Mittwoch, 10. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 51

Kapitel 51

Monoton ratterte der Zug über die Schienen. Paul und Horst nutzten die einzige, im Waggon verbliebene Sitzgelegenheit und starrten aus dem Fenster. Dunkle Wolken zogen auf und tauchten das Land in ihren Schatten. Seit ihrer Abfahrt hatten sie kein Wort gesprochen. Paul dachte an Martina und die vergangene Nacht. Mehrmals ertappte er sich bei dem Gedanken, das Handy zu nutzen, und sich unter einem Vorwand auf der Dienststelle zu melden, nur um ihre Stimme zu hören. Im nächsten Moment verwarf er den Impuls aber wieder.

Schließlich war es Horst, der die Stille durchbrach. „Was denkst du?“

„Hm?“ Paul war so in seinen Gedanken verhangen, dass er einige Sekunden zum Sammeln benötigte. „Was meinst du?“

„Ich hab mich nur gefragt, an was du gedacht hast. Dein Gesichtsausdruck wechselt im Minutentakt zwischen verträumt und verhärmt. Ich mach mir etwas Sorgen um dich.“

Als er dabei eine übertrieben sorgenvolle Miene aufsetzte, musste Paul kurz grinsen.

„Nein, passt schon. Weißt du, ich muss nur gerade an Martina denken. Wir … wir waren die letzte Nacht zusammen und es sieht so aus, als wäre das was Ernsteres. Irgendwie ist das ein beschissenes Timing. Kaum, dass wir uns gefunden haben, sind wir auch schon wieder getrennt. Sie fehlt mir.“

„Ich dachte mir schon, dass ihr was am Laufen habt.“ Grinste Horst, bevor er in verschwörerischem Tonfall fortfuhr „Dann hab ich gestern wenigstens nicht umsonst die Biege gemacht.“

„Du hast es bemerkt?“

„Na klar. Hey, man müsste blind sein, um das zu übersehen. Allein dein entspannter Gesichtsausdruck heute Morgen sprach Bände.“

„Du Arsch!“ presste Paul lachend hervor, bevor Horst in das Lachen mit einfiel.

„Was glaubst du, was uns auf Rügen erwartet?“ wollte Horst mit wieder ernsterer Stimme von Paul wissen.

„Keine Ahnung. Irgendwie kommt mir das auch zu einfach vor. Wir gehen da rein, erzählen denen von dem, was wir raus gefunden haben und fahren wieder nach Hause. Das soll’s dann gewesen sein? Komm, das kann ich nicht glauben.“

„Warum nicht? Keiner weiß, dass wir unterwegs sind. Was soll schon groß passieren? Für alle Fälle haben wir ja noch die hier.“ Demonstrativ hob Horst sein Sturmgewehr hoch.

„Ja, die Zwei liefern gute bleierne Argumente, aber ich glaube trotzdem nicht, dass es so einfach wird.“

Vor dem Krieg wurden Direktverbindungen zwischen deutschen Städten geschaffen, die sich zwischenzeitlich als lebensnotwendig erwiesen. Die meisten Straßen waren noch immer kaum passierbar. Autowracks verstopften die Autobahnen und viele der Bundesstraßen. Nur vereinzelt konnten Trassen für Militärfahrzeuge geräumt werden und noch seltener wurden diese regelmäßig benutzt. Treibstoff war zu einem raren Gut geworden. Davon unabhängige Kraftwerke lieferten aber weiterhin Strom.

Durch den gesunkenen Verbrauch konnte der Verlust von Kohle- und Atom-Stromkraftwerken genügend kompensiert werden. Wasserkraftwerke, sowie alternative Energien, lieferten im Sommer noch ausreichend Strom, um die letzten Bastionen der menschlichen Zivilisation in Deutschland zu versorgen. Für den Winter wollte man einige Atomstrommeiler wieder aktivieren. Noch hatte man die entsprechenden Möglichkeiten. Für die Zukunft musste eine andere Lösung gefunden werden, darüber wurde aber noch nicht öffentlich diskutiert.

Mit dem Gedanken wandte sich Paul wieder an Horst: „Was passiert eigentlich, wenn unsere Atomkraftwerke keinen Strom mehr liefern? Dann stehen uns ein paar kalte Winter bevor.“

„Die werden noch lange Strom liefern. Ich hab da auch Gerüchte gehört, dass es Bemühungen gibt, die Rohstoffvorräte wieder aufzufüllen. Angeblich wurden bereits Ziele in kontaminierten Nachbarländern ausgespäht. Streng geheime Sache, das. Mein Bekannter wollte sich dazu auch nicht näher äußern.“

„Wer ist denn eigentlich ‚dein Bekannter‘? Wem verdankst du überhaupt diese ganzen Informationen? Und wie stehst du mit ihm in Kontakt?“

Ein Schatten schien über Horsts Gesicht zu fliegen, bevor er wieder lächelte. „Wenn ich dir das verraten würde, müsste ich dich leider anschließend umbringen.“

Wieder lächelte er, aber etwas in seiner Stimme ließ Paul frösteln und ihn kurz daran zweifeln, dass das zuletzt Gesagte wirklich nur ein Scherz war.

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