Samstag, 13. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 54

Kapitel 54
Regen klatschte gegen die Scheibe und lief in Fäden durch den Fahrtwind nach hinten. Inzwischen war es Nacht geworden und noch immer waren sie nicht in Hamburg angekommen. Zum Glück hatte Bruno großzügig kalkuliert und ihnen genügend Puffer verschafft. In Hamburg würde ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit zugewiesen werden, um sich ein paar Stunden ausruhen zu können.
Unmerklich war die Stadt immer näher gerückt. Was in der Vergangenheit ein Lichtermeer war, wirkte heute wie ausgebrannt. Leer stehende Gebäude, die von ihren neuen, untoten Besitzern in Beschlag genommen wurden, begrüßten die Ankömmlinge. Das letzte Mal war Paul vor vier oder fünf Jahren in der Hansestadt und erkannte sie jetzt kaum wieder. Wie in München waren viele der Gebäude bei Kämpfen zerstört worden. Trotz der Dunkelheit zeichneten sich diese Gebäude nun wie Skelette ab und wirkten wie bedrohliche Schatten in der Dunkelheit.
Der Zug verlangsamte seine Fahrt. Nur noch wenige Minuten. Horst war vor einigen Minuten auf seinem Platz eingeschlafen und gab leichte Schnarchgeräusche von sich. Was hätte Paul dafür gegeben, mit Horst tauschen zu können. Anscheinend konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. Er hatte ja auch Niemanden mehr, um den er sich sorgen musste. Horsts Angehörige wurden samt und sonders in den ersten Wochen des Krieges getötet. 
Um auf andere Gedanken zu kommen, beschloss Paul sich bei Bruno zu melden. Das Gerät hatte er in einer Seitentasche seiner Hose verstaut. Wie einen wertvollen Schatz holte er das technisch veraltete Gerät hervor und betrachtete es kurz, bevor er es aktivierte und den PIN eingab. Nur Sekunden später wurde er von einem animierten Bild und einem Jingle begrüßt.
Brunos Nummer stand gleich neben der PIN auf dem Deckel des Geräts. Fast ehrfurchtsvoll tippte er die Nummer seines Freundes ein und drückte die Abhebetaste, um eine Verbindung herzustellen. Kurz darauf bekam er ein Freizeichen. Eine weibliche Stimme meldete sich:
„Polizeizentrale München, Katharina Reif, guten Abend.“
Paul war irritiert. Er hatte damit gerechnet, dass Bruno selbst an den Apparat ging.
„Hallo?“ Die Dame am anderen Ende wurde langsam ungeduldig.
„Äh, ja, hallo, mein Name ist…“ Paul warf einen Blick auf seinen neuen Dienstausweis „Günther Weiß. Ich hätte gern Polizeioberrat Bruno Herling gesprochen.“
Die Stimme am anderen Ende zögerte kurz. „Sagten Sie Polizeioberrat Herling? Wie war noch mal Ihr Name?“
„Günther Weiß. Polizeihauptmeister Günther Weiß. Ich arbeite mit Polizeioberrat Herling direkt zusammen und wünsche ihn umgehend zu sprechen.“
„Tut mir leid, ich kann Sie nicht verbinden. Würde es Ihnen etwas ausmachen, kurz in der Leitung zu bleiben?“
Der Klang der Stimme hatte sich kaum merklich verändert und doch war sich Paul sicher, dass irgendetwas von dem, was er gesagt hatte, bei Katharina eine überraschte Reaktion ausgelöst hatte.
„Nein, natürlich nicht.“ Und doch beendete er sicherheitshalber das Gespräch.
Irgendetwas war nicht in Ordnung. So ganz und gar nicht in Ordnung. Gerade, als er das Gerät wieder ausschalten wollte, wurde ihm der Erhalt einer Kurznachricht signalisiert. Der Absender war ihm unbekannt. Ganz im Gegensatz zu dem Namen, mit dem die SMS unterzeichnet war. Offensichtlich hatte Marko einen Weg gefunden, an ihn eine Nachricht von Martina zu übermitteln. Sie war also im LKA. Sehr gut. Das Gerät zeigte an, dass eine zweite SMS eingegangen war.
Er überflog die erste SMS, in der Marko ihm mitteilte, dass er von ihnen über verschiedene Profile Kurznachrichten erhalten werde. Ein Anruf auf der übermittelten Nummer wäre  sinnlos und sie würden noch einen Weg suchen, wie er sie gefahrlos kontaktieren könne. Die nächste SMS war von Martina formuliert worden. Als er sie zu Ende gelesen hatte, wurde ihm flau im Magen. Das Handy entglitt ihm und polterte zu Boden. Alles um ihn herum begann sich zu drehen.

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