Mittwoch, 31. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 72

Kapitel 72
Ein wahrer Fluss an Untoten brandete auf die Stellung zu, als hätten sie alle zum Ziel, Paul und Horst zu zerreißen. Seit sie in der vorgelagerten Stellung angekommen waren, war das Aufkommen an Untoten ungewöhnlich stark nach oben gegangen, was sich die Kommandantur nicht erklären konnte. Zudem waren alle Kommunikationskanäle ausgefallen und die Befehlskette damit unterbrochen.
„Können Sie mich aufklären?“, polterte Hauptmann von Greinitz los. „Seitdem Sie hier eingetroffen sind, ist hier der Teufel los. Ein Strom Zs ergießt sich aus allen Richtungen und unsere Kommunikation ist ausgefallen. Was ist hier los?“
Seine Augen wechselten zwischen den beiden Polizeibeamten hin und her, dabei entstand eine peinliche Stille, die nur von dem gedämpften Kampflärm untermalt wurde. Paul ergriff das Wort.
„Hören Sie, wir wissen nicht, was hier vorgeht. Wir können und dürfen nur berichten, was wir Ihnen schon erzählt haben. Unsere Zugführer haben uns überraschend verlassen, der Funk ist ausgefallen und plötzlich waren überall diese Dinger.“
„Ach, und das passiert Ihnen jeden Tag?“
„In letzter Zeit häufiger.“ Paul zeigte ein gequältes Lächeln, das von seinem Gegenüber nicht erwidert wurde.
„Nein, hören Sie. Irgendwas ist in dem Zug. Irgendwas, was die Zs anlockt und den Funk stört. Sie müssen den Zug vernichten und dafür sorgen, dass nichts davon übrig bleibt.“ mischte sich Horst in das Gespräch ein.
„Und wie sollen wir das Ihrer Meinung anstellen?“
‚Sie haben doch sicherlich Artillerie und Kampfhubschrauber. Irgendetwas in dem Zug lockt Zombies an, das ist doch offensichtlich. Sie müssen ihn vollständig zerstören, dann erledigt sich auch das Z-Problem.“
„Mal angenommen, wir hätten Kontakt zur Feuerleitstelle und zu den Helikopterstaffeln, also nur mal angenommen, warum sollten wir den Zug dann zerstören? Wenn sich darin tatsächlich ein Lockstoff befindet, müssen wir ihn vielmehr sicherstellen. Damit können wir den Ausgang des Krieges beeinflussen.“
Die hochnäsige Art des Hauptmanns machte Horst rasend. „Dann tun Sie doch, was Sie nicht lassen können. Aber wenn Sie das, was sie anlockt nicht neutralisieren, ist hier bald wirklich die Hölle los.“
„Ach, und Sie wissen das, weil...?“
„Weil ich nicht taub bin und höre, was da draußen vor sich geht. Und weil ich gesehen habe, wie sie auf unser Abteil zumarschiert sind...“ Horst stutzte: „Unser Abteil! Das ist es! Der Lockstoff muss im hintersten Abteil des Zuges versteckt sein. Sie müssen einen Trupp nach draußen schicken, der den Waggon untersucht.“ Horst wedelte aufgeregt mit den Armen.
„Und wonach?“ Erstmals schien von Greinitz den Worten des Polizeibeamten ernsthaft Gehör zu schenken.
„Was weiß ich? Groß kann es nicht sein, sonst wäre es uns aufgefallen.“
Der Hauptmann grübelte über Horsts Worten, bis ihn Paul in seinen Überlegungen unterbrach.
„Hören Sie, wir müssen weiter. Wir würden Sie gern unterstützen, aber wir haben eine Nachricht zu überbringen. Haben Sie eine Möglichkeit, uns nach Rügen zu bringen?“
„Hm?“ von Greinitz schrak aus seinen Überlegungen hoch. „Ja ja, natürlich. Auch wenn ich Sie wirklich noch gern etwas hier behalten würde, aber Ihr Begleitschreiben scheint mir in der Beziehung eindeutig zu sein. Der Feldwebel wird Sie mit dem Wagen nach Rügen bringen. Es ist von hier nicht mehr weit. Falls Ihnen unterwegs doch noch was einfällt, was für uns hier wichtig sein könnte, lassen Sie es Feldwebel Urban wissen.“
„Ach, eins noch.“, setzte Horst an. „An Ihrer Stelle würde ich den Zug dort stehen lassen, bevor sie wissen, welche Überraschungen er noch für Sie bereit hält.“
„Was meinen Sie?“
„Vielleicht ist dieser Zug ein trojanisches Pferd und Sie holen sich damit mehr Probleme ins Haus, als Sie damit beheben würden. Vielleicht sind die Frachtwaggons voller Sprengstoff. Ich darf nicht zu viel verraten, aber das Eine noch: wir haben es mit einem mächtigen Gegner zu tun, der nicht mal davor zurückschreckt, Menschenleben zu opfern und wir sind ihm nur knapp entkommen.“
„Danke für Ihre Warnung und eine sichere Reise noch.“
Als sie nach draußen traten, wurde Urban zum Hauptmann zitiert und nur kurze Zeit später kam er wieder zu Horst und Paul zurück. Mit der Erlaubnis des Hauptmanns nahmen sie ihre Ausrüstung und Waffen auf, folgten Urban zu einem Geländewagen und nahmen noch einen Funker mit, der sich als Hauptgefreiter Borne vorstellte. Borne wurde abkommandiert, um während der Fahrt zu versuchen, mit dem Hauptquartier Verbindung aufzunehmen. Dort würde man sich sicher für die Vorkommnisse am Vorposten interessieren.

