Samstag, 6. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 47

Kapitel 47

Bruno nahm den Hörer des Telefons ab und drückte die Nummer für die interne Vermittlung. Statt eines Freizeichens oder einer Stimme hörte er gar nichts. Die Leitung war tot. Er legte auf, versuchte es noch einmal und kam wieder zu demselben Ergebnis. Jetzt fing er an etwas nervös zu werden. In seinem Vorzimmer lag der leblose Körper eines Beamten und das Telefon war außer Betrieb. Bruno schaute sich hektisch im Büro von Hirt um.

Aber sein Telefon funktionierte. Noch vor zwei Stunden hatte er angewiesen, die Wachmannschaften für das LKA zu verstärken. Auch hatte er die Leute auf die Natur möglicher Aggressoren hingewiesen. Sollten sie versuchen ins LKA einzudringen, würden sie eine Überraschung erleben. Außerdem würde Martina bei den Wachmannschaften gut aufgehoben sein. Eigentlich könnte er mit sich zufrieden sein, würde dort nicht die Leiche liegen.

Hirt war in Brunos Augen ein notwendiges Übel. Er erledigte seine Aufgaben in höchster Eile und mit unglaublicher Korrektheit, war aber menschlich nicht der Typ zum Pferdestehlen. Praktisch konnte man mit ihm überhaupt nichts stehlen. Seit er Bruno zugeteilt wurde, konnte er sich bei Hirt nur seiner Zuverlässigkeit sicher sein. Versuche, sich ihm auf privater Ebene zu nähern und sich mit ihm über banale Dinge zu unterhalten scheiterten und verliefen stets im Sande.

Aus dem Grund hielt sich Brunos Trauer auch in Grenzen. Natürlich konnte auch er den Tod eines Menschen nicht emotionslos wegstecken, aber als er auf dem Weg zu seinem Platz war, überraschte er sich dabei, dass er gar nichts fühlte. Viel mehr schien das, was ihm vor ihm lag, eine unangenehme Pflicht zu sein. Er war zu ausgelaugt und wollte endlich seinen Feierabend genießen. Fast war er wütend auf Hirt, weil er ihm den Feierabend versaut hatte. Konnte er nicht woanders sterben?

Ein Laut ließ ihn herumfahren. Irgendetwas war in Hirts Büro zu Boden gefallen. Der abgewetzte Teppich hatte den Ton zwar gedämpft, aber trotzdem war das Geräusch eindeutig zu hören gewesen. Am Boden rollte ein runder Bleistiftspitzer. Bruno konnte sich nicht erinnern, den Spitzer vorhin auf dem Tisch gesehen zu haben. Der Spitzer blieb liegen, und es war wieder still im Raum. Nichts bewegte sich mehr.

Plötzlich erschien ihm sein Büro riesig. Die Strecke zu seinem Schreibtisch betrug von einer Sekunde auf die Nächste einen gefühlten Kilometer. Der Weg dehnte sich vor ihm in die Länge und in ihm reifte der Gedanke, dass er das alles nur träumte. Natürlich. Es war ein Traum. Doch statt zu erwachen, bewegte er sich weiter in gewohnten Dimensionen und war mit drei Schritten an seinem Tisch. Fast erleichtert umgriff er den Hörer seines Telefons, als ihn ein erneutes Geräusch innehalten ließ.

In der obersten Schublade lag seine Dienstwaffe. Er überlegte kurz, ob er den Tisch umrunden und sie aus der Schublade holen sollte, entschied sich aber dagegen. Der Raum hinter ihm war leer und er weigerte sich, irgendetwas anderes zu akzeptieren. Er hob den Hörer an, vernahm aber ein erneutes Poltern. Es klang, als hätte etwas oder jemand gegen Hirts Bürotisch geschlagen.

Vorsichtig legte er den Hörer wieder auf und drehte sich um. Niemand stand in seiner Tür. So leise er konnte, legte er den Weg zur Tür zurück und sah in sein Vorzimmer. Alles sah aus wie zuvor. Hatte er Hirts Arm vorhin ausgestreckt? Noch immer lag der Beamte mit dem Kopf nach unten auf dem Schreibtisch, aber eine seiner Hände war ausgestreckt auf dem Tisch. Oder hatte er sich bewegt? Ein letztes Zucken vielleicht?

