Montag, 29. August 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 70

Kapitel 70
Im gleichen Moment, als sie den Zug verließen, sahen sie die roten Punkte von Laserzielvisieren über ihren Körper streifen. Wie ein Schwarm Bienen glitten sie über Brust, Kopf und Gliedmaßen. Mehrere Turmbesatzungen hatten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die beiden Beamten gerichtet. Um guten Willen zu demonstrieren, ging Paul mit nach außen gekehrten Handflächen auf die Festung zu. Von den Schützen abgesehen erschien dort alles ruhig. Komisch, dachte er. Ein unkontrolliert auf sie zurasender Zug, der nicht auf Funksprüche reagiert, hätte eigentlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregen müssen.
Stattdessen war alles still. Keine ausgefahrenen Geschütze und keine Raketenwerfer, die auf die Lok gerichtet waren. Beim näherkommen verstand Paul dann auch warum. Fast unsichtbar war in die Gleise nach ungefähr 50 Metern eine Weiche eingelassen, die auf ein durch Laubwerk getarntes Gleis führte. Im besten Fall wären sie auf ein anderes Gleis geführt worden, im schlechtesten Fall hätte sie die Wucht ihrer Geschwindigkeit aus dem Gleisbett getragen und den Zug entgleisen lassen.
Paul musste schlucken und vermutete, dass Horst die Weiche ebenfalls entdeckt hatte. Um den Schützen keinen Anlass für eine unüberlegte Aktion zu geben, sprach er Horst darauf nicht an, sondern richtete seinen Blick weiter nach vorn. 20 Meter vor dem Tor ging er auf die Knie und legte einen Teil seiner Ausrüstung ab, bis ihn ein Knall aus einem Sturmgewehr erstarren ließ. Panisch sah er sich zu Horst um, der ebenfalls auf dem Boden kniend mit starrem Blick auf Paul sah. War das ein Warnschuss, ein Signal, nicht weiter zu kommen?
Weitere Schüsse. Als Paul den Kopf nach hinten drehte, verstand er warum. Sie waren fast da. Das ging alles viel zu schnell. Sie waren doch gerade erst angekommen. Dies entsprach einer sicheren Zone. Die umliegende Umgebung war ordentlich geglättet worden, es gab weit und breit keine Bäume und von einem, in der Nähe befindlichen Dorf waren nur noch die Grundrisse der Mauern vorhanden. Hier waren auf Kilometer freie Schussfelder und doch staksten die ersten Verfolger heran, um sich auf sie zu stürzen.
Noch immer schwirrten rote Punkte über ihre Körper, bereit ihr Leben von einer Sekunde auf die andere zu beenden, als plötzlich das Tor aufglitt. Über ein Lautsprechersystem versuchte eine Stimme gegen die krachenden Gewehre anzukämpfen.
„Achtung! Bitte nehmen Sie Ihre Ausrüstung auf und begeben Sie sich ins Innere. Greifen Sie nicht zu Ihren Waffen und leisten Sie den nachfolgenden Anweisungen Folge.“
Beide taten wie ihnen geheißen und betraten schnell die Station und die darin liegende Sicherheitsschleuse. Während weiter auf anrückende Untote gefeuert wurde, versammelte sich vor dem Eingang zur Schleuse eine kleine Traube an Soldaten, die die Ankömmlinge misstrauisch betrachteten. Kaum in der Anlage angekommen, glitt hinter ihnen das Tor überraschend lautlos zu.
„Aufrüstung auf den Boden und die Hände so, dass wir sie sehen können.“ Befahl eine Stimme, die zunächst sie keiner der Personen zuordnen konnten.
Gerade als sie der Aufforderung Folge geleistet hatten, ging die innere Tür in der Sicherheitsschleuse auf und drei weitere Soldaten traten hinein, zwei Dienstgrade im Rang von Obergefreiten und ein Feldwebel. Während die unteren Dienstgrade die Waffen auf sie gerichtet hielten, kam der Feldwebel näher. Sein Namensschild wies ihn als Urban aus. Ein dunkler, gepflegter Vollbart zierte sein Gesicht. Die Haare, ebenfalls dunkel, waren vorschriftgemäß auf wenige Millimeter Länge gekürzt und machten bereits seiner Stirn Platz.
„Ausweise und Reisedokumente“ stieß der Feldwebel ohne weiteres Federlesen hervor.
„Dazu muss ich in meine Tasche greifen.“ Antwortete Paul und blickte dabei demonstrativ auf die in Brusthöhe angebrachte Tasche an seiner Uniform.
„Machen Sie! Aber langsam.“ Urban hielt sich nicht mit Floskeln, oder irgendwelchen Höflichkeiten auf.
„Ich hab meine Papiere im Rucksack.“, schob Horst hinterher, während Paul die Papiere aus der Tasche fingerte.
„Papiere sind immer am Mann zu tragen. Versuchen Sie keine Dummheit.“ Quetschte der Bärtige verärgert hervor.
Nachdem auch Horst die Papiere endlich aus seinem Versteck gezaubert hatte, ging der Feldwebel langsam zu ihnen und nahm die Papiere an sich.
„Soso, Günther Weiß und Markus Schmidt, Dienstreise nach Rügen, strategische Verlegung und Kurierdienst. Scheint in Ordnung zu sein. Folgen Sie mir, wir haben ein paar Fragen an Sie. Ihre Waffen und Ihr Gepäck lassen Sie hier, wir werden es für Sie verstauen.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und ging militärisch zackig vorweg, in der festen Überzeugung, dass die Beamten nicht zögern würden, ihm zu folgen. Tatsächlich widersetzten sich die Beamten nicht und folgten rasch dem Soldaten. Die beiden Obergefreiten gingen zur Seite und ließen sie passieren.

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