Dienstag, 30. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 71

Kapitel 71
„Und?“ Martina blickte sorgenvoll drein, während Leyrer den Telefonhörer zurücklegte.
„Nichts. Wir erreichen Paul einfach nicht. Sein Mobiltelefon ist ausgeschaltet, oder zerstört. Natürlich schwer vorstellbar, aber wir können es nicht ausschließen.“
„Was ist mit Funk?“, bohrte Martina entschlossen und krank vor Sorge nach.
„Keine Chance.“ gab Leyrer resigniert zu verstehen
„Nein, es muss doch noch andere Möglichkeiten geben.“ Martinas Stimme bekam etwas Flehendes.
„Wir haben keine Verbindung nach Rügen und zu den dortigen Sicherheitskräften. Die Funkverbindung ist tot, die Telefone melden keine Verbindung und zumindest mir sind keine anderen gesicherten Leitungen bekannt. Seit Brunos dahinscheiden ist die Lage mehr als verworren. Der Zivilist, von dem sie gesprochen haben, nun, ich darf Ihnen auch heute noch nichts über ihn erzählen, aber er spielt auch eine Rolle in diesem Spiel. Ich weiß nur nicht welche und wenn ich es wüsste, dürfte ich es nicht erzählen. Anweisung von ganz, ganz oben.“
„Was bedeutet das alles?“
„Wenn ich das nur wüsste. Irgendjemand hält uns an der kurzen Leine. Irgendjemand will nicht, dass wir mehr erfahren, als wir ohnehin schon wissen. Dieser Jemand hat große Macht und ehrlich gesagt fürchte ich, dass wir solange dieser Jemand die Hand über uns hält, auch keinen Kontakt zu Paul aufbauen können.“ Beherrscht schaute Leyrer Martina an.
„Wir können doch nicht einfach hier sitzen und Däumchen drehen? Verdammt, sollen alle umsonst gestorben sein? Damit kann und will ich mich nicht abfinden.“ Noch eben niedergeschlagen, spie Martina ihm die letzten Worte förmlich ins Gesicht.
Schnell ließ er sich von Martinas Kampfgeist anstecken: „Niemand ist hier umsonst gestorben. Wir werden umgehend eine Taskforce bilden und dort unsere Experten versammeln. Vielleicht können wir online eine Verbindung aufbauen. Marko und Alex sollen die Server zurück ans Netz bringen. Unsere Kommunikationsspezialisten sollen andere Wege erkunden. Wir sind noch nicht am Ende.“
Das Telefon unterbrach Leyrer bei seinen Ausführungen, der das läutende Gerät wie einen Fremdkörper anstarrte, bevor er es in Betracht zog, den Hörer abzunehmen. Während des Gesprächs nahm die Farbe in seinem Gesicht immer stärker ab. Am Ende führte er kraftlos den Hörer zurück.
„Wir haben die Identität der Angreifer.“ Sprach er leise in den Raum.
„Und? Mensch Klaus, spann uns nicht auf die Folter.“ Gab sich Carsten ungeduldig.
„Einer der Angreifer war König. Hauptmann König, der befehlshabende Offizier von MO1.“ Kurz sah er in die geschockten Gesichter von Carsten und Martina, bevor er fortfuhr. „Auch die anderen Angreifer waren in MO1 stationierte Armeeangehörige.“
Martina schüttelte ungläubig den Kopf „Dann waren dort alle Verräter? Wozu das alles? Ich dachte, dieser König war ein Kriegsheld, oder so was?“
„Es ist keineswegs gesagt, dass es Verräter waren.“, widersprach Leyrer „Die Autopsie hat bei allen Leichen eine auffällige Narbe am Kopf entdeckt, die noch recht frisch erschien.“
„Und?“ unterbrach Carsten Leyrers Ausführungen.
„Die Pathologen haben die Narbe geöffnet und in allen Fällen etwas entdeckt. Eine kleine Apparatur, etwa so groß wie ein Fingernagel am kleinen Finger und kaum breiter, aber übersät mit Kabeln und Mikrochips. Die Technologie gibt ihnen Rätsel auf, aber die Positionierung lässt den Rückschluss zu, dass die Leute mit diesen Dingern kontrolliert wurden. Oder zumindest ihr Widerstand damit gebrochen wurde.“
„Du meinst, sie wurden ferngesteuert?“, warf der Waffenexperte ein.
„Nein, nicht direkt ferngesteuert. Nur eben ihr Widerstand unterdrückt, wie der Professor meinte, um ihnen neue Befehle erteilen zu können. Eine Art der Lobotomie. Sie wurden irgendwie umprogrammiert.“
„Umprogrammiert…“ Martina ließ sich in den Stuhl zurückfallen und stieß das Wort dabei förmlich hervor.  „Wenn sie Paul in die Hände bekommen, könnten sie ihn dann umprogrammieren?“
„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, was mir Professor Heisler eben mitteilen konnte und das war nicht viel. Der Chip weist eine Nanotechnologie auf, die weit von der entfernt ist, wie sie zuletzt in der Wirtschaft eingesetzt wurde. Die Funktionsweise gibt ihnen noch Rätsel auf.“
„Besteht die Möglichkeit, dass unser Feind noch einige Überraschungen für uns parat hält?“ hakte Carsten nach.
„Für uns weiß ich nicht, aber für Paul mit Sicherheit.“, schloss Leyrer ab.

Montag, 29. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 70

Kapitel 70
Im gleichen Moment, als sie den Zug verließen, sahen sie die roten Punkte von Laserzielvisieren über ihren Körper streifen. Wie ein Schwarm Bienen glitten sie über Brust, Kopf und Gliedmaßen. Mehrere Turmbesatzungen hatten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die beiden Beamten gerichtet. Um guten Willen zu demonstrieren, ging Paul mit nach außen gekehrten Handflächen auf die Festung zu. Von den Schützen abgesehen erschien dort alles ruhig. Komisch, dachte er. Ein unkontrolliert auf sie zurasender Zug, der nicht auf Funksprüche reagiert, hätte eigentlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregen müssen.
Stattdessen war alles still. Keine ausgefahrenen Geschütze und keine Raketenwerfer, die auf die Lok gerichtet waren. Beim näherkommen verstand Paul dann auch warum. Fast unsichtbar war in die Gleise nach ungefähr 50 Metern eine Weiche eingelassen, die auf ein durch Laubwerk getarntes Gleis führte. Im besten Fall wären sie auf ein anderes Gleis geführt worden, im schlechtesten Fall hätte sie die Wucht ihrer Geschwindigkeit aus dem Gleisbett getragen und den Zug entgleisen lassen.
Paul musste schlucken und vermutete, dass Horst die Weiche ebenfalls entdeckt hatte. Um den Schützen keinen Anlass für eine unüberlegte Aktion zu geben, sprach er Horst darauf nicht an, sondern richtete seinen Blick weiter nach vorn. 20 Meter vor dem Tor ging er auf die Knie und legte einen Teil seiner Ausrüstung ab, bis ihn ein Knall aus einem Sturmgewehr erstarren ließ. Panisch sah er sich zu Horst um, der ebenfalls auf dem Boden kniend mit starrem Blick auf Paul sah. War das ein Warnschuss, ein Signal, nicht weiter zu kommen?
Weitere Schüsse. Als Paul den Kopf nach hinten drehte, verstand er warum. Sie waren fast da. Das ging alles viel zu schnell. Sie waren doch gerade erst angekommen. Dies entsprach einer sicheren Zone. Die umliegende Umgebung war ordentlich geglättet worden, es gab weit und breit keine Bäume und von einem, in der Nähe befindlichen Dorf waren nur noch die Grundrisse der Mauern vorhanden. Hier waren auf Kilometer freie Schussfelder und doch staksten die ersten Verfolger heran, um sich auf sie zu stürzen.
Noch immer schwirrten rote Punkte über ihre Körper, bereit ihr Leben von einer Sekunde auf die andere zu beenden, als plötzlich das Tor aufglitt. Über ein Lautsprechersystem versuchte eine Stimme gegen die krachenden Gewehre anzukämpfen.
„Achtung! Bitte nehmen Sie Ihre Ausrüstung auf und begeben Sie sich ins Innere. Greifen Sie nicht zu Ihren Waffen und leisten Sie den nachfolgenden Anweisungen Folge.“
Beide taten wie ihnen geheißen und betraten schnell die Station und die darin liegende Sicherheitsschleuse. Während weiter auf anrückende Untote gefeuert wurde, versammelte sich vor dem Eingang zur Schleuse eine kleine Traube an Soldaten, die die Ankömmlinge misstrauisch betrachteten. Kaum in der Anlage angekommen, glitt hinter ihnen das Tor überraschend lautlos zu.
„Aufrüstung auf den Boden und die Hände so, dass wir sie sehen können.“ Befahl eine Stimme, die zunächst sie keiner der Personen zuordnen konnten.
Gerade als sie der Aufforderung Folge geleistet hatten, ging die innere Tür in der Sicherheitsschleuse auf und drei weitere Soldaten traten hinein, zwei Dienstgrade im Rang von Obergefreiten und ein Feldwebel. Während die unteren Dienstgrade die Waffen auf sie gerichtet hielten, kam der Feldwebel näher. Sein Namensschild wies ihn als Urban aus. Ein dunkler, gepflegter Vollbart zierte sein Gesicht. Die Haare, ebenfalls dunkel, waren vorschriftgemäß auf wenige Millimeter Länge gekürzt und machten bereits seiner Stirn Platz.
„Ausweise und Reisedokumente“ stieß der Feldwebel ohne weiteres Federlesen hervor.
„Dazu muss ich in meine Tasche greifen.“ Antwortete Paul und blickte dabei demonstrativ auf die in Brusthöhe angebrachte Tasche an seiner Uniform.
„Machen Sie! Aber langsam.“ Urban hielt sich nicht mit Floskeln, oder irgendwelchen Höflichkeiten auf.
„Ich hab meine Papiere im Rucksack.“, schob Horst hinterher, während Paul die Papiere aus der Tasche fingerte.
„Papiere sind immer am Mann zu tragen. Versuchen Sie keine Dummheit.“ Quetschte der Bärtige verärgert hervor.
Nachdem auch Horst die Papiere endlich aus seinem Versteck gezaubert hatte, ging der Feldwebel langsam zu ihnen und nahm die Papiere an sich.
„Soso, Günther Weiß und Markus Schmidt, Dienstreise nach Rügen, strategische Verlegung und Kurierdienst. Scheint in Ordnung zu sein. Folgen Sie mir, wir haben ein paar Fragen an Sie. Ihre Waffen und Ihr Gepäck lassen Sie hier, wir werden es für Sie verstauen.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und ging militärisch zackig vorweg, in der festen Überzeugung, dass die Beamten nicht zögern würden, ihm zu folgen. Tatsächlich widersetzten sich die Beamten nicht und folgten rasch dem Soldaten. Die beiden Obergefreiten gingen zur Seite und ließen sie passieren.

