Dienstag, 23. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 64

Kapitel 64

Es war ihm unmöglich zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, als ein lautes Quietschen Paul aus seinen Träumen riss. Neben ihm saß wie zuvor Horst und blätterte noch immer in dem Buch. Diesmal konnte er auch den Titel des Buchs erkennen.
„Du liest die Bibel?“ sprach er seinen Freund direkt an.
„Hm? Oh, du bist ja schon wieder wach. Gut geschlafen?“
„Ja, schon. Warum halten wir hier eigentlich?“
„Keine Ahnung. Aber es wird sicher gleich weitergehen.“
„Was ist jetzt mit der Bibel?“ bohrte Paul noch mal nach.
„Hm? Oh, ja, die Bibel. Ich weiß nicht. Mir fiel vor kurzem auf, dass ich sie noch nie gelesen habe und dachte mir, dass ich das eigentlich mal nachholen könnte. Die liest sich ganz gut. Ich mein, dafür, dass sie schon so alt ist. Kannst du eventuell mal die Vorhänge zurückziehen?“
„Ja, klar. Warte.“
Mühsam richtete sich Bährer auf, zog die Vorhänge zur Seite und warf einen Blick hinaus. Wie schon bei der Abfahrt hingen tiefe graue Wolken am Himmel und in der Ferne ragten die Ruinen verlassener Häuser wie die Boten einer längst vergangen Zeit am Horizont. Das alles nahm Paul aber gar nicht wahr, weil sich sein Blick auf das richtete, was direkt vor ihm lag. Eine riesige Meute Zombies kam über die Felder und über die Straßen. Viele darunter waren schon halb vermodert, andere sahen so aus, als seien sie erst vor wenigen Wochen zu dem geworden, was sie jetzt sind. Allen gemein war, dass sie tot waren, und doch irgendwie am Leben.
Und sie marschierten geradewegs auf den Zug zu.
„Scheiße Horst, schau mal raus. Das sind Hunderte. Wo die wohl herkommen?“ Nervös presste Paul seine Nase an die Scheibe.
„Tut doch nichts zur Sache. Wir fahren ohnehin gleich weiter und lassen diese Kadaver hinter uns.“
„Irgendwie ist mir aber nicht wohl bei der Sache. Für ein paar Streuner sind das definitiv zu viele. Außerdem kommen die ziemlich zielgerichtet auf den Zug hier zu.“
„Ist doch klar. Bei dem Lärm, dass das Ding hier macht. Hier ist doch nix, das ist sicher kilometerweit zu hören. Entspann dich mal lieber.“
Gerade als Paul dem Rat seines Freundes folgen wollte, klopften die ersten Fäuste gegen die Außenwand. Erregt sprang er auf und ging aus dem Abteil raus auf den Gang, um aus dem Fenster die andere Seite des Waggons begutachten zu können. Hier offenbarte sich dasselbe Bild. Sie strömten aus einem ehemaligen Fabrikgelände als gelte es noch rechtzeitig die Bahn zum Feierabend zu erwischen.
„Scheiße Horst, von der Seite kommen sie auch.“
Horst stand von seinem Platz auf und stellte sich in die Tür.
„Dann schmeißen sie uns wenigstens nicht um. Sicher geht’s gleich weiter.“
„Wie kannst du so ruhig bleiben? Verdammt Horst, wir stehen auf irgendeiner Abschussliste und was da draußen vor sich geht, erinnert mich irgendwie an die Kacke in München. Mach mal Platz.“
Mit einer Handbewegung drückte er seinen Freund zur Seite und öffnete seinen Rucksack. Mit einer Hand kramte er nach etwas darin, bis er eine Schachtel Munition herauszog. Danach griff er nach seinem Sturmgewehr und überprüfte seine Ausrüstung.
„Hör mal, ich will hier drin nicht unvorbereitet sterben. Würde es dir Umstände bereiten, dich eventuell ebenfalls auf den Ernstfall vorzubereiten?“
„Jetzt werd mal nicht hysterisch. Die Zugtüren sind gesichert. Die kommen hier nicht rein. Kann es sein, dass dich die Ereignisse der letzten Tage etwas mitgenommen haben? Aber wenn’s dich beruhigt – bitte.“
Fast schon widerwillig griff Horst nach seiner Waffe und nahm sie an sich. Inzwischen war das Klopfen zu einem Sturm angewachsen. Um die hundert Zombies hatten den Zug erreicht und hämmerten auf den Waggon ein. Derweilen zog Paul vorsichtig das Fenster herunter. Sofort strömte ein Gestank nach Tod  und Verwesung in das kleine Abteil und ließ ihn würgen. Mit angehaltener Luft streckte er seinen Kopf soweit nach draußen wie es die Gitter erlaubten, warf einen Blick nach vorne und zog sich sofort ungläubig wieder zurück.
„Kannst du bitte das Fenster wieder zumachen? Hier stinkt’s rein.“
„Verdammt Horst, hier stinkt’s gleich noch viel mehr.“ Erwiderte Paul, während er das Fenster hastig wieder zuschob. „Diese Dinger versammeln sich alle um unseren Waggon. Nur um unseren Waggon. Außerdem stehen wir hier einsam auf der Strecke. Hier ist nichts. Ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich glaube sehr wohl, dass wir ein verdammtes Problem haben.“

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