Freitag, 19. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 60

Kapitel 60
Sekunden wurden zu Minuten und Minuten zu Stunden. Obwohl insgesamt nur drei Minuten vergangen waren, kam es Martina so vor, als würden sie schon endlos gegen die Untoten ankämpfen. Der Hof war inzwischen von niedergestreckten und verstümmelten Körpern bedeckt. Das MG ruhte, um das heiß geschossene Rohr abkühlen zu lassen und einzelne Beamte meldeten bereits akuten Munitionsmangel.
Langsam aber sicher gerieten die Dinge aus dem Ruder. Einzelne Untote hatten bereits die Gebäude erreicht und hämmerten an die verbarrikadierten Türen. Die Türen waren zwar aus schusssicherem Glas und konnten daher einige Zeit standhalten, aber auch sie würden irgendwann unter dem Druck bersten. Martina machte sich daran, die Munition aus dem beschädigten Magazin in ein Neues umzufüllen, als plötzlich wieder Bewegung in den Funkverkehr kam.
Markus hatte tatsächlich in dem Störsender eine weitere Apparatur entdeckt, die über einen separaten Stromkreis verfügte und mit zwei undurchsichtigen Kapseln verbunden war. Dazu war ein Lautsprecher angebracht, der Vibrationen abgab, aber zumindest kein für das menschliche Gehör wahrnehmbares Geräusch. Gerade hatte Carsten den Befehl gegeben, den geheimnisvollen Apparat zu zerstören, als Martina eine Idee kam.
Sie bat Markus mit einem Kollegen auf das Dach ihres Gebäudes zu kommen und die Apparatur mitzubringen. Wieder ging sie in den Flur hinaus und betrachtete die Leiche der Frau. Die Statur war ähnlich, die Uniform könnte passen, aber sie brauchte Hilfe. Sie schrie nach Alex und Marko, denen sie ihr Vorhaben eindringlich näher brachte und bat sie, ihr beim Entkleiden der am Boden liegenden Leiche zu helfen.
Die Uniform ließ sich viel leichter vom Körper der Frau lösen, als von Martina befürchtet. Wie Seide glitt sie ohne Reibung von der Haut und schon bald lag der tote Körper bis auf die Unterwäsche entkleidet vor ihnen. Drei Einschüsse im Brustbereich hatten den Körper durchschlagen und waren hinten wieder ausgetreten. Die Wucht der Munition war also sogar imstande, das Material des Anzugs doppelt zu durchschlagen.
Für die nächste Aufgabe konnte sie ihre beiden Helfer nicht gebrauchen und schickte sie weg. Hastig entledigte sie sich ihrer Standarduniform. Zögernd und frierend stand sie in ihrer Unterwäsche und betrachtete misstrauisch das schwarze Material. Fast federleicht ruhte es in ihrer Hand. Leicht und doch war es widerstandsfähiger als alle ihr bekannten Materialien. Kurzentschlossen zog sie das Material über einen ihrer Füße und war überrascht. Es fühlte sich gut an.
Gleichermaßen elastisch und locker glitt es über ihre Haut und schien dabei wärmend zu sein. Es folgten der zweite Fuß und zuletzt ihr Oberkörper. Als sie auf der Seite den Verschluss zuzog, fühlte sie sich wie einem Kokon. Die Wärme war angenehm, aber nicht drückend, nur die offenen Stellen auf Brusthöhe empfand sie als unangenehm. Überhaupt waren diese Stellen ein Schwachpunkt in ihrem Plan. Sie musste einen Weg finden, die Löcher zumindest ansatzweise zu bedecken.
Während sie noch den Kopf in die Kapuze steckte und begann, Maske, Helm und Nachtsichtgerät bereitzulegen, rief sie nach Alex und Marko, die verdächtig schnell wieder zur Stelle waren. Sie würden doch nicht? Wenn doch, würde sie ihnen später den Kopf abreißen. Sie machten sich auf die Suche nach einem Weg, die Löcher zu verschließen. Der Anzug schien sich derweilen weiter an ihren Körper zu schmiegen, und war mittlerweile wie eine zweite Haut. Sie fühlte sich fast nackt, daher musste sie sich seiner Existenz bewusst werden und sah an sich hinab.
Der Anzug war natürlich nach wie vor an ihrem Körper. Ein Teufelsding. Nur die jetzt locker herabhängende Koppel mit den leeren Magazintaschen hob sich ab. Sie nahm die Maske und zögerte kurz. Die Frau, die jetzt halbnackt vor ihr lag, hatte darin ihren letzten Atemzug getan. Darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Leicht angewidert setzte sie die Maske auf, zog sie über ihr Gesicht und wie zuvor hatte sie das Gefühl, das Material würde sich ihr anpassen. Nach kurzer Zeit lag sie wie angegossen auf Martinas Gesicht.
Als letztes setzte die den Helm auf. Er fühlte sich leicht an, war aber äußerlich dem Einsatzhelm der Bundeswehr nicht unähnlich und auch das Innenleben war nicht weiter ungewöhnlich. Ähnlich der Koppel empfand sie den Helm als Fremdkörper. Gerade als sie sich die Frage stellte, wozu er eigentlich gut wäre, kam Alex mit Packklebeband zurück. Ihm folgte Marko mit einer Schere und zusammen begannen sie, dicke braune Streifen Klebepapier auf die beschädigten Stellen anzubringen. Das würde halten müssen.
Um sicher zu gehen, entledigte sich Martina der Koppel und streifte ihre Standarduniform über. Auch diesmal war sie wieder überrascht, weil sie nichts davon merkte. Die schwarze Uniform war zwar wie eine zweite Haut, ließ aber nichts von außen durchdringen. Jetzt wollte es die Polizistin wissen. Mit der Faust schlug sie sich auf ihren Unterarm und spürte nichts. Es war, als wäre ihre Haut aus gefühllosem Stein.
Sie wiederholte den Versuch mit der Schulterstütze der erbeuteten Waffe. Wieder keine Reaktion. Martina war begeistert. Die alte Uniform saß weiter wie zuvor, ihre Bewegungsfreiheit war auch kaum eingeschränkt. Nur das neuartige Gewehr war ohne Munition nutzlos. Ihr fiel ihr eigenes Sturmgewehr ein und stürmte zurück ins Zimmer. Dort fand sie es so vor, wie sie es abgelegt hatte und eilte damit aufs Dach. Zuvor meldete sie sich noch bei den Kollegen und informierte sie über ihr neues Erscheinungsbild.

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