Sonntag, 28. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 69

Kapitel 69
„Nein, das kann nicht sein.“ Leyrer saß hochrot hinter seinem Schreibtisch und schüttelte energisch den Kopf. „Die Aufnahmen müssen manipuliert worden sein. Es wäre unklug in unserer momentanen Situation falsche Schlüsse zu ziehen. Unser Feind ist uns technologisch überlegen und ein Video zu fälschen sollte für ihn ein Einfaches sein.“
„Das ist richtig, aber das glaube ich nicht.“ Widersprach Martina und der neben ihr stehende Ümmel pflichtete ihr still bei.
Schweiß lief an Leyrers Schläfe herunter und sammelte sich am Kragen seines Oberhemds. Damit hatte er nicht gerechnet und doch standen Martina, Ümmel und drei von Ümmel handverlesene Männer in seinem Büro und konfrontierten ihn mit ihren Ergebnissen. Erst die merkwürdige Email von Bruno und jetzt das. Kurz vor seinem Tod musste Bruno die Email noch fertiggestellt haben und sie anschließend zeitversetzt senden lassen.
„Wenn ihr das lest, bin ich höchstwahrscheinlich tot. Andernfalls hätte ich den Versand der Email gestoppt.“, stand darin. „Dies ist meine einzige Rückversicherung, für den Fall meines Todes. Im Anhang dieser Email findet ihr Unterlagen, Beweise, Anweisungen und Pläne für das weitere Vorgehen nach meinem Tod.“
Verschickt wurde die Nachricht an alle Einsatzleiter in München, sowie an deren direkte Vorgesetzte. Wie konnte Bruno nur. Wut stieg in Leyrer hoch. So viele Jahre hatte er mit Herling zusammengearbeitet und dann das.
„Haben Sie uns gar nichts zu sagen?“ wiederholte Martina ihren letzten Satz. Ihre Stimme drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr.
„Klaus“, mischte sich nun auch Carsten Ümmel in das Gespräch ein. „Die Beweise sind erdrückend. Pauls Leben ist in Gefahr. Verdammt Klaus, glaub es oder lass es bleiben, aber mach endlich was.“
„Ihr versteht nicht.“, stotterte Leyrer. „Ich habe ihm vertraut. Ich hätte nie gedacht, dass er zu so etwas fähig ist. Ich kann es noch immer nicht glauben. Das Video muss gefälscht sein.“ Wieder schüttelte er den Kopf.
„Unsere IT-Spezialisten sind da anderer Meinung.“, mischte sich Martina wieder ein. „Die Sequenz ist zwar kurz, weist aber keinerlei Unregelmäßigkeiten auf. Weder wurde etwas hinzugefügt, noch weggenommen. Warum sollte man das auch wollen?“
„Um jemanden Schaden zuzufügen und die Polizeiorganisation zu gefährden, natürlich.“ Leyrer schlug mit der flachen Hand überraschend energisch auf den Tisch.
„Nein, das glaube ich nicht. Der Tod Brunos hat uns schwer genug getroffen. Nur jemand, dem er vertraute, konnte so nahe kommen, ohne Verdacht zu erregen. Dann war da noch der Angriff auf das LKA. Sie wussten, dass wir dort das Video untersuchen würden. Welchem Zweck sollte der Angriff sonst dienen? Nein. Die Beweislage ist eindeutig. Wir wissen jetzt, wer der Verräter ist.“, ereiferte sich die Beamtin. „Und wir müssen schnellstens dafür sorgen, dass Paul es auch erfährt.“
An dieser Stelle wäre jetzt im Buch ein Kapitelwechsel um die Spannung aufrecht zu erhalten. Weil ich aber pro Tag eine Mindestmenge an Text abliefern will, mach ich ausnahmsweise innerhalb eines täglichen Kapitels einen Break und fahre an anderer Stelle fort. Wer aufmerksam mitgelesen hat, wird sich eh schon einen Reim daraus machen können.
Viel zu schnell näherte sich der Zug dem Tor. Paul und Horst hatten erst gar nicht bemerkt, dass sie geradewegs auf einen vorgelagerten Posten zusteuerten. Daher hatten sie noch keine Ahnung, wie sie den Zug zum stehen bekommen würden. Panisch zog Horst an den Hebeln und mit einem Ruck setzten die Bremsen ein. Ein lautes Quietschen durchzog die Stille, ein Ächzen ging durch das altersschwache Material und ließ befürchten, dass die Konstruktion den ausgesetzten Kräften nicht standhalten würde. Doch wie durch ein Wunder geschah nichts dergleichen. Die Bremsen hielten und brachten das tonnenschwere Geschoss widerwillig zum Stillstand.
Durch den plötzlichen Geschwindigkeitsverlust wurden die beiden Beamten nach vorne gepresst und konnten nur knapp ernsthafte Verletzungen vermeiden. Weniger als 100 Meter vor dem Hindernis kam die Bahn endlich zum stehen. Was von einiger Entfernung wie ein Kontrollposten aussah, entpuppte sich jetzt aus nächster Nähe als eine vorgelagerte Stellung. Ein Reihe aus Panzern war hinter aufgebauten Hindernissen in Stellung gegangen und bemannte Wachtürme entwuchsen in regelmäßigen Abständen zwischen den Hindernissen.
Es war schwer zu sagen, wie weit sich die Stellungen hinzogen, aber Paul vermutete, dass sie von hier aus bis zum Meer gingen, um den gesamten Bereich rund um Stralsund abzuschirmen. In München gab es Gerüchte, dass in Stralsund größere Kontingente der Bundeswehr einquartiert waren und dafür die Stadt einer Befestigung glich. Angesichts dem Bild, das sich ihnen jetzt bot, kein allzu abwegiger Gedanke.
„Was machen wir jetzt?“ wandte sich Horst ratlos an Paul.
„Aussteigen, und mit den Leuten reden wäre eine Option.“ Erwiderte der. „Ich würde einfach mal davon ausgehen, dass wir hier sicher sind.“
„Fragt sich, wie lange noch.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, wir haben hier doch einen ganz schönen Lärm verursacht. Hier wird’s doch sicher gleich vor den Dingern wimmeln.“
„Du hast Recht. Also gut, dann Gepäck aufnehmen und unauffällig folgen. Ach, hör mal Horst, so lange wir noch unter uns sind. Ist mir dir alles in Ordnung?“
Horst setzte einen ratlosen Gesichtsausdruck auf „Was meinst du?“
„Na ja, die letzten Stunden wirkst du irgendwie abweisend. Hör mal, wenn’s wegen Martina ist…“
„Nein, nein, nicht doch.“, begann Horst sofort abzuwiegeln „Was du mit Martina machst, geht mich nichts an. Ich will auch nichts von Martina, wenn du das meinst. Ich will nur, dass die Scheiße hier endlich vorbei ist. Verdammt Paul, wir sind zwei einfache Beamte und stecken in einer riesigen Verschwörungsgeschichte. Hast du nicht Angst, dass uns das über den Kopf wächst?“
„Doch, schon. Aber wir sind schon fast auf Rügen. Nur noch wenige Stunden und wir haben die Sache erledigt. Dann dürfen sich andere darum kümmern.“
„Wahrscheinlich hast du Recht. Komm, lass uns gehen, bevor die dort noch falsche Rückschlüsse ziehen.“ Horst zeigte mit dem Finger auf die Stellungen.

