Sonntag, 7. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 48

Kapitel 48

Als Paul aus seinem Schlaf erwachte, war er zwar noch müde, aber irgendwie auch glücklich. Das erste Mal seit Monaten war er voller Tatendrang und er fühlte sich, als könnte er allein die Welt aus den Angeln heben. So leise wie möglich packte Paul seine Sachen zusammen und drückte dann der noch schlafenden Martina zum Abschied einen sanften Kuss auf die Wange. Er wollte sie nicht wecken und war sich sicher, dass sie sich sowieso bald wieder hören würden. Sie hatte neben Bruno als einzige die Nummer seines Mobiltelefons.

So leise wie möglich zog er den Vorhang vor ihrem privaten Bereich zurück, bevor er sich aus dem Schlafsaal hinausschlich. Sie waren leise gewesen, aber seine Anwesenheit war sicher nicht unbemerkt geblieben. Das Gekicher einiger Kolleginnen war unmissverständlich gewesen, aber es war ihm egal. Er schwebte diese Nacht auf einer Wolke der vollkommenen Glückseligkeit, nichts und niemand konnte daran etwas ändern. Dessen war er sich zu einhundert Prozent sicher.

An seinem Platz angekommen, fand er dort Horst vor, der gerade eine letzte Dusche vor der Abfahrt nehmen wollte, und schloss sich ihm kurzerhand an. Horst war natürlich aufgefallen, dass Pauls Bett diese Nacht leer geblieben war, stellte aber keine Fragen. Ihm blieb auch nicht verborgen, dass Paul trotz seiner augenscheinlichen Müdigkeit bestens gelaunt war.

Die Dusche fühlte sich gut an und trotzdem fand es Paul in diesem Moment unschön, dass er die Spuren der letzten Nacht damit unwiederbringlich den Abfluss hinunter spülte.

Als sie den Duschraum verlassen hatten, überprüften sie zusammen nochmals ihre Ausrüstung. Als Waffe griffen sie auf die Compact-Version des G36 zurück, bestens geeignet für den Kampf auf beengtem Raum. Horst hatte für den ‚Fall der Fälle´ Extramunition eingepackt. Nach den Ereignissen der letzten Tage sah er dafür eine entsprechende Notwendigkeit, wie er gegenüber Paul erwähnte. Der stimmte ihm zu und nahm die Hälfte in sein Gepäck mit auf. Zusammen hatten sie damit 900 Schuss Munition, davon 300 in Magazinen, auf die beiden Beamten verteilt. Dazu kam eine Handfeuerwaffe vom Typ P10, mit jeweils fünf vollen Magazinen zu je 13 Patronen. Das restliche Reisegepäck bestand aus Wechselwäsche, Waschzubehör und Standardrationen für drei Tage.

Der nächste Weg führte sie zu Leyrer, der ihnen die neuen Dienstausweise, sowie die Reisepapiere in einem versiegelten Umschlag aushändigte. Die Siegel waren unbeschädigt. Bruno hatte wirklich an alles gedacht. Über das Ziel der Reise war Leyrer nicht informiert worden, lediglich darüber, dass sie direkt dem Kommando des Polizeioberrats unterstellt wurden, um die Ermittlungen im Fall MO1 zu unterstützen.

Kurz überlegte Paul, ob er sich bei Bruno abmelden sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Auch Horst widersprach dem laut geäußerten Gedanken und verwies Paul darauf, wie lange Herling sich gestern noch um die Organisation der Reise zu kümmern hatte und dass auch er ein Recht auf etwas Ruhe habe. Außerdem würde er später Gelegenheit haben, über das Mobiltelefon sich mit ihm zu unterhalten.

Davon überzeugt, machten sie sich auf den Weg zur nahe gelegenen U-Bahn-Station, wo bereits eine Bahn für sie bereitstand. Schon nach einigen Stationen hielt der Zug wieder. Paul erkannte die Station wieder, hatte er doch nur einen Tag zuvor hier gegen eine Übermacht Untoter gekämpft. Die Flüchtlinge waren inzwischen wieder zurückgekehrt. Einer der Menschen auf dem Bahnsteig schien sie zu erkennen, denn plötzlich ging ein Raunen durch die Menge und Finger zeigten auf das Zugfenster, hinter dem Paul und Horst saßen.

