestigung oben aus gesteuert werden.

Wer sie ausgelöst hatte und auch das Warum, war für Paul nicht auf die Schnelle nachzuvollziehen, aber er wusste, dass damit auch die Barrikade bei den Eingängen der U-Bahn Station mit ausgelöst wurde. Gitter, die verhindern sollten, dass sich die Infektion ausbreitete. Möglicherweise war die Station noch gar nicht verloren. Die Lauferei zerrte an Pauls Kondition. Die Ausrüstung wog schwer und nicht nur ihm steckte noch die Flucht in den Knochen.

Während er auf das Tor zulief rasten seine Gedanken. Das Tor hatte mit Sicherheit eine Funktion, die Verriegelung wieder aufzuheben. Die Schleuse bei MO1... Er versuchte sich krampfhaft zu erinnern. Braun hatte da einen Code genannt. Einen Entriegelungscode. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass es der gleiche Code war? Vor allem: wie ging noch dieser Code? Vier. Vier. Acht. Vier und acht. Verdammt. Erinnere dich Paul. Zuviel Scheiße bei MO1. Er hatte kurz zuvor Sebastian erschossen... Fünfzehn. Vier, acht und Fünfzehn. Sebastian. Und Albert. Braun... Dieses verdammte Schwein. Sechzehn. Vier, acht, fünfzehn und sechzehn. Alle tot... Alle Soldaten wurden getötet. Braun hatte den Überfall geleitet, oder es sah auf den Videofragmenten zumindest so aus... Dreiundzwanzig. Vier, acht, fünfzehn, sechzehn und dreiundzwanzig. Noch eine Zahl. Denk nach Paul. Albert, Albert war 42... Zweiundvierzig.<

Er stoppte vor dem Tor. Tatsächlich fand er ein Zahlenfeld und tippte die Zahlen nacheinander ein. Nichts geschah. Verzweifelt hob er den Kolben seines Gewehres an und gerade, als er ihn niedersausen lassen wollte, ging ein heftiger Ruck durch das Tor.

„Verdammt Paul, was machst du da?“ Es war Horsts Stimme. Er verstand nicht. „Wir wissen nicht, ob die Leute infiziert sind. Paul, die Dinger sind nicht umsonst gesichert.“

Paul stand verdattert da. Was hatte er sich dabei gedacht? Horst hatte ja Recht. Wenn sie infiziert waren, dann würden sie den Virus durch das ganze U-Bahn-Netz tragen. Möglicherweise waren die Barrikaden ja absichtlich verschlossen. Paul kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, denn schon ergoss sich eine Menschenmenge durch das halb offene Tor hinein in den Tunnel, vorbei an den auf den Versorgungsgängen stehenden Beamten.

Die Menschen wiesen auf den ersten Blick keine äußeren Verletzungen auf. Es war denkbar, dass sie Glück hatten. Aber bisher kam der Strom an Menschen nicht zum Erliegen, denn noch waren viele Menschen in der Station. Es wirkte, als liefen sie um ihr Leben. Etwas musste ihnen große Angst gemacht haben, aber noch war nicht abzuschätzen, wie die Gefahrenlage wirklich war. Die Beamten konnten sich derzeit einfach kein Bild machen.

Als der obere Bahnsteig leerer wurde, wagten sie es in die Station vorzudringen. Noch immer kamen von überall Flüchtlinge, die sich wie verängstigte Ratten in das vermeintlich rettende Loch drängten. Paul schämte sich beinah für solche Gedanken und verfluchte sich innerlich dafür. Ja, sie stanken, sie waren schmutzig und sie verbreiteten Krankheiten, waren aber immer noch Menschen. Waren sie das? Wodurch definierte sich der Mensch? Paul schüttelte die unangenehmen Gedanken ab und bahnte sich stattdessen den Weg zu den stillstehenden Rolltreppen.

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