Samstag, 27. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 68

Kapitel 68
Ein langanhaltendes Quietschen verdeutlichte, dass sie zwar irgendetwas falsch gemacht hatten, aber letztendlich zählte nur das Ergebnis. Die Lok fuhr und auch wenn sie zu schnell unterwegs waren, brachte sie das fürs Erste aus der Reichweite der immer weiter angewachsenen untoten Meute.
„Woher wusstest du, dass das Funkgerät nicht funktioniert?“ wollte Paul wissen.
„Woher? Das wusste ich nicht. Ich meine, ich hab’s eingeschaltet und es kam nur Rauschen raus. Das hast du doch selber gehört.“, wies Horst die Frage zurück.
„Ja, aber erst, als ich dich danach gefragt habe. Ich hab nicht gehört, dass du es vorher schon angeschaltet hast.“, bohrte Paul noch mal nach.
„Hey, hör mal. Warum sollte ich dich anlügen? Natürlich hab ich das Funkgerät getestet. Gleich als erstes, als ich eingestiegen bin. Glaubst du etwa, ich hab was mit der Sache zu tun, oder was willst du von mir? Ich wäre beinahe selber draufgegangen. Scheiß Plan, findest du nicht?“
„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Du hast dich die ganze Zeit schon so komisch verhalten. Erst laberst du was davon, dass uns nichts passieren kann und plötzlich flippst du aus und redest wirr, dass das nicht passieren darf. Was ist los mit dir?“
„Nichts ist los. Was soll los sein? Ich hatte einfach Schiss. Natürlich dachte ich, dass uns nichts passieren kann. Die Eisenbahn ist das sicherste Verkehrsmittel und ich konnte ja schlecht ahnen, dass unsere Lokführer abhanden kommen. Apropos. Wo sind die zwei eigentlich hin?“, lenkte Horst vom Thema ab.
„Gute Frage. Die Tür war nicht beschädigt. Die Zwei müssen von sich aus die Lok verlassen haben. Das war vielleicht wieder ein Anschlag. Irgendjemand will uns aus dem Weg haben.“
„Aber das ist unmöglich. Kein Mensch außer Bruno wusste, dass wir in dem Zug sind und Bruno ist tot.“
„Vielleicht hat der Mörder die Informationen von Bruno schon vorher bekommen, oder er hat sie von seinem Computer.“
„Nein, das ist unmöglich.“
„Warum?“ Paul ließ nicht locker.
„Was? Ach so, ja, weil Bruno uns nie in Gefahr bringen würde und sein Rechner doch sicher geschützt ist.“
„Da hast du Recht. Vielleicht wurde er deswegen getötet. Ich hab doch noch das Mobiltelefon. Ich könnte bei Leyrer anrufen.“
„Nein, das würde ich nicht machen.“
„Warum denn?“
„Bruno hat ihm nicht getraut, vergiss das nicht.“
„Wir sind gerade einem Anschlag entgangen. Wer auch immer hinter uns her ist, der weiß bereits, dass wir hier sind. Was kann denn jetzt noch groß passieren?“
„Na ja, ich weiß auch nicht.“ Entmutigt gab Horst nach.
„Schön, wenn dir nichts mehr einfällt was dagegen spricht, dann versuch ich es jetzt einfach. Vielleicht kann ich auch mit Martina sprechen.“
Noch immer machte Horst den Eindruck, nicht vollständig von Pauls Idee überzeugt zu sein. Der Polizeiobermeister beobachtete seinen Freund mit argwöhnischem Blick, während er die vierstellige PIN in das Gerät eingab. Wieder vermeldete ein Jingle die erfolgreiche und korrekte Eingabe. Abwartend behielt Paul das Mobiltelefon in der Hand und starrte auf das kleine Display. In der Zwischenzeit zog Horst an den Hebeln und konnte die Geschwindigkeit des Zugs dadurch leicht nach unten korrigieren.
„Verdammte Scheiße. Nichts.“ Schimpfte Paul und begann das Mobiltelefon in ein imaginäres Funknetz zu halten.
„Was ist los?“
„Kein Netz. Hier draußen gibt’s kein Netz. Verdammt. Und jetzt?“
„Du wartest. Auf Rügen gibt’s sicher ein Netz. Dann kannst du immer noch mit Leyrer und Martina quatschen. Vielleicht haben sie dir auch eine neue SMS geschickt. Oder über das Mobilfunknetz geortet. Vielleicht wussten sie ja deshalb, dass wir nach Hamburg unterwegs sind.“, versuchte Horst den Beamten zu beruhigen.
„Und haben dann innerhalb weniger Stunden die Dienstpläne manipuliert, hunderte Zs zusammengetrieben und dafür gesorgt, dass wir auf freier Strecke aufgefressen werden? Wow. Dann kämpfen wir nicht gegen einen unsichtbaren Feind, dann kämpfen wir wohl gegen Gott persönlich.“
„Das muss ja nicht sein. Es ist doch nicht bewiesen, dass die beiden Lokführer auch zu denen gehören. Vielleicht wurden sie absichtlich falsch instruiert?“
„Ich kenn ja nicht viele Lokführer, aber wie viele meinst du gibt es, die die Lok auf freier Strecke in einem verseuchten Gebiet verlassen würden?“
„Vielleicht haben sie auch über Funk Anweisungen erhalten. Vielleicht eine Drohung?“
Paul verzog das Gesicht. „Der Funk ist doch tot.“
„Ja, aber vielleicht war er es vorher noch nicht.“
„Und wo kamen die Zs her? Haben sie die mit dem Auto hergebracht?“
Horsts Stimme nahm einen leicht verzweifelten Unterton an. „Die wurden angelockt. Irgendwas hat die angelockt. Die haben’s gezielt auf unseren Wagen abgesehen. Kann sein, dass die von dem Lärm angelockt wurden, aber sie haben sich nur um unseren Waggon versammelt. Das ist doch nicht normal. Mensch Paul, überleg doch mal.“