Erst jetzt realisierte er, dass er all diesen Menschen wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Die oben stehenden Soldaten wären überrannt worden und danach wären die Zombies wie ein Wasserfall nach unten geströmt, um über die Lebenden herzufallen. Die, die überlebt hätten, wären infiziert worden und hätten von den eintreffenden Beamten exekutiert werden müssen. Sofern sie die Notfallverriegelung hätten lösen können.

Wieso kannte der Vorgesetzte der Hundertschaft eigentlich nicht den Entriegelungscode? Mein Gott, sie hätten dabei zusehen müssen, wie hunderte Menschen von diesen Dingern getötet und infiziert worden wären. Aus den Augenwinkeln konnte Paul Bewegungen ausmachen. Vermummte Soldaten brachten Leichensäcke nach unten. Die Überbleibsel der oben stattfindenden Schlacht.

Nachdem die Soldaten die Leichensäcke in einem der hinteren Waggons verladen hatten, stiegen sie dem Waggon zu, in dem sich auch die beiden Beamten befanden. kam direkt auf sie zu, und als er sich die Atemschutzmaske vom Gesicht zog, erkannte Paul in ihm einen der Soldaten, die in der fraglichen Nacht an ihrer Seite den Eingang gegen die Untoten verteidigt hatten.

Seinem Gesicht war anzusehen, dass er das Geschehene noch nicht vollständig verdaut hatte. Nichtsdestotrotz setzte er eine freundliche Miene auf, als er weiter zu ihnen marschierte. Mit einem Ruck löste sich die Bahn und setzte ihre Fahrt fort. Der Soldat stellte sich als Christian Hauer vor, bot ihnen das „Du“ an und erzählte kurz und knapp, was passiert war, seitdem sie die Station verlassen hatten.

Statt sie einer psychologischen Betreuung zu unterziehen, wurden die Männer sofort wieder in Dienst gestellt. Die ohnehin zum Zerreißen angespannte Personaldecke ließ es einfach nicht zu, eine ganze Gruppe von Soldaten außer Dienst zu stellen. Noch immer war die Selbstmordrate in der Armee überdurchschnittlich hoch. Nicht alle waren so stark wie Christian und selbst der würde noch Monate brauchen, die Vorfälle zu überwinden, sofern er es jemals könnte.

Hauer berichtete auch von den Aufräumarbeiten. Von der Sauerei, den die Panzer und die Flammenwerfer angerichtet hatten. Er erwähnte den grässlichen Gestank nach verbranntem Fleisch, der seitdem in der Station vorherrschte. Trotzdem hatte man sich entschieden, die Flüchtlinge wieder hier unterzubringen, weil es sonst einfach keinen weiteren Platz gab, und man sie nicht in den Bahntunneln unterbringen wollte. Noch immer galt die U-Bahn als wichtigstes Verkehrsmittel, um den Kontakt zwischen den Stationen aufrecht zu erhalten.

Am Hauptbahnhof trennten sich ihre Wege wieder. Die Soldaten fuhren noch ein paar Stationen weiter zu einem Krematorium, in dem die Leichen entsorgt wurden. Den Luxus einer Beerdigung gab es schon lange nicht mehr. Nach einer kurzen Verabschiedung erklommen Paul und Horst die Stufen zum Untergeschoss. Dabei öffneten sie den versiegelten Umschlag, nahmen die Papiere heraus und marschierten dann direkt zum Bahnsteig. Der diensthabende Beamte überprüfte das vorgezeigte Schriftstück und verglich es mit den getürkten Dienstausweisen. Überzeugt begleitete er sie schließlich zu dem Güterzug, der sie bis nach Hamburg bringen würde, bevor er den Herren Weiß und Schmidt eine gute Fahrt wünschte.

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