Freitag, 29. Juli 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 39

Kapitel 39

Noch immer strömten einige Menschen auf der Rolltreppe nach unten. Erleichtert nahm Paul zur Kenntnis, dass bisher niemand davon äußerliche Schäden aufwies. Vielleicht hatten sie ja doch noch eine Chance. Mit einem kurzen Blick nach hinten vergewisserte er sich, dass Martina und Horst mit ihm Schritt hielten und drängte weiter nach oben. Was er bis jetzt nur undeutlich wahrgenommen hatte, wurde bald zur Gewissheit. Er hörte Schussgeräusche.

Der Rückzug wurde also gedeckt. Noch standen bewaffnete Truppen zwischen den Zombies und den Flüchtlingen. Waren die Hundertschaften etwa schon eingetroffen? Nein, dann hätten die Flüchtlinge die sich bietende Gelegenheit genutzt und wären schon längst geflohen. Die ursprünglichen Bewacher, die Wachmannschaften, mussten daher noch die Stellung halten. Dann war noch nicht alles verloren. Sobald die Panzer einträfen, würde man das Tor versiegeln und den noch unendlichen Strom der Untoten versiegen lassen können.

Am Ende der Treppe angelangt offenbarte sich das schon bekannte Bild, nur diesmal ohne Menschen. Die, die geflohen waren, hatten ihre wenigen Habseligkeiten zurückgelassen. Das Wenige, dass sie an ihr altes Leben erinnerte. Dort ein Teddybär, eine abgewetzte und verschmutzte Puppe, ein schon lange funktionsunfähiges Handy, blank gewienerte Schuhe, ein Hundehalsband als Erinnerung an einen vierbeinigen Freund, der wahrscheinlich schon lange nicht mehr lebte.

Die auf ihn einstürzenden Emotionen verdrängend, stürmte er weiter. Direkt in die Richtung, aus der geschossen wurde. Um die Ecke. Und dort standen sie. Neun oder zehn Soldaten, neben sich Munitionskisten stehend, feuerten auf einen Feind, der sich an die schweren Gitterstäbe der Barrikaden drängte. Die Barrikaden konnten noch rechtzeitig geschlossen werden, wenn auch knapp. Vor den Gitterstäben lagen einige Leichen, die es noch hindurch geschafft hatten, aber von den Wachmannschaften liquidiert werden konnten.

Hinter den Gittern drängten sich sich die Untoten. Sie drängelten, rissen und zerrten. In diesem Moment erinnerten sie Paul an Raubtiere. Ihre Hände flogen durch die Gitter, die Finger schwangen durch die Luft wie die Pranken eines Löwen und griffen dabei ins Leere, wurden ruckartig zurückgerissen und zerrten dann ihrerseits die vorne stehenden Untoten nach hinten, damit sie selbst wieder nach vorne gelangen konnten, um sich letztendlich dort eine Kugel einzufangen.

Durch die Gitterstäbe hindurch war dies kein leichtes Unterfangen für die Verteidiger und über allem lag die schwebende Gefahr, dass die Barrikade dem Druck der Massen von Untoten irgendwann nicht mehr standhalten würde. Schon jetzt gingen bedenkliche Schwingungen durch das schwere Metall und ließ die Verteidiger zaghaft zurückweichen. Das Verhalten der Zombies war nicht weiter ungewöhnlich und doch erschienen sie Paul aggressiver und fokussierter. Er hatte schon häufiger gesehen, wie ganz vorn stehende Untote von den nachfolgenden Massen zerquetscht wurden. Aber dass sie sich aktiv zur Spitze zu kämpften, das war ihm neu.

Momentan war aber keine Zeit, sich weiter darüber Gedanken zu machen. Die Verteidigungsmaßnahmen wirkten vollkommen unkoordiniert. Ein Blick auf die Abzeichen bestätigte Pauls Vermutung, dass hier nur niedere Dienstränge die letzte Verteidigungslinie bildeten. Keine Zeit zu verlieren.

„Martina, Horst, unterstützt die Männer hier!“ rief er ihnen zu, bevor er sich einen Soldaten aus der Reihe zog, der gerade dabei war sein Magazin zu wechseln.

An seiner Schulter drehte er ihn in seine Richtung und erschrak. Das Gesicht des Mannes war verzerrt, der Schrecken hatte seine Augen stark geweitet und jede Pore seines Körpers strömte blanke Panik aus. Das Namensschild wies ihn als C. Hauer aus, sein Abzeichen verlieh ihm den Rang eines Obergefreiten.

„Was ist hier passiert?“ schrie Paul den jungen Soldaten an. Ohne eine Antwort zu geben, drehte sich dieser wieder von Paul weg. Er bewegte sich dabei wie programmiert, um weiter seinen Dienst zu erfüllen. So schnell gab Paul aber nicht auf.

„Obergefreiter Hauer, Meldung!“ herrschte er ihn an, was den Soldaten vorerst aus seiner Schockstarre holte, denn plötzlich sprudelte es aus ihm heraus.

„Obergefreiter Hauer meldet mehrere Eindringlinge im oberen Sicherheitsbereich. Notabriegelung war erfolgreich. Halten hier die Stellung, um den Rückzug der Zivilisten zu sichern. Nachbarstellungen nicht mehr erreichbar, Eröffnungslinie liegt vor uns, keine Meldemittel mehr vorhanden, Alarmierung hinfällig und rückwärtiges Feld ungesichert.“

„Danke. Können Sie mir jetzt die Einzelheiten des Vorfalls schildern?“ versuchte es Paul in einem milderen, aber immer noch dominantem Tonfall.

„Ich weiß nicht. Plötzlich laute Musik und es öffnete sich das Tor. Sie waren überall. Die Wachposten in den Türmen. Sie waren tot. Ich weiß nicht, wie.“ Seine Stimme stockte kurz. „Wir haben uns zurückgezogen, der Unteroffizier ist zurück, um die Notverriegelung auszulösen. Er, er ist immer noch da oben. Hier unten Munition besorgt und in Stellung gegangen. Gitterverriegelung hält. Ich weiß nicht, wie lange noch. Bitte. Ich muss weiterfeuern.“

„Gut, danke. Wir unterstützen Sie, wir dürfen nicht zulassen, dass sie hier eindringen. Haben Sie verstanden?“

„Ja. Wir tun hier schon, was wir können und ich will eher draufgehen, als einen von diesen Bastarden hier reinkommen zu lassen. Meine kleine Schwester, sie ist auch hier drin und ich...“ eine Träne lief über seine Wange. Paul nickte nur und entließ ihn aus dem Gespräch. Schnell drehte Hauer sich wieder um, beendete den Ladevorgang und feuerte weiter hinein in die wogende Masse aus totem Fleisch.

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