Freitag, 26. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 67

Kapitel 67
Während Paul mit dem Druckluftventil experimentierte, verabschiedete sich eine weitere Seitenverkleidung des Waggons und an einer Stelle konnten die Zombies eine Spalte ins Innere des Waggons schlagen. Aufgeschreckt durch den Lärm sprang Horst auf, suchte die Lücke und fand schließlich in einem Abteil ein Loch, durch das sich gerade der erste Untote zwang. Schnell hatte er sein Sturmgewehr in Anschlag gebracht und beendete mit einem gezielten Schuss das untote Leben des Eindringlings.
Mit einer fließenden Bewegung war das Gewehr wieder gesichert und übergehängt. Aus seiner Tasche beförderte er einen Kabelbinder, mit dem er die Tür des havarierten Abteils verschloss. Zwei weitere Kabelbinder würden die Tür soweit sichern, dass eher noch die Glasscheiben nachgaben, als die Tür selbst. Ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen, rannte er wieder zu Paul, der gerade den richtigen Hebel erwischt hatte, denn im ganzen Abteil war, noch über den Lärm der Zombies hinweg, das Zischen entweichender Druckluft zu hören.
Die Innenverriegelung war schnell gelöst und nun stand Paul etwas ratlos vor der verschlossenen Tür zum Nachbarabteil.
„Aufziehen!“, rief Horst und stellte sich daneben, um ihn dabei zu unterstützen.
Zusammen zerrten sie an der Tür und tatsächlich konnte die Druckluft der Kraft zweier Männer nicht standhalten und gab soviel frei, dass sich ein erwachsener Mann hindurchzwängen konnte. Zuerst warf Horst ihre beiden Rucksäcke hindurch, bevor er sich unter Pauls Armen durchquetschte und sich dann von innen gegen die Tür stemmte. Schnell glitt auch Paul durch die Öffnung und mit einem Knall schloss sich die Tür hinter dem Polizeihauptmeister wieder.
Ohne zu zögern hasteten sie weiter, lasen unterwegs ihre Rucksäcke auf, kämpften sich sodann durch die Ladung des Transportwaggons und fanden sich am anderen Ende des Wagens wieder. Die Untoten waren ihnen nicht gefolgt, sondern kämpften noch immer mit dem letzten Wagen. Irgendetwas an dem Wagen zog sie magisch an, aber es waren offenbar nicht die beiden Beamten, wie Paul klar wurde.
Sie mussten die Gelegenheit nutzen. Die Druckluftsteuerung war, wie schon bei der anderen Tür, an derselben Stelle und diesmal löste Paul geschickter den Druck. Mit einem Ruck sprangen die Türen nach draußen auf. Es galt keine Zeit zu verlieren. Mit angezogener Waffe hetzten sie aus dem Zug, hinaus auf das offene Feld. Würden sie hier attackiert werden, hätten sie keine Chance. Noch zogen sie aber kein Interesse auf sich. Die ganze Aufmerksamkeit der Untoten galt weiterhin ganz allein dem letzten Waggon.
Paul wunderte sich darüber, fand aber keine Erklärung für das seltsame Verhalten der Untoten. Er hatte auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon lief Horst voraus in Richtung der Lok. Nur vereinzelte Untote kreuzten ihren Weg. Zu Wenige, um das Risiko einzugehen, mit dem Sturmgewehr ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Stattdessen nutzte Horst das Gewehr, um die lebenden Toten von sich wegzustoßen.
Es würde sie zwar nicht lange aufhalten, aber doch lange genug, um gefahrlos an ihnen vorbei zu kommen. Bei der Lok angekommen fanden sie diese unverschlossen vor. Die Tür stand sogar offen. Noch bevor Paul etwas sagen konnte, war sein Freund schon den Einstieg nach oben gesprungen und ging mit seiner Waffe im Anschlag weiter in die Lok hinein. Paul haderte noch kurz, eilte dann aber rasch hinterher, als er die heran torkelnden Untoten bemerkte.
Die Lok war leer, nur Horst stand rätselnd vor den Bedienelementen. Um die Einsamkeit weiter zu gewährleisten, zog Paul die Tür hinter sich zu und besah sich dabei das Schloss. Es wies keine Spuren eines gewaltsamen Eindringens auf, es musste demnach von innen geöffnet worden sein. Laut hörbar rastete es jetzt wieder ein und schottete sie gegen das draußen liegende Grauen ab.
„Was ist jetzt? Bekommst du das Ding in Gang?“
„Ich weiß nicht.“, antwortete Horst, „die hier schaut anders aus, als die, mit der wir nach MO1 unterwegs waren. Es schaut ähnlich aus, aber halt anders.“
„Was ist mit dem Funkgerät?“ Paul deutete auf das am Rand stehende Gerät.
„Geht nicht. Empfang gestört.“
Demonstrativ drehte der Beamte an einigen Knöpfen und empfing auf allen Kanälen nur statisches Rauschen.
„Dann mach halt irgendwas. Im schlimmsten Fall stehen wir einfach weiter hier rum.“, beharrte Paul.
„Jaja, ich mach ja schon was. Hetz mich nicht. Für was ist denn der Hebel hier gut?“
Ohne auf eine Antwort von Paul zu warten drückte er ihn nach vorne und unversehens ging ein Ruck durch die Lok. Horst fiel dabei auf den Platz des Lokführers und Paul konnte sich gerade noch an einem seitlich angebrachten Griff festhalten und so einen Sturz vermeiden. Fast schon panisch wanderten Horsts Hände über das Kontrollpult. Er drückte Knöpfe und zog an Hebeln und stieg auf ein Pedal am Boden. Plötzlich und ohne Vorwarnung setzte sich der Zug mit einem erneut heftigen Ruck schnell in Bewegung.

Donnerstag, 25. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 66

Kapitel 66

Horsts Ruhe war dahin. Das Trommelfeuer der gegen den Wagen schlagenden Körperteile hatte ohrenbetäubende Ausmaße angenommen, aber noch hielten die verstärkten Türen. Die Wände hatten dagegen schon sichtbaren Schaden genommen. Durch die Wucht der untoten Masse schwang der Wagen hin und her. Horst hatte zumindest damit Recht behalten, dass durch den Angriff von beiden Seiten ein Kippen des Waggons verhindert wurde.
„Scheiße, scheiße, scheiße. Das dürfte eigentlich gar nicht passieren.“, schrie Horst über den Lärm hinweg.
„Was meinst du?“
„Na das hier. Warum versammeln die sich nur um uns und warum fährt der Zug nicht weiter?“ Horsts Stimme hatte einen verzweifelten Unterton angenommen.
„Das ist doch jetzt egal. Viel wichtiger ist, was wir dagegen unternehmen.“, brüllte Paul zurück.
„Nein, das ist eben nicht egal. Hör mal … ach vergiss es. Wir müssen hier weg.“
„Soweit war ich auch schon. Vorschläge?“
„Die Fenster.“
„Da sind Gitter davor.“
„Ja, das sehe ich auch. Dann reißen wir das halt runter. Aus dem Fenster und dann hinauf aufs Dach und von da nach vorne zur Lok.“
„Die Gitter sind verschraubt, Einstein“ Paul schaute Horst zweifelnd an.
„Dann müssen wir eine andere Möglichkeit finden hier rauszukommen. Lass uns sämtliche Abteile durchsuchen. Vielleicht finden wir was.“
„Und was stellst du dir da vor?“
„Eine Luke, ein Dachfenster. Na irgendwas. Vielleicht können wir zum nächsten Waggon durchbrechen.“, schlug Horst vor.
„Ok, angenommen wir bekommen die Zwischentüren auf. Was dann?“
„Dann fahren wir davon.“
„Super Idee, Horst. Kannst du denn einen Zug fahren?“
„Ach komm, so schwer kann das nicht sein. Ich hab Hans und Khalil über die Schulter gesehen. Das schien mir jetzt kein Hexenwerk.“
„Und weiter? Fahren wir einfach drauf los und hoffen, dass wir richtig rauskommen?“
„Ist doch egal. Wichtig ist, dass wir hier wegkommen. Ewig hält der Wagen dem Ansturm auch nicht stand.“
Wie zur Bestätigung ging ein Krachen durch das Abteil. Teile der Außenverkleidung hatten sich gelöst und wurden sogleich von untoten Händen abgerissen.
„Scheiße Paul, wir haben schon zu viel Zeit durchs Palavern verloren. Wir müssen hier ganz schnell raus. Die werden alles unternehmen, um hier reinzukommen.“, flehte Horst seinen Freund an, der schließlich einlenkte.
Hunderte Untote hatten den Wagen von allen Seiten eingekreist und jeder einzelne davon wollte unter allen Umständen in den Waggon hinein gelangen. Sich im Abteil zu verschanzen galt nicht länger als Option und auch Paul musste sich jetzt eingestehen, dass alles besser war, als hier zu verharren und einfach nur abzuwarten. Horst war schon losgelaufen und untersuchte auf eigene Faust die anderen Abteile des Wagens.
Ohne weiter abzuwarten ging Paul zum Ende des Waggons und besah sich den Übergang zum nächsten Wagen. Wie alle anderen Türen auch war sie vergittert und von innen nicht ohne weiteres zu öffnen. Er kannte sich nicht so gut mit Zügen aus, aber das Modell hier funktionierte irgendwie mit Druckluft. Beim Öffnen der Türen ging ein Zischen durch das Abteil, das für diese Art Züge typisch war. Die zusätzliche Innenverriegelung war dagegen kein Problem.
Hinter ihm huschte Horst in die nächste Kabine und sein Gesicht wirkte dabei noch besorgter als zuvor. Die Druckluft wurde zentral von der Lok aus gesteuert. Ein lose abstehender Deckel erregte Pauls Aufmerksamkeit. Mit dem Gewehrkolben schlug er von oben dagegen, bis dieser sich vollständig löste und den Blick auf die Druckluftversorgung des Waggons offenbarte. Sobald er diese unterbrach, würden sich sämtliche Türen öffnen, nur noch gehalten durch die innere Verriegelung.
Dann stünden sie noch immer vor der anderen Tür, deren Verriegelung sich nur von der anderen Seite lösen ließ. Was dann? Ein paar Schüsse und die Hoffnung, damit die Verriegelung und das Druckluftsystem zu treffen? Sie wären nur einen Waggon weiter. Dann noch ganze neun bis zur Lok. Sofern sich der Pulk ausschließlich weiter auf den letzten Waggon konzentrieren würde, könnten sie nach draußen und nach vorne laufen. Wenn die Lok allerdings versperrt wäre, hätten sie ein Problem.
Noch während Paul die weiteren Schritte in Gedanken durchging, tauchte Horst hinter ihm auf.
„Scheiße, ich hab nichts gefunden. Was ist mit der Tür?“
„Funktioniert mit Druckluft und wird hier für den ganzen Wagen gesteuert. Damit gehen auch die anderen Türen auf.“
„Und wenn schon. Die Verriegelung hält ohnehin mehr aus, als das Druckluftsystem.“
„Und der nächste Wagen?“
„Die sind doch nur druckluftgesichert. Das sind reine Transportwaggons. Wer sollte die auch von innen verschließen?“

