Mittwoch, 24. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 65

Kapitel 65
Die Aufräumarbeiten im LKA waren in vollem Gange. Während draußen Wartungsmannschaften die beschädigten Tore untersuchten, wurde noch überlegt, wie man die Kadaver schnellstmöglich entsorgen könnte. Noch immer lenkte der Lockstoff die Aufmerksamkeit der Untoten auf sich, und erleichterte den Bergungsmannschaften ihre Arbeit, da sich die Horden um und im ehemaligen Finanzamt tummelten.
Im Gebäude selbst waren Spezialisten mit der Obduktion der getöteten Angreifer beschäftigt. Auffällig waren bei allen diesen Leichen die ausdruckslosen Gesichter. Nichtsdestotrotz galt die meiste Aufmerksamkeit den Anzügen, da sich keiner der Anwesenden deren Zusammensetzung erklären konnte. Nur ungern trennte sich Martina von ihrem Exemplar, hatte es ihr doch mehr als einmal das Leben gerettet. Leyrer war persönlich vor Ort, um sie über die Geschehnisse der letzten Nacht zu interviewen.
Währenddessen machten sich auch Marko und Alex daran, ihren Arbeitsplatz wieder herzustellen. Die Monitore waren von den Kugeln der Angreifer zerstört, die Rechner hatten sie glücklicherweise verschont. Durch die zerstörten Fenster wehte ein bedrückender Gestank nach Moder und Verwesung. Noch lagen Teile des Hofs im Schatten, aber schon bald würde die Sonne die Verwesung der herumliegenden und jetzt endgültig toten Zombies weiter beschleunigen.
Keine gesunde Arbeitsumgebung, wie die beiden IT-Spezialisten fanden. Dies äußerten sie auch lautstark und energisch gegenüber Martina, die sich wieder zu beiden gesellt hatte. Die Anstrengungen der Nacht standen ihr ins Gesicht geschrieben und ihr fielen viele Dinge ein, die sie jetzt lieber gemacht hätte, als hier mit Marko und Alex abzuhängen. Es gab da aber noch etwas, um das sie sich kümmern wollte. Entsprechend genervt fuhr sie Alex an.
„Keine Ahnung, was ihr diese Nacht gemacht habt, aber ich hab mich durch Tausende Zs gekämpft, hab einen Köder rüber in die Deroystraße gebracht und euch den Arsch gerettet. Ganz ehrlich hab ich keinen Bock darauf, mir jetzt euer Gemaule anzuhören. Sagt mir einfach, wenn es Ergebnisse gibt.“
Kleinlaut machten sie sich an den Austausch der Monitore und die Beseitigung der Schäden, soweit möglich. Da Putzfrauen mittlerweile Mangelware waren, machte sich Alex mit Schaufel und Besen daran, die Glassplitter zusammen zu fegen. Noch während er darüber fluchte, warf Martina einen Blick aus dem Fenster und sah dort Soldaten, die dabei waren, die verstreuten Leichenteile in einen Container zu entsorgen. Einer von ihnen hielt einen Flammenwerfer hinein und schwarzer, beißender Rauch stieg auf.
In der Zwischenzeit schaffte Marko neue Monitore heran, die er mit den Rechnern verband. Er musste dabei leicht grinsen. Die Zerstörung der Monitore war zwar ärgerlich, aber ihr Feind hatte damit natürlich nichts erreicht, außer den Beiden Arbeit aufzuhalsen. „Hahaha, die Monitore…“ murmelte er leise vor sich hin, während er die Kabel anbrachte. Die in Mitleidenschaft gezogenen Tastaturen würde er später austauschen, dachte er so bei sich. Er fand es eh schon anstrengend genug die TFT-Monitore aus dem Lager zu holen und dies musste er auch nachhaltig seiner Umgebung mitteilen.
Einer der Rechner war noch immer mit der Wiederherstellung der Videos beschäftigt. Marko wies Martina darauf hin, dass sich bereits einige brauchbare Fragmente im Recovery-Ordner auf der Festplatte befanden. Sobald er mit den anderen Rechnern fertig war, würde er sich darum kümmern. Oder sie sollte Alex ansprechen, da er jammernd darauf hinwies, dass er nach der letzten Nacht doch etwas mitgenommen war und er für die körperliche Arbeit einfach nicht geschaffen war. Martina war es leid.
Von draußen drangen wieder Schussgeräusche nach innen. Das konnten eigentlich nur vereinzelte Gruppen auf dem Durchmarsch sein. Martina fühlte sich so müde. Sie vermisste ihren Anzug. Solange sie ihn trug, fühlte sie sich unverwundbar. Mit der normalen Uniform dagegen war sie wieder schwach und den Kreaturen da draußen unterlegen. So müde. Ihre Augen fielen zu, aber ihr herabfallender Kopf ließ sie wieder aufschrecken.
Sie drehte ihren Stuhl zu dem Monitor hin und legte ihre Hand auf die Maus, öffnete dann einige der gefundenen Fragmente und besah sich die Videoaufzeichnungen von für sie eigentlich uninteressanten Räumen. Dort ein sich unbeobachtet fühlendes Pärchen, hier ein in seiner Arbeit vertiefter Kollege, aber nichts Aufregendes und vor allem nichts aus der fraglichen Nacht. Nach und nach öffnete sie alle gefundenen Dateien und merkte dabei erneut eine schwere Müdigkeit auf sich herabsinken.
Noch drei, jetzt schon lesbare, Dateien waren vorhanden, aber der Fortschrittsbalken war gerade mal bei 60 %. War wohl eine Heidenarbeit für den Rechner. Die erste Aufzeichnung war mindestens genauso uninteressant wie die davor. Ein Flur mit zwei Kollegen, die sich unterhielten. Da die Überwachungskameras keinen Ton aufnahmen, entging ihr der Inhalt des Gesprächs und eigentlich interessierte es sie auch nicht besonders.
Sie schloss die Wiedergabe und nahm sich die vorletzte Datei vor. Sie erkannte darauf Hirt, der offensichtlich lesend an seinem Schreibtisch saß, und sofort war ihre Aufmerksamkeit geweckt. Hirt hob den Kopf und seine Lippen bewegten sich. Er unterhielt sich offenbar mit jemand und eine männliche Person trat ins Bild. Die Kamera erfasste ihn zwar nur von hinten und doch kam er Martina seltsam vertraut vor. Plötzlich schnellte der Besucher vor. Seine Hand legte sich um Hirts Mund, in seiner anderen Hand erkannte Martina einen kleinen Gegenstand.
Die Auflösung war zu gering um zu erkennen was es war, aber im nächsten Moment drückte der Eindringling den Gegenstand in Hirts Nacken und hielt ihn dabei weiter fest. Nur kurz darauf erschlaffte Hirts Körper und der Angreifer legte ihn fast sanft auf dem Schreibtisch ab. Gebannt beobachtete Martina das Geschehen auf dem Monitor. Noch immer war das Gesicht des Unbekannten von der Kamera abgewandt. Und doch hatte sie dieses Gefühl der Vertrautheit. Dann drehte sich der Mann um und Martina schrie auf „Nein. Nein, das kann nicht sein. Nein!“ Plötzlich ergab alles einen Sinn, ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. Sie musste sofort mit Paul Kontakt aufnehmen.

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