Angestrengt wanderten Brunos Augen über den leblosen Körper, aber er blieb so bewegungslos wie zuvor. Er hatte es so satt, sich von einem Toten an der Nase herumführen zu lassen, drehte sich um und warf geräuschvoll die Tür ins Schloss. Mit der Demonstration seiner Furchtlosigkeit zufrieden, ging er zum Telefon und wählte die Nummer der Vermittlung. Das Telefon war tot.

In ihm reifte ein unschöner Gedanke. Die soeben zur Schau gestellte Furchtlosigkeit verpuffte und machte Platz für nackte Angst. Aus dem Vorzimmer ertönte wieder ein Geräusch. Noch etwas war zu Boden gefallen. Etwas Schweres. Vielleicht der Locher, versuchte ihn eine innere Stimme zu beruhigen. Das war nur der Locher. Wo stand der Locher gleich nochmal? Stand er am Rand? Der soeben noch beruhigende Gedanke verstärkte seine Panik. Der Locher stand natürlich, wo er bei Hirt immer stand. Rechts, neben der Tastatur. Wo denn auch sonst?

Mit einem Sprung war er auf der anderen Seite seines Schreibtischs, riss die Schublade auf und holte die Pistole heraus. Mit zitternden Händen zog er den Schlitten nach hinten und vergewisserte sich, dass eine Kugel im Lauf war. Eine Patrone fiel dabei heraus und eine neue nahm ihren Platz im Lauf ein. Noch 12 Patronen. Von draußen kam erneut ein polterndes Geräusch. Jetzt klang es, als wäre die Tastatur zu Boden gefallen. 12 Kugeln.

Inzwischen war er sich sicher, dass er nicht mehr alleine war. Unentschlossen stand er hinter seinem Schreibtisch und überlegte seine möglichen Optionen. Die Pistole fühlte sich schwer an, unendlich schwer. Wenn diese schwarzen Teufel dort draußen waren, würde er damit nicht viel ausrichten können. In MO1 hatten sie Treffern von Sturmgewehren widerstanden. Was sollte eine P10 gegen sie ausrichten?

Wenn er schnell war, könnte er die Tür erreichen. Dann das Treppenhaus. Es waren einige Stockwerke bis zur Bereitschaft, aber alles war besser, als hier darauf zu warten, dass sie reinkämen. Von neuem Mut beseelt, verließ er den Platz hinter seinem Schreibtisch und bewegte sich Richtung Wand, um von dort zur Tür zu schleichen. Er wollte nicht auf dem Präsentierteller stehen, sollte sich sein Besuch dazu entschließen, den Raum zu stürmen.

An der Tür angekommen verfluchte er die neumodischen Schlösser, weil sie ihm keine Gelegenheit boten, durch Schlüssellöcher den Raum dahinter wenigstens ansatzweise zu beobachten. Er würde ins kalte Wasser springen müssen. Um Geräusche besser wahrnehmen zu können, hielt er kurz den Atem an. Nichts. Kein Rascheln, kein Atem, kein Laut. Alles war wieder so still, wie zuvor.

Bruno nahm allen Mut zusammen und stieß die Tür auf. Was er sah, ließ sein Herz rasen. Statt weiter tot zu sein, wie es sich für eine Leiche gehörte, stand Hirt hinter seinem Tisch. Als er sich Brunos Anwesenheit gewahr wurde, hob er seinen Kopf und sah Bruno mit seinen leblosen Augen an. Noch bevor Bruno reagieren konnte, hatten die Instinkte des Zombies, der einst seine Ordonanz war, übernommen und ließen den Körper in seine Richtung ungewöhnlich schnell vorpreschen.

Auch von der Geschwindigkeit des Untoten überrascht, wurde Bruno mit seiner eigenen Unfähigkeit zu reagieren konfrontiert. Als er es schließlich schaffte die Pistole anzuheben, war es für ihn schon zu spät. Der Schuss ging durch die Brust des Untoten und richtete kaum Schaden an. Ganz im Gegensatz zu Hirts Zähnen. Die schlugen sich in Brunos Hals und rissen ein großes Stück Fleisch und einen Teil der Halsschlagader heraus. Blut spritzte durch das Büro und lief in dicken Strömen die Wände herab. Bruno wurde schwarz vor Augen. Sein letzter Gedanke galt der Putzfrau, die diese Sauerei entfernen musste. Danach blieb nur die Schwärze.

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