Mittwoch, 24. August 2011

Kurzgeschichte - Rohfassung

Update 25.08.: Die Geschichte hat jetzt auch einen Namen: Ausbruch. Kurz, prägnant, zweideutig. Das Team bricht während des Ausbruchs einer Seuche aus. Wahnsinn, oder? So originell. :)

Auf Arbeit wurde ein Wettbewerb ausgerufen, bei dem es gilt, eine Kurzgeschichte zum Thema "Teamerfahrung" abzuliefern. Fiktionale Themen wurden explizit nicht ausgeschlossen. Dafür soll die Geschichte humorvoll sein. Naja.
Auf jeden Fall hab ich mir meine eigenen Gedanken zum Thema "Teamerfahrung" gemacht und die in eine Kurzgeschichte gepackt, die mir dann aber doch zu lang geraten ist. 5000 Zeichen waren vorgegeben, auch ohne Leerzeichen bin ich schon bei 6000. Da werd ich noch die Schere ansetzen müssen. Humor ist jetzt an sich auch keiner drin und im Zuge des Schnitts werd ich noch ein paar Veränderungen vornehmen, auch was Sprache und Ausdruck angeht. Die endgültige Version wird hier auch nicht veröffentlicht, weil eben für internen Gebrauch, aber für alle Interessierten hier die Rohfassung. Gern gesehen sind auch Kommentare, wo man kürzen könnte. Oder ein alternatives Ende. Das aktuelle gefällt mir noch nicht so, aber 5000 Zeichen... Dafür müsste ich mich kurz fassen und das ist keine Stärke von mir. Wie auch immer.
Ausbruch
Als der Strom ausfiel, dachte noch niemand an etwas Böses. Stromausfälle waren der schlampigen Technik des Gebäudes geschuldet, in dem wir uns seit geraumer Zeit aufhielten. Auch als auf den Straßen erste Tumulte ausbrachen, waren wir noch guter Dinge. Ein Kollege scherzte noch darüber, dass die Hitze die Menschen verrückt machen würde. Wir lachten. So lange, bis ein gellender Gänsehaut verursachender Schrei über den Flur drang. Das Lachen verstummte.
Weitere Schreie folgten. Aus den Tumulten auf der Straße war ein Massaker geworden. Menschen fielen übereinander her und rissen ihre Opfer zu Boden. Was danach kam, war am ehesten als Kannibalismus zu beschreiben. Sie zogen ihren Opfern das Fleisch von den Knochen und schlangen es wie Raubtiere hinunter. Sie rissen und zerrten an ihnen, bis sie sich nicht mehr bewegten. Erst dann ließen sie von ihnen ab und sie in ihrem Blut liegen.
Doch schon kurz darauf erhoben sie sich wieder und machten ihrerseits Jagd auf die Lebenden. Es war still. Niemand wagte zu sprechen und alle starrten wie gebannt auf das, was sich unter uns abspielte. Aus dem Grund merkte auch keiner von uns, wie sich die Tür zum Meetingraum öffnete. Erst, als die Tür zurück ins Schloss fiel, riskierten einige von uns einen  Blick und wünschten sich im nächsten Moment, sie hätten es nicht getan.
In der Tür stand eine der für die Meetingräume verantwortlichen Damen, oder das, was von ihr übrig war. Ihr Fleisch hing in Streifen an ihrem Arm herunter, ihre linke Gesichtshälfte zeigte den blanken, darunter liegenden Schädel und das Auge hing an einem dünnen Strang aus Muskeln und Sehnen. Ein Fetzen blutiges Fleisch ragte aus ihrem halb offen daliegenden Mund und blutende Wunden am ganzen Körper hinterließen auf dem Boden eine rote Blutspur.
Langsam kam sie auf uns zu und näherte sich dem Kollegen, der der Tür am nächsten saß. Mit aufgerissenen Augen und starr vor Angst, sah er die Kreatur auf sich zu schlurfen. Alle hielten die Luft an. Niemand bewegte sich. Die Frau näherte sich weiter ihrem Opfer. Es war eine Kollegin, die schließlich ihren Mut zusammennahm und einen spitzen Schrei ausstoßend aufsprang und mit einem Stuhl die Kreatur von dem Kollegen wegstieß.
Ausgerechnet Angelika, stets der Ruhepol im Team und als eher zurückhaltend bekannt, löste die Starre und wir sprangen auf, packten die Frau an den Armen und zogen sie in eine Ecke. Mit ihren Zähnen schnappte sie nach uns, verfehlte uns aber. Zwei weitere Kollegen brachten einen weiteren Stuhl und konnten sie am Ende so fixieren, dass sie sich nicht weiter bewegen konnte. Der Bann war gebrochen.
Wir berieten unser weiteres Vorgehen. Während ein Teil des Teams über die Mobiltelefone erfolglos die bekannten Notrufnummern anwählte, versuchte der Rest Familie und Bekannte zu erreichen. Statt eines Freizeichens erhielten die Anrufer aber nur Störgeräusche. Die Netze waren ausgefallen oder überlastet. Wir wussten es nicht. Wir wussten aber, dass wir nur als Team überleben konnten. Die Kreaturen waren langsam, aber alleine war man ihnen unterlegen.
Jemand fragte, was das für Kreaturen seien und ein anderer warf den Begriff ‚Zombie‘ in den Raum. Unsicheres Lachen ertönte. Zombies. Zombies gab es nur in schlechten Büchern und Filmen, aber nicht in unserer Welt. Nicht in unserer Gesellschaft. Nicht in unserer Denkweise. Und doch waren sie da draußen. Kreaturen, die das Fleisch von Lebenden fraßen und im Tode wieder auferstanden. Da waren wir. Nur auf uns allein gestellt in einer Welt, die von einer Minute auf die andere zur lebensfeindlichen Umgebung mutierte.
Etwas drückte gegen die Tür. Ich stand der Tür am nächsten und drückte sie wieder zu. Auf die Frage, wer draußen sei, erntete ich nur ein schrilles Fauchen. Laufgeräusche. Etwas prallte gegen die Tür. Mehrere Kollegen eilten zur Hilfe, brachten Tische und verbarrikadierten die Tür damit. Wir saßen in der Falle, eingesperrt mit einem dieser Kreaturen, einem Zombie. Ich sah in ihr gesundes Auge und fühlte, dass sie mich beobachtete. Die Augen waren kühl und berechnend und ließen die Frau lebendiger erscheinen, als sie dies aufgrund ihres Körperzustands sein konnte.
Die Datennetze waren mit den Mobilfunknetzen verloren gegangen. Erst Tanja hatte die Idee, das Radio ihres Smartphones zur Informationsgewinnung zu nutzen. Alle Radiosender strahlten die gleiche Nachricht aus. Über das Stadtgebiet München war der Ausnahmezustand verhängt worden. Allen Bewohnern wurde angeraten, die Wohnungen und Häuser nicht zu verlassen, Türen und Fenster zu schließen und gegebenenfalls zu verbarrikadieren und auf die Ankunft von Polizei oder Militär zu warten. Ein bisher unbekannter Erreger hatte sich in der Stadt ausgebreitet und wurde über Körperkontakt zu den Infizierten übertragen.
Im Laufe des Tages wurde es heißer und stickiger im Raum. Die Fenster konnten nur über einen Schalter geöffnet werden und der funktionierte ohne Strom genauso wenig wie die Klimaanlage. Dazu kam, dass der geschundene Körper der Frau langsam unangenehm zu riechen begann. Hunger und Durst sorgten weiter dafür, dass die Stimmung immer tiefer sank. Versuche, die Fenster zu zerstören, scheiterten an der Beschaffenheit des Sicherheitsglases. Außer Schrammen zeugte nichts von unseren Ausbruchsversuchen.
Zusammen mit dem Lärm im Raum, steigerten sich auch die Aktivitäten vor unserer Tür. Als uns die Abhängigkeit bewusst wurde, änderten wir unsere Strategie und verhielten uns still. Nur das Fauchen der ehemaligen Kollegin drang als Geräusch nach draußen, ansonsten verhielten wir uns so still, wie es die Situation zuließ. Als nach einer Stunde von draußen keine Geräusche mehr zu hören waren, wagten wir den Ausbruch.
Mit einem Tisch schränkten wir die Bewegungsfreiheit der untoten Frau so weit ein, dass sie uns nicht folgen konnte und huschten so leise wie möglich aus dem Raum. Weit kamen wir nicht. Hinter der nächsten Ecke warteten sie auf uns. Wir liefen in die andere Richtung und stießen beinahe mit unserer Gefangenen zusammen, die sich zwischenzeitlich unter dem Tisch befreien konnte. Albert versetzte ihr einen Stoß, der sie taumeln und zu Boden gehen ließ. Genug Zeit für uns, um ihre Position zu passieren.
Angelika schrie auf. Die Zähne des Dings am Boden waren in ihre Wade vergraben. Blut trat hervor und  lief nach unten. Mit dem freien Fuß schlug sie nach dem Kopf der Angreiferin und schaffte es tatsächlich, sich zu befreien, bevor die Verfolger sie erreichen konnten. Zusammen erreichten wir das Treppenhaus. Wir waren uns nicht ganz sicher über die motorischen Fähigkeiten unserer Verfolger, hofften aber darauf, dass die Tür uns genügend Vorsprung verschaffen würde.
Wir wählten den Weg nach oben. Draußen war es zu gefährlich. Sie schlichen zwischen den Häusern herum, hatten sich zu Rudeln zusammengeschlossen und lauerten denen auf, die töricht genug waren, sich in ihre Nähe zu begeben. Unbehelligt erreichten wir das nächste Stockwerk und verließen das Treppenhaus. Unter uns Gepolter. Sie hatten die Türe aufbekommen und schickten sich an, uns zu verfolgen. So leise wie möglich schlossen wir hinter uns die Tür und suchten uns ein Zimmer, in dem wir die Nacht verbringen konnten.
Dort sitzen wir jetzt seit einigen Stunden. Ich schreibe diese Zeilen im Licht meines Smartphones. Angelikas Zustand hat sich verschlechtert. Das Blut ist aus ihrem Kopf gewichen und ihre Haut hat eine aschfahle Tönung angenommen. Ich werde hernach mal zu ihr hinüberschauen.

