Montag, 22. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 63

Kapitel 63
Wieder und wieder las Paul die Nachricht und konnte es auch nach dem hundertsten Mal nicht glauben. Mit Bruno hatten sie ihren höchsten Trumpf in diesem Spiel unwiederbringlich verloren. Fast noch mehr machte ihm die Ungewissheit zu schaffen. Martinas SMS war nur sehr vage. Wer, wie, wann, warum? So viele offene Fragen und wenige Antworten. „Bruno und Hirt sind tot. Beide Z. In seinem Büro. Einmischung fremde Behörde. Pass auf dich auf. HDL Martina“ Sein Freund Bruno, ein Zombie – was für eine verabscheuungswürdige Vorstellung.
Fortwährend dachte er daran einfach Martina anzurufen, wollte dabei jedoch nicht riskieren, über das Signal geortet zu werden. Ja, Bruno war tot, aber noch war nicht alles verloren. Ganz sicher hatte er diese Mission nicht verraten. Aber möglicherweise wussten der oder die Attentäter auch so über ihre Pläne Bescheid. Vielleicht hatten sie ja den Computer von Bruno gehackt, oder sogar sein Telefon angezapft? Man drang nicht so ohne weiteres in den Tower ein. Es musste jemand aus dem näheren Umfeld des LKAs sein, oder wenigstens jemand, der den Alarm und die Kameras manipulieren konnte. Leyrer? War er der Verräter?
Irgendwann fiel er auf der Pritsche in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder sah er Bruno vor sich und spürte seinen Griff an seiner Schulter. Seine kalten Hände gruben sich in sein Fleisch, rissen an ihm und schüttelten ihn durch. Dann schlug er die Augen auf und sah Horst, der dabei war, ihn wachzurütteln.
„Na Schlafmütze? Gut geschlafen? Mensch Paul, du siehst aus, als wärst du dem Leibhaftigen begegnet.“
„Vielleicht bin ich das auch“, erwiderte Paul. „Sag mal, geht dir Brunos Tod überhaupt nicht nahe?“
„Natürlich tut es das.“ Mit gesenkter Stimme fuhr Horst fort. „Hey, er war für uns nicht nur ein Vorgesetzter, er war ein Freund. Davon gibt es mittlerweile viel zu wenige. Aber ich habe die letzten Monate so viele Freunde verloren, dass ich vergessen habe, wie man trauert. Ich habe um Verwandte und Freunde geweint, ich habe um meinen Neffen geweint. Ich habe ihn geliebt und er hatte keinem Menschen etwas zuleide getan. Drei Jahre wurde er, bevor er bei lebendigem Leibe von den Zs aufgefressen wurde. Kannst du dir das vorstellen? Ein Dreijähriger, der zusehen muss, wie sein eigener Vater erst über die Mutter und dann über ihn herfällt. Seine Schreie…“ seine Stimme stockte.
„Ich ... ich weiß nicht, ob er geschrieen hat. Ob er überhaupt noch schreien konnte, oder ob ihm das Wesen, das einst sein Vater war, als erstes den Kehlkopf herausgerissen hat. Verdammt, er war doch erst drei Jahre alt und er hatte es sicher nicht verdient zu sterben. Und doch ist er tot. Was ist mit Sebastian und Albert? Die hatten ebenso wenig den Tod verdient und doch konnte ich nicht mehr um sie trauern. Wenn es darum ginge, lieber Kollege, dann müsste ich jeden Tag meines Lebens trauern. Wir leben in einer Welt der Toten. Der Tod ist allgegenwärtig und unser täglicher Begleiter. Ich kann nicht mehr trauern.“
Wortlos folgte Paul den Ausführungen seines Freundes, nickte stumm und gedankenverloren, als dieser seinen Monolog beendet hatte.
„Hör auf Trübsal zu blasen und komm. Wenn du dich noch frisch machen willst, solltest du jetzt aufstehen. Außerdem hat mir der diensthabende Offizier gestern zugesichert, dass wir Frühstück bekommen. Auch wenn du keinen Appetit hast, solltest du was essen. Wir haben heute noch einiges vor uns.“
Paul hörte auf seinen Rat und begleitete Horst erst in die Waschräume und dann zur Essensausgabe. Die Dusche war belebend und das Frühstück war zwar schlicht, aber es füllte den Magen. Letzten Endes trug beides dazu bei, dass sich die Laune des Beamten immerhin etwas verbesserte. Der Versorgungszug, der sie nach Rügen bringen sollte, stand bereits abfahrbereit am Gleis, als sie dort ankamen.
Nachdem sie ihre getürkten Papiere vorgezeigt hatten, wurde ihnen sogleich ein Platz in einem Passagierwagen ganz am Ende des Zugs angeboten, der noch nicht umgebaut worden war. Der Ausstattung nach handelte es sich um einen ehemaligen erste Klasse Waggon, mit abgetrennten Abteilen und ausziehbaren Sitzplätzen. Mit den angebrachten Vorhängen konnten sie außerdem die grausame tote Welt dort draußen aus ihrem Sichtfeld verbannen. Für die anstehende Fahrt sicher nicht die schlechteste Idee.
Anstatt einer ehemals typischen Durchsage kam nur ein dahergebrabbeltes „Wir fahrn dann mal los.“ durch das Lautsprechersystem des Zuges und mit einem kurzen Ruck begann die Reise. Das monotone Geratter der Schienen war kein Wachmacher und langsam ging Paul dazu über, den fehlenden Schlaf nachzuholen. Mit einem Handgriff war der Sitz in die Liegeposition gebracht und Paul in einen tiefen Schlaf versunken. Das Letzte was er wahrgenommen hatte war Horst, der in einem Buch blätterte.

Kommentare:

  1. Die Kapitel gestern und heute waren schön flüssig zu lesen. Ich finde, dass Du die Zugfahrt nutzen könntest um mehr über das zerstörte Deutschland zu schreiben. In der norddeutschen Tiefebene könnten ja ganze Herden umher wandern.

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  2. Der Zug ist leider schon abgefahren (fünf Euro ins Wortspielschweinderl). Die nächsten Kapitel stehen schon und ich versuch mich vorerst stärker auf die Gechichte zu konzentrieren, grad auch, weil mich z. B. beim Schätzing so nervt, dass er dauernd abschweift.

    Wenn das allerdings der allgemeine Konsens ist, dann würd ich mir das für die Überarbeitung zu Herzen nehmen.

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  3. Guten Morgen,
    ich glaube Paul und Horst sollten nicht allzu viel aus den Fenstern gucken. Was hätten sie auch davon außer Trübsal, sich das zombiebevölkerte Deutschland anzusehn :). Allerdings wärs auch wirklich interessant mehr zuerfahren und es wird sich bestimmt noch eine Stelle finden sich das zerstörte Deutschland anzusehn(Rückfahrt :D) Ansonsten gewohnte Qualität(Super!)

    mfg Thex

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