Freitag, 5. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 46

Kapitel 46

Ein langer Tag lag hinter Bruno, aber er hatte seine Arbeit erledigt. Die Papiere waren beauftragt, die Reise vollständig durchgeplant und die Dienstpläne geschickt manipuliert. Er hatte sich seinen Schlaf verdient. Dass der zweite Bürgermeister verärgert war, geschenkt. Der kam schon wieder und er konnte im Moment gut auf seine Herumlärmerei verzichten. Dieser kleine, unwichtige Fatzke, der sich auf seinem Titel ausruhte und meinte, er könnte der Polizei Befehle erteilen. Soll er doch sein Anwesen außerhalb Münchens selber befreien. Bruno sah nicht ein, dafür das Leben auch nur eines Beamten aufs Spiel zu setzen.

Auch seine ehemals einflussreichen Freunde konnten ihn nicht beeindrucken. Die meisten waren entweder tot, oder lagen nun in U-Bahn-Tunneln in Armeedecken gehüllt, kaum mehr bei sich, als das, was sie am Körper trugen. Nur wenige Menschen genossen noch Privilegien. Der zweite Bürgermeister gehörte leider dazu. Auch Bruno genoss Privilegien. Er fand, dass er sich das auch verdient hatte. Nichtsdestotrotz hatte er seine Wohnung einer Polizistenfamilie zur Verfügung gestellt und hatte mit deren Einbettzimmer vorliebgenommen.

Was sollte er auch mit drei Zimmern? Er saß in diesem verdammten Büro von früh bis spät und eigentlich diente es ihm schon fast als Wohnzimmer. Der Kühlschrank war nur eine der Vergünstigungen, die dieses Büro bot. Über die Leinwand konnten nicht nur Briefings abgehalten werden. Gern nutzte er sie auch, um Nachts einen Film zur Entspannung zu schauen, bevor er sich in sein Zimmer begab, um dort dann doch in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Zum Glück hatte er immer etwas Schlaftrunk in seiner Bar. Ein, zwei Gläser von seinem Freund Johnny trugen dazu bei, dass der Schlaf des Nächtens etwas ruhiger wurde.

Doch jetzt würde er erst mal seine Ordonanz in den Feierabend schicken. Normalerweise erkundigte der sich von alleine, ob seine Dienste noch gebraucht wurden. Umso seltsamer, dass er an dem heutigen Abend noch nicht bei ihm vorstellig wurde, immerhin war’s schon neun durch.

Der Hirt war ein tüchtiger Bursche. Konnte zwar kaum eine Pistole gerade halten, aber dafür hatte er ein außergewöhnliches Organisationstalent und er konnte vor allem diplomatischer agieren, als man ihm auf den ersten Blick ansah. Auch wenn sein Vertrauen momentan niemand galt, würde er Hirt noch am ehesten in die momentanen Vorgänge einweihen. Er konnte sich schlichtweg nicht vorstellen, dass ausgerechnet er Informationen weitergab.

Bruno wählte Hirts Nummer und hörte das Telefon auf der anderen Seite der Tür läuten. Niemand hob ab. Grübelnd legte Bruno den Hörer wieder auf und sah kurz in seine Emails, ob Hirt sich möglicherweise elektronisch abgemeldet hatte, was eigentlich nicht seiner Art entsprach. Einfach zu gehen, ohne sich abzumelden, hatte Hirt noch nie gemacht. Entschlossen drückte sich der Polizeioberrat aus seinem Stuhl hoch und bewegte sich zur Tür, um persönlich nach dem Rechten zu sehen.

„Der schwarze Falke“ schoss es ihm durch den Kopf. Die DVD hatte er von seiner Frau, Gott habe sie selig, vor zwei Jahren zum Hochzeitstag geschenkt bekommen. Kurz darauf starb sie an dem Krebs, der ihr die letzten Jahre ihres Lebens zur Hölle machten. Wenigstens war sie tot und wandelte nicht dort draußen als lebende Leiche umher, befand er, bevor er die Tür aufzog.

Das Licht war aus, als er das Büro von Hirt betrat. Also war er im Gemeinschaftsraum, oder zu Bett, schlussfolgerte Bruno, machte aber das Licht an, um sich noch einmal davon zu überzeugen, dass sein Platz leer war. Als sein Blick auf Hirts Stuhl fiel, musste er seine Überzeugung revidieren. Den Kopf auf dem Tisch in die Arme vergraben saß er auf seinem Stuhl und bewegte sich nicht.

Es war ein friedliches Bild und eigentlich hätte Hirt auch schlafen können, aber Bruno spürte, dass dem nicht so war. Er hatte zwar schon öfter erlebt, dass Hirt bis spät in die Nacht auf seinem Platz war, aber noch nie, dass er dabei eingeschlafen war. Der erste Reflex war, dass ihm etwas zugestoßen war. Sofort war der Film vergessen und der ranghohe Beamte stürzte zum Tisch des Ordonanzbeamten.

Tatsächlich fand er einen leblosen Körper vor. Vorsichtig hob er den Oberkörper und den Kopf an, fühlte den Puls und konnte nur noch den Tod seines Kollegen feststellen. Sein Blick wanderte über den Körper, fand aber keine Anzeichen externer Gewalteinwirkung. Genauso vorsichtig, wie er ihn anhob, ließ er den Körper wieder zurückgleiten und untersuchte den hinteren Teil nach Auffälligkeiten.

Ihm fiel eine kleine Stelle am Nacken auf, von der aus die umliegenden Blutäderchen dunkel gefärbt abgingen. Die Stelle war kaum größer als ein Muttermal und sah auf den ersten Blick auch ähnlich aus. Alles in allem war die Stelle aber zu klein, um Brunos geschulten inneren Alarm auszulösen, und er tat sie als zu vernachlässigende Kleinigkeit ab.

Die Faktenlage war klar. Hirt war tot und lag in Brunos Vorzimmer. Über die Todesursache würde sich der Gerichtsmediziner kümmern müssen, sofern sie noch einen finden würden, der noch lebt und der Zeit aufwänden könnte. Zu viele Gerichtsmediziner waren in den ersten Tagen der Seuche infiziert und getötet worden. Wären die Chinesen damals nicht über alle Maßen kooperativ gewesen, hätte sich das Virus sicher in Deutschland wesentlich schneller ausgebreitet. Für viele Gerichtsmediziner war es jedoch zu spät.

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