Untot - Band 3 - Kapitel 65

Kapitel 65
Die Aufräumarbeiten im LKA waren in vollem Gange. Während draußen Wartungsmannschaften die beschädigten Tore untersuchten, wurde noch überlegt, wie man die Kadaver schnellstmöglich entsorgen könnte. Noch immer lenkte der Lockstoff die Aufmerksamkeit der Untoten auf sich, und erleichterte den Bergungsmannschaften ihre Arbeit, da sich die Horden um und im ehemaligen Finanzamt tummelten.
Im Gebäude selbst waren Spezialisten mit der Obduktion der getöteten Angreifer beschäftigt. Auffällig waren bei allen diesen Leichen die ausdruckslosen Gesichter. Nichtsdestotrotz galt die meiste Aufmerksamkeit den Anzügen, da sich keiner der Anwesenden deren Zusammensetzung erklären konnte. Nur ungern trennte sich Martina von ihrem Exemplar, hatte es ihr doch mehr als einmal das Leben gerettet. Leyrer war persönlich vor Ort, um sie über die Geschehnisse der letzten Nacht zu interviewen.
Währenddessen machten sich auch Marko und Alex daran, ihren Arbeitsplatz wieder herzustellen. Die Monitore waren von den Kugeln der Angreifer zerstört, die Rechner hatten sie glücklicherweise verschont. Durch die zerstörten Fenster wehte ein bedrückender Gestank nach Moder und Verwesung. Noch lagen Teile des Hofs im Schatten, aber schon bald würde die Sonne die Verwesung der herumliegenden und jetzt endgültig toten Zombies weiter beschleunigen.
Keine gesunde Arbeitsumgebung, wie die beiden IT-Spezialisten fanden. Dies äußerten sie auch lautstark und energisch gegenüber Martina, die sich wieder zu beiden gesellt hatte. Die Anstrengungen der Nacht standen ihr ins Gesicht geschrieben und ihr fielen viele Dinge ein, die sie jetzt lieber gemacht hätte, als hier mit Marko und Alex abzuhängen. Es gab da aber noch etwas, um das sie sich kümmern wollte. Entsprechend genervt fuhr sie Alex an.
„Keine Ahnung, was ihr diese Nacht gemacht habt, aber ich hab mich durch Tausende Zs gekämpft, hab einen Köder rüber in die Deroystraße gebracht und euch den Arsch gerettet. Ganz ehrlich hab ich keinen Bock darauf, mir jetzt euer Gemaule anzuhören. Sagt mir einfach, wenn es Ergebnisse gibt.“
Kleinlaut machten sie sich an den Austausch der Monitore und die Beseitigung der Schäden, soweit möglich. Da Putzfrauen mittlerweile Mangelware waren, machte sich Alex mit Schaufel und Besen daran, die Glassplitter zusammen zu fegen. Noch während er darüber fluchte, warf Martina einen Blick aus dem Fenster und sah dort Soldaten, die dabei waren, die verstreuten Leichenteile in einen Container zu entsorgen. Einer von ihnen hielt einen Flammenwerfer hinein und schwarzer, beißender Rauch stieg auf.
In der Zwischenzeit schaffte Marko neue Monitore heran, die er mit den Rechnern verband. Er musste dabei leicht grinsen. Die Zerstörung der Monitore war zwar ärgerlich, aber ihr Feind hatte damit natürlich nichts erreicht, außer den Beiden Arbeit aufzuhalsen. „Hahaha, die Monitore…“ murmelte er leise vor sich hin, während er die Kabel anbrachte. Die in Mitleidenschaft gezogenen Tastaturen würde er später austauschen, dachte er so bei sich. Er fand es eh schon anstrengend genug die TFT-Monitore aus dem Lager zu holen und dies musste er auch nachhaltig seiner Umgebung mitteilen.
Einer der Rechner war noch immer mit der Wiederherstellung der Videos beschäftigt. Marko wies Martina darauf hin, dass sich bereits einige brauchbare Fragmente im Recovery-Ordner auf der Festplatte befanden. Sobald er mit den anderen Rechnern fertig war, würde er sich darum kümmern. Oder sie sollte Alex ansprechen, da er jammernd darauf hinwies, dass er nach der letzten Nacht doch etwas mitgenommen war und er für die körperliche Arbeit einfach nicht geschaffen war. Martina war es leid.
Von draußen drangen wieder Schussgeräusche nach innen. Das konnten eigentlich nur vereinzelte Gruppen auf dem Durchmarsch sein. Martina fühlte sich so müde. Sie vermisste ihren Anzug. Solange sie ihn trug, fühlte sie sich unverwundbar. Mit der normalen Uniform dagegen war sie wieder schwach und den Kreaturen da draußen unterlegen. So müde. Ihre Augen fielen zu, aber ihr herabfallender Kopf ließ sie wieder aufschrecken.
Sie drehte ihren Stuhl zu dem Monitor hin und legte ihre Hand auf die Maus, öffnete dann einige der gefundenen Fragmente und besah sich die Videoaufzeichnungen von für sie eigentlich uninteressanten Räumen. Dort ein sich unbeobachtet fühlendes Pärchen, hier ein in seiner Arbeit vertiefter Kollege, aber nichts Aufregendes und vor allem nichts aus der fraglichen Nacht. Nach und nach öffnete sie alle gefundenen Dateien und merkte dabei erneut eine schwere Müdigkeit auf sich herabsinken.
Noch drei, jetzt schon lesbare, Dateien waren vorhanden, aber der Fortschrittsbalken war gerade mal bei 60 %. War wohl eine Heidenarbeit für den Rechner. Die erste Aufzeichnung war mindestens genauso uninteressant wie die davor. Ein Flur mit zwei Kollegen, die sich unterhielten. Da die Überwachungskameras keinen Ton aufnahmen, entging ihr der Inhalt des Gesprächs und eigentlich interessierte es sie auch nicht besonders.
Sie schloss die Wiedergabe und nahm sich die vorletzte Datei vor. Sie erkannte darauf Hirt, der offensichtlich lesend an seinem Schreibtisch saß, und sofort war ihre Aufmerksamkeit geweckt. Hirt hob den Kopf und seine Lippen bewegten sich. Er unterhielt sich offenbar mit jemand und eine männliche Person trat ins Bild. Die Kamera erfasste ihn zwar nur von hinten und doch kam er Martina seltsam vertraut vor. Plötzlich schnellte der Besucher vor. Seine Hand legte sich um Hirts Mund, in seiner anderen Hand erkannte Martina einen kleinen Gegenstand.
Die Auflösung war zu gering um zu erkennen was es war, aber im nächsten Moment drückte der Eindringling den Gegenstand in Hirts Nacken und hielt ihn dabei weiter fest. Nur kurz darauf erschlaffte Hirts Körper und der Angreifer legte ihn fast sanft auf dem Schreibtisch ab. Gebannt beobachtete Martina das Geschehen auf dem Monitor. Noch immer war das Gesicht des Unbekannten von der Kamera abgewandt. Und doch hatte sie dieses Gefühl der Vertrautheit. Dann drehte sich der Mann um und Martina schrie auf „Nein. Nein, das kann nicht sein. Nein!“ Plötzlich ergab alles einen Sinn, ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. Sie musste sofort mit Paul Kontakt aufnehmen.

