Donnerstag, 4. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 45

Kapitel 45

Nachdem sie ihre Ausrüstung gepackt, überprüft, nochmal überprüft und neu gepackt hatten, trafen sie sich auf der kleinen Grünfläche vor dem Gebäude. Die Sonne war nach Süden gewandert und legte einen Schatten auf die Wiese. Ursprünglich war es geplant gewesen, den Mini Park als Anbaugebiet für Gemüse zu nutzen. Man zog diese Entscheidung aber zurück und setzte stattdessen auf Bäume und Bänke.

Nicht selten nutzten Beamte die Möglichkeit, im Schatten der Bäume zu entspannen und für einen Moment Normalität zu genießen. So, wie sie sie vor der Apokalypse kannten. Martina hatte eine Decke mitgebracht. Gemeinsam setzten sie sich darauf, stießen still mit dem Bier an und nahmen einen herzhaften Zug aus der Flasche. Tatsächlich war das Zeug noch in Ordnung und fühlte sich richtig gut an, wie es die Kehle hinab lief.

Wann hatten sie das letzte Bier getrunken? Paul konnte sich nicht mehr erinnern. Schon am Anfang des Krieges wurde die Produktion reduziert, weil es keinem kriegswichtigen Grund diente, wie er sich erinnerte. Stattdessen sollten die Rohstoffe für die Produktion von Lebensmitteln verwendet werden. Bier wurde mit Fleisch zusammen erst zum Luxusgut, dann zu einem äußerst seltenem Genuss.

So saßen sie schweigend nebeneinander, tranken Bier und fühlten sich plötzlich so, als wären da draußen keine Untoten. In diesem Moment fühlte sich alles richtig an. Paul spürte einen Arm, der sich um seine Schulter und seinen Hals legte. Er drehte seinen Kopf und sah Martina, die seine Nähe suchte und ihn leicht zu sich heranzog. Ihr Kopf fand Platz auf seiner Schulter. Erst irritiert, erwiderte Paul die Geste und nahm sie seinerseits in seinen Arm. Kurz überlegte er, ob er etwas sagen sollte, fand aber, dass jedes Wort den Zauber zerstören würde.

Erst, als eine Gruppe Kollegen laut quatschend an ihnen vorbeizog, war die Magie verflogen und sie waren wieder in einem Land, das von Zombies überlaufen war. Inzwischen war die Sonne tiefer gesunken und langsame Dunkelheit legte sich über das Land. Horst war der erste, der die selbst auferlegte Stille durchbrach:

„Wie lange wollt ihr noch?“

„Ein bisschen noch. Wer weiß, wann wir wieder gemeinsam eine so milde Nacht zusammen erleben.“ Erwiderte Martina, und Paul pflichtete ihr stumm bei.

„Na gut, ich geh dann mal langsam nach oben. Ihr könnt ja noch, aber ich bin müde.“

„Kein Problem. Schlaf gut. Wir sehen uns morgen früh.“ Gab Paul zurück.

„Ja, schön, dass du uns Gesellschaft geleistet hast. Viel Spaß auf Rügen.“ Sprach Martina und zwinkerte ihm zu.

„Ja, dann, bis morgen und Martina, wir sehen uns.“

Mit den Worten verabschiedete sich Horst von den Beiden und ging langsam zurück zum Gebäude. Die Türen schienen ihn regelrecht einzusaugen, als er darin verschwand.

„Schau mal, bei Bruno ist noch Licht. Ob der noch Vorbereitungen für Morgen trifft?“

Als von Martina keine Antwort kam, drehte er den Kopf und sah direkt in ihre Augen. Ihre Blicke trafen sich und für einen Moment versank er in ihren blauen Augen. Er bemerkte ihr hübsches Gesicht und wieder erwachte in ihm das Gefühl einer tiefen Geborgenheit. Die Augen waren magisch, wollten ihn nicht mehr loslassen und dieses Mal gab es nichts, was die Magie des Augenblicks zu stören vermochte.

„Ich…“ stotterte er, aber Martina legte ihm nur einen Finger auf die Lippen. „Pssst.“ zischte sie und kurz darauf berührten sich ihre Lippen. Fest presste sie ihren Kopf nach vorne und küsste ihn leidenschaftlich. Im ersten Moment überrascht, gab sich Paul schon bald der Zuneigung seiner Kollegin hin und erwiderte ihre Leidenschaft. Ihre Zungen umspielten sich und plötzlich schien es nur noch sie zwei zu geben.

Die Welt war leer und die Leere war voller Liebe. Seit die Scheiße losging, waren Pauls Gefühle erloschen und jetzt merkte er, wie sehr ihm die Zuneigung eines anderen Menschen gefehlt hatte. Seine Gefühle erwachten wieder, und er erkannte, dass er schon lange etwas für Martina empfand. Endlich konnte er die Emotionen einordnen und erkannte, dass er sie liebte.

Ein Gefühl, basierend auf chemischen Reaktionen im Körper. Irrelevant. Keine chemische Reaktion konnte diese plötzliche Vertrautheit und innige Verbundenheit zwischen zwei Menschen herstellen. Die ganze Nacht könnte er auf dieser Decke eng umschlungen verbringen, solange sie bei ihm war, würde es ihm an nichts fehlen. Was sprach schon dagegen? Die Tasche war gepackt. Niemand würde sie vermissen. Horst schlief sicher bald und morgen früh war er selbst bestimmt wieder fit.

Und weil nichts dagegen sprach, blieben sie auf der Decke und küssten sich mit steigender Leidenschaft. Einmal noch ging Pauls Blick nach oben und kurz bevor er endgültig in ihrer Liebe ertrank, ging ihm noch einmal der Gedanke durch den Kopf, dass Bruno noch immer in seinem Zimmer saß. Danach waren alle seine Gedanken bei Martina.

Kommentare:

  1. Ich glaube im 3. Satz müsste noch ein "man" vor das "zog diese Entscheidung...".

    Ansonsten wieder super!

    AntwortenLöschen
  2. Stimmt, klingt a bisserl besser. Vor allem, wenn man den Satz trennt. Danke für den Hinweis. :)

    Achja, bei diesem Kapitel hier hatte ich Bammel, dass es a) peinlich und b) zu kitschig werden könnte. Eines der überflüssigsten Kapitel in "Der Schwarm" fand ich ja das Kapitel, in dem Sigur Johanson mit Tina Lund auf den See rausrudert und zwischen den beiden eine eigenartige Stimmung entsteht.

    Genau sowas wollte ich nicht.

    AntwortenLöschen