Donnerstag, 1. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 73

Kapitel 73
Der Gefechtslärm nahm langsam ab, je weiter sie sich von der Stellung entfernten. Urban erwies sich während der Fahrt als nicht sehr gesprächig und der Hauptgefreite war überwiegend mit seinem Funkgerät beschäftigt, dem er kaum mehr als statisches Rauschen entlocken konnte. Schon nach wenigen Minuten erreichten sie die nächstliegende Ortschaft und damit überraschend ein Stückchen heile Welt. Die gepflegten Gärten und die sauberen Straßen brüllten der von Zombies bevölkerten Welt ein großes „Fuck you!“ entgegen und wirkten doch so unwirklich in dieser Welt.
Entgegen erster Vermutungen fand Paul keine Gartenzwerge in den makellosen Gärten. Ob die Bewohner hier wirklich wussten, was rund um sie passierte? Würden sie das Glück würdigen, nicht in Rattenlöchern hausen zu müssen? Ob sie wussten, wie es war, durch unterirdische Massenlager zu marschieren, die nach Exkrementen und Tod stanken? Kannten sie das Gefühl, mit Ratten um das letzte Stück Brot kämpfen zu müssen?
So, als wollte Gott den Polizisten verhöhnen, trat eine junge Frau aus einem Geschäft, das ein Schild als Bäckerei auswies. In ihrem Korb ein Laib Brot, lose eingewickelt in dünnes, graues Papier. Gern hätte Paul daran gerochen, um noch einmal den Geruch von frischem Brot zu genießen, doch schon hatte er die junge Frau aus den Augen verloren und sah jetzt eine gigantische Baustelle. Hier wurde tatsächlich noch immer gebaut, um Platz für die wenigen Privilegierten zu schaffen, während in den Großstädten das Volk zusammengekauert auf den Tod wartete. 
„Hübsch habt ihr es hier.“ Zynismus klang in Horsts Stimme mit, während er die Worte an den Feldwebel richtete.
„Und das ist auch gut so. Wollt ihr wissen, warum unsere Soldaten noch kämpfen? Weil sie wissen, dass ihre Familien in Sicherheit sind.“ Eine vorher nicht gekannte Redefreude überkam Urban. „Die Hälfte der russischen Armee ist desertiert. Sie haben sich abgesetzt, zu ihren Familien, wollten sie beschützen. Stattdessen haben sie das Gegenteil erreicht. Das Gleiche in China und aus Amerika gab es am Ende ähnliche Berichte. Den meisten Soldaten ist das Schicksal der Menschheit überwiegend egal. Sie sehen nicht das große Ganze. Sie sehen nur ihre eigene, begrenzte Welt. Und die haben wir ihnen gegeben. Und die Möglichkeit, diese zu beschützen. Unsere Soldaten mussten nicht desertieren, um ihre Familien zu schützen. Bei euch Polizisten ist es doch ähnlich.“
„Nicht ganz. Frauen und Kinder durften zwar in Sicherheit gebracht werden, aber bei vielen kamen die Warnungen zu spät. Außerdem entspricht die Unterbringung der Meisten nicht dem, was ihr hier habt.“ Horst verrenkte sich fast den Kopf dabei möglichst viel von der vermeintlich heilen Welt sehen.
„Lasst euch nicht täuschen. Natürlich haben wir hier eine kleine Idylle geschaffen, aber nicht alle Familien leben so. Die meisten wurden auf engstem Raum zusammengepfercht. Den Luxus hier verdanken wir der Nähe zu unserer Regierung. Sie will die Besten hier und sie wollen, dass die Männer hier bis zum letzten kämpfen, gerade weil es hier so viel gibt, was sie verlieren könnten. Vielleicht ist es euch nicht aufgefallen, aber es gibt hier keine Mauern, keinen Rückzug. Fällt die Stellung, sind alle Menschen hier dem Tod geweiht. Es sieht aus, wie das Paradies und doch ist es nur eine Todesfalle.“
„Wir alle leben in Todesfallen und für keinen von uns gibt es ein Rückzugsgebiet.“, warf Paul ein. „Die ganze Welt ist eine Todesfalle.“
„Richtig!“, stimmte ihm Horst zu. „Für Niemanden gibt es noch Rückzugsgebiete.“
„Da habt ihr nicht ganz unrecht. Und doch haben diese Männer hier noch mehr zu verlieren, als jeder andere. Viele von euch haben doch nur noch das Leben, an dem sie so hängen. Hier beschützen sie die schon längst verloren geglaubte Normalität und den letzten Rest Zivilisation.“ Versuchte Urban die beiden Beamten weiter zu überzeugen.
„Harte Worte. Ist es das, was für euch die Zivilisation ausmacht, oder das Leben lebenswert macht? Ein gepflegter Garten und frisches Brot vom Bäcker? Was sind dann die armen Seelen für euch, die unter Tage hausen und nur das besitzen, was sie am Leib tragen? Ratten?“
Ratten. Kaum ausgesprochen, kam eine Erinnerung in ihm hoch. Hatte Paul vor gar nicht allzu langer Zeit selber die Menschen in den Tunneln als Ratten bezeichnet? Wie sollte er es Urban verübeln, wenn er insgeheim selber so dachte? Die Antwort des Feldwebels ging ins Leere, weil Paul in seinen Gedanken fest hing.
„Ich hab gesagt, es tut mir leid. Ich glaube, ich hab mich einfach falsch ausgedrückt.“, wiederholte Urban sein Anliegen.
„Hm? Ach so, ja, ist schon in Ordnung. Ich war nur kurz abwesend. Lassen wir das Thema. Wie lange noch?“
„Mir scheint, die Abwesenheit dauert noch an. Wir sind fast da.“
Pauls Augen folgten dem ausgestreckten Finger des Feldwebels. Vor ihnen lagen die Brücke und Rügen. Die Insel war von einer Mauer umgeben, die schon vom Land aus gut zu sehen war. Hohe Gebäude ragten über die Mauer hinaus und gaben der ganzen Szenerie etwas Unwirkliches, vollkommen Surreales. Vor der Brücke ragte noch eine weitere Stellung auf, die als letzter Widerstand den Halt der Brücke sicherstellen sollte, wenn die Stellung überrannt worden wäre. Der Jeep hielt direkt darauf zu.

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