Dienstag, 23. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 64

Kapitel 64

Es war ihm unmöglich zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, als ein lautes Quietschen Paul aus seinen Träumen riss. Neben ihm saß wie zuvor Horst und blätterte noch immer in dem Buch. Diesmal konnte er auch den Titel des Buchs erkennen.
„Du liest die Bibel?“ sprach er seinen Freund direkt an.
„Hm? Oh, du bist ja schon wieder wach. Gut geschlafen?“
„Ja, schon. Warum halten wir hier eigentlich?“
„Keine Ahnung. Aber es wird sicher gleich weitergehen.“
„Was ist jetzt mit der Bibel?“ bohrte Paul noch mal nach.
„Hm? Oh, ja, die Bibel. Ich weiß nicht. Mir fiel vor kurzem auf, dass ich sie noch nie gelesen habe und dachte mir, dass ich das eigentlich mal nachholen könnte. Die liest sich ganz gut. Ich mein, dafür, dass sie schon so alt ist. Kannst du eventuell mal die Vorhänge zurückziehen?“
„Ja, klar. Warte.“
Mühsam richtete sich Bährer auf, zog die Vorhänge zur Seite und warf einen Blick hinaus. Wie schon bei der Abfahrt hingen tiefe graue Wolken am Himmel und in der Ferne ragten die Ruinen verlassener Häuser wie die Boten einer längst vergangen Zeit am Horizont. Das alles nahm Paul aber gar nicht wahr, weil sich sein Blick auf das richtete, was direkt vor ihm lag. Eine riesige Meute Zombies kam über die Felder und über die Straßen. Viele darunter waren schon halb vermodert, andere sahen so aus, als seien sie erst vor wenigen Wochen zu dem geworden, was sie jetzt sind. Allen gemein war, dass sie tot waren, und doch irgendwie am Leben.
Und sie marschierten geradewegs auf den Zug zu.
„Scheiße Horst, schau mal raus. Das sind Hunderte. Wo die wohl herkommen?“ Nervös presste Paul seine Nase an die Scheibe.
„Tut doch nichts zur Sache. Wir fahren ohnehin gleich weiter und lassen diese Kadaver hinter uns.“
„Irgendwie ist mir aber nicht wohl bei der Sache. Für ein paar Streuner sind das definitiv zu viele. Außerdem kommen die ziemlich zielgerichtet auf den Zug hier zu.“
„Ist doch klar. Bei dem Lärm, dass das Ding hier macht. Hier ist doch nix, das ist sicher kilometerweit zu hören. Entspann dich mal lieber.“
Gerade als Paul dem Rat seines Freundes folgen wollte, klopften die ersten Fäuste gegen die Außenwand. Erregt sprang er auf und ging aus dem Abteil raus auf den Gang, um aus dem Fenster die andere Seite des Waggons begutachten zu können. Hier offenbarte sich dasselbe Bild. Sie strömten aus einem ehemaligen Fabrikgelände als gelte es noch rechtzeitig die Bahn zum Feierabend zu erwischen.
„Scheiße Horst, von der Seite kommen sie auch.“
Horst stand von seinem Platz auf und stellte sich in die Tür.
„Dann schmeißen sie uns wenigstens nicht um. Sicher geht’s gleich weiter.“
„Wie kannst du so ruhig bleiben? Verdammt Horst, wir stehen auf irgendeiner Abschussliste und was da draußen vor sich geht, erinnert mich irgendwie an die Kacke in München. Mach mal Platz.“
Mit einer Handbewegung drückte er seinen Freund zur Seite und öffnete seinen Rucksack. Mit einer Hand kramte er nach etwas darin, bis er eine Schachtel Munition herauszog. Danach griff er nach seinem Sturmgewehr und überprüfte seine Ausrüstung.
„Hör mal, ich will hier drin nicht unvorbereitet sterben. Würde es dir Umstände bereiten, dich eventuell ebenfalls auf den Ernstfall vorzubereiten?“
„Jetzt werd mal nicht hysterisch. Die Zugtüren sind gesichert. Die kommen hier nicht rein. Kann es sein, dass dich die Ereignisse der letzten Tage etwas mitgenommen haben? Aber wenn’s dich beruhigt – bitte.“
Fast schon widerwillig griff Horst nach seiner Waffe und nahm sie an sich. Inzwischen war das Klopfen zu einem Sturm angewachsen. Um die hundert Zombies hatten den Zug erreicht und hämmerten auf den Waggon ein. Derweilen zog Paul vorsichtig das Fenster herunter. Sofort strömte ein Gestank nach Tod  und Verwesung in das kleine Abteil und ließ ihn würgen. Mit angehaltener Luft streckte er seinen Kopf soweit nach draußen wie es die Gitter erlaubten, warf einen Blick nach vorne und zog sich sofort ungläubig wieder zurück.
„Kannst du bitte das Fenster wieder zumachen? Hier stinkt’s rein.“
„Verdammt Horst, hier stinkt’s gleich noch viel mehr.“ Erwiderte Paul, während er das Fenster hastig wieder zuschob. „Diese Dinger versammeln sich alle um unseren Waggon. Nur um unseren Waggon. Außerdem stehen wir hier einsam auf der Strecke. Hier ist nichts. Ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich glaube sehr wohl, dass wir ein verdammtes Problem haben.“