Montag, 1. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 42

Kapitel 42

Sie blieben noch so lange, bis Rettungskräfte eintrafen und sich der unter Schock stehenden Soldaten annahmen. Als sie in Zentrale ankamen, war es bereits weit nach Mitternacht und Bruno schon lange nicht mehr in seinem Büro. Mit der festen Absicht, am nächsten Morgen wieder zusammenzutreffen, trennten sich Paul und Horst von Martina, schrubbten unter der Dusche den Gestank und den Schmutz ab, bevor sie erschöpft auf ihren Betten zusammenbrachen.

Obwohl sie sich kaum noch auf den Füßen halten konnten, waren sie noch zu sehr aufgewühlt und so wurde aus dem geplanten Erholungsschlaf eine unruhige, von Überlegungen geprägte Nacht. Zumindest bei Paul, denn irgendwann drang von Horsts Bett ein tiefes Schnarchen herüber. In einem Schlafsaal voller Männer beileibe nichts Ungewöhnliches.

Die Gedanken des Polizeihauptmeisters dagegen, konnten sich nicht von den Ereignissen des Tages lösen. Sobald er die Augen schloss, sah er die Untoten vor sich und grübelte über die Hintergründe. Gedanken schossen ihm ungeordnet durch den Kopf:

Galt der Angriff ihnen, oder doch der Stellung? Aber warum sollte jemand die Befestigung angreifen und vor allem wer? Wer konnte ein Interesse daran haben, eine bedeutungslose Befestigung zu attackieren? Außer, er wollte damit von etwas ablenken.

Wieso ging er eigentlich von einem Angriff aus? Zombies konnten keine Tore öffnen. Schon gar nicht von außen. Sie konnten auch nicht auf Wachen schießen. Zumindest musste er davon ausgehen, dass die beiden Torwachen erschossen wurden. Und danach? Waren das wieder diese Erben? Wieso Erben? Sahen sie sich als diejenigen, die das Erbe Jesus auf Erden antraten? Oder hatten sie etwas von ihm geerbt?

Konzentrieren Paul, was hatte das mit Braun zu tun? Steckte er hinter dem, was heute vorgefallen war? Mein Gott, wenn es ihnen möglich war, eine Befestigung beinahe auszuschalten, dann würden sie mit Sicherheit auch das LKA knacken können. Nein, die Leute dort waren auf Zack. Die Schleuse würde die Eindringlinge aufhalten. Würde sie das? Wie viel Druck konnten die Schleusen standhalten?

Nochmal zurück zum Angriff. Wer wusste, dass sie im LKA waren? Jemand hatte ihre elektronische Spur zurückverfolgt. Jemand hatte bemerkt, dass sie in das System eingedrungen waren und die Falschen, nein die richtigen Daten abgerufen hatten. Irgendjemand wurde nervös und wollte sie aus dem Weg schaffen. Woher wusste dieser Jemand, dass sie es waren? Braun. Natürlich. Er musste sie beschattet haben oder jemand beauftragt, der sie beschattete.

Woher wusste er, wann sie das Gebäude verlassen? Das konnte er nicht wissen. Er wusste, dass sie die Daten haben. Aber woher wusste er, dass sie das Gebäude verlassen? Zu Fuß. Das musste er vielleicht nicht wissen. Zehntausend hungrige Zombies fielen nicht auf. Die waren da. Sie lebten in einer Zeit der Zombieapokalypse. Natürlich gab es da Zombies. Also gut, Braun weiß, wir sind im LKA. Der Zugriff wird bemerkt und zum LKA zurückverfolgt. Braun ist nicht blöd und zieht Schlüsse.

Er schafft auf die Schnelle ein paar Tausend Untote heran. Wie hat er das gemacht? Die Musik. Nein, die setzte erst später ein. Die Konzentration in der Gegend war noch nie sehr hoch. Ein Lockmittel? Gab es nicht. Angeblich hatten die Amerikaner an sowas entwickelt, aber das Forschungsbudget ist seit dem Fall der USA von dem nicht mehr existenten US-Senat wohl ordentlich gekürzt worden.

Vielleicht menschliche Köder. Die Kämpfer der Sekte. So könnten sie die lebenden Leichen angelockt haben. Danach Anzug wieder dicht gemacht und die Wachen auf den Türmen beseitigt. Gut. Die Tore. Ein Verbündeter im Stützpunkt. Nein, alle tot. Zumindest war davon auszugehen. Der Kommandant war ein Scheißkerl, aber mit Sicherheit nicht suizidgefährdet. Denk nach Paul. Einer der Soldaten? Nein, die hatten die hatten zu sehr die Hosen voll. Oder wurden sie heute verarscht? Waren das keine Soldaten? Schon einmal hatten sie es mit Soldaten in falscher Uniform zu tun. Braun!

Nein. Der Schock der Soldaten war echt. Paul war kein Arzt, aber er hat schon Kollegen zusammenbrechen sehen und die hier waren kurz davor gewesen. Also gut, keiner von den Soldaten. Wenn die Wachen auf den Türmen ausgeschaltet waren, wäre es für einen geübten Kämpfer kein Problem, die Mauer mit einem Seil zu erklimmen. Das Gebäude des Kommandanten stand offen, als sie die Station verließen. Das System selbst ist nicht gesichert. Keine Notwendigkeit, hieß es. Keine Notwendigkeit.

Rekapitulieren. Sie locken die Dinger an, töten die Wachen und öffnen die Tore. Die Untoten strömen ein. Die Wachmannschaft ist überrascht, keiner rechnet DAMIT. Erste, unkoordinierte Gefechte werden aufgenommen. Die schweren MGs sind auf den Türmen, der Weg dahin versperrt. Ein Unteroffizier bemüht sich die Notverriegelung auszulösen und beordert die Männer nach drinnen. Einige Untote haben es bereits bis ins Innere geschafft, können jedoch überwältigt werden, die Tore schließen sich. Die, die Treppe nach unten verteidigen, schaffen es nicht mehr.

Der Kommandant? Wahrscheinlich von dem Eindringling oder den Eindringlingen geötet. Warum hatte keiner die Tore geschlossen? Die Notverriegelung. Die Hütte stand zu weit abseits, der Weg war vielleicht schon abgeschnitten. Gut, gut. Die Musik. Klang nach dem Kommandanten. Wer auch immer das Tor geöffnet hatte, hatte auch für die gute Musik gesorgt. Das Lautsprechersystem war einfach zu manipulieren, oder wurde direkt von dem Kontrollpult aus bedient. Ist ja nicht weiter schwer.

Warum war der Funkverkehr gestört? Störsender! Störsender sind kein Problem, wurden zu Hunderten ausgemustert. Es gab ja eigentlich keinen Bedarf mehr. Die Zombies funkten nicht. Nach und nach fügte Paul so im Kopf die Puzzleteile aneinander. Erst wirr, dann immer fokussierter und langsam offenbarte sich ihm ein Bild. Er erkannte schlagartig, dass sie es mit einem wirklich mächtigen Gegner zu tun hatten. Ein Gegner, der ohne mit der Wimper zu zucken, hunderte Menschenleben opfern würde, wenn es die Situation erforderte. Ein Gegner, der weder Skrupel, noch Moral zu kennen scheint. Im Moment der Erkenntnis wurde Paul kalt und er bekam das erste Mal in seinem Leben richtig Angst.

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