Samstag, 3. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 75

Kapitel 75
Hinter der Station lag die Brücke, die Rügen mit dem Festland verband. Von der vorderen Stellung angekündigt, konnten sie die Straße ungestört passieren und Urban lenkte das Fahrzeug sicher zwischen den die Fahrbahn abwechselnd links und rechts blockierenden Panzersperren hindurch. Die Panzersperren, der letzte Widerstand, das letzte Gefecht und die letzte Stufe der Verteidigung. Aber nur gegen Feinde von außen.
Am Ende der Brücke wartete der letzte Sicherheitscheck und daraufhin öffnete sich für die Beamten der Zugang zum am härtesten verteidigten Stückchen Erde Deutschlands. Panzer bewachten den Zugang zur Insel und gaben nach einem Signal des kontrollierenden Beamten den Weg frei. Schwere Dieselmotoren sprangen an, schwarze Wolken stieben aus dem Heck und die Ketten bewegten das über 60 Tonnen schwere Monstrum von der Straße.
Dahinter war eine neue Welt entstanden. Als vor rund einem Jahr die Bauarbeiten in Deutschland zur Absicherung begannen, wurde auf Rügen bereits mit Hochdruck gearbeitet. Ziel war es auf begrenztem Platz so viel Wohnraum wie möglich zu schaffen. Regierungs- und Wohngebäude wurden in Rekordzeit hochgezogen und die Statik an ihre Grenzen getrieben. Neben Regierung und der Führung von Armee und Polizei wurden noch verdiente Personen aus Wirtschaft und Unterhaltung auf Rügen untergebracht.
Bei den meisten war dabei weniger der Nutzen des Volkes als vielmehr die finanzielle Absicherung ausschlaggebend. Über die Höhe gab es nur Spekulationen, aber wer nicht direkt in der Gunst des ehemaligen Innenministers stand, musste seinen Aufenthalt teuer finanzieren. Teils auch mit einer auf Verteidigung umgestellten Produktion. Nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte war Geld wertlos und bestimmte Güter von einem Tag auf den anderen nicht mehr finanzierbar.
So lebte die High Society eines toten Landes sicher hinter hohen Mauern, die von Soldaten beschützt wurde. Soldaten, die sich und ihren Familien damit ein sicheres Zuhause bescherten. Und doch lebte die Elite noch ein Stück weit exklusiver. Trotz des beengten Platzes konnte Paul einen Golfplatz, mehrere Tennisplätze und sogar eine Badeeinrichtung erkennen. Hinter dickem Glas rutschten Kinder über Rutschen in Wasser, welches in Teilen Deutschlands als knappes Gut galt. Hier stand es im Überfluss bereit.
Daneben war eine Landebahn nebst Fliegerhorst, die Hubschrauber und Kampfjets beherbergte, die von hier aus zum Schutz der Insel innerhalb weniger Minuten gestartet werden konnten, wie ihnen Urban beim vorbeifahren erzählte. Daneben gäbe es noch einige versteckte Fliegerhorste in Deutschland, aber das hier sei der Wichtigste. Wie zur Bestätigung passierten sie Flakpanzer und mehrere kampfbereite auf LKW montierte Roland-Raketenwerfer.
Wie Urban erklärte, wurde der komplette Luftraum durchgehend überwacht. Starts und Landungen wurden direkt vom Verteidigungsministerium autorisiert und nur in Ausnahmefällen durften Abfangstaffeln ohne vorherige Absprache aufsteigen. Ausnahmefälle waren nicht identifizierte oder nicht autorisierte Flüge. Für diese Fälle galt ein universeller Einsatzbefehl und Feuererlaubnis ohne vorherige Rücksprache, sofern das Ziel gefährlich nahe in den Luftraum eingedrungen war und sich auch nicht abdrängen ließ.
Urban erklärte, dass dies bisher zweimal der Fall war. Einmal wurde direkt vor Rügen eine russische Militärmaschine abgeschossen, die sich im direkten Anflug befand. Der Pilot reagierte nicht auf Funk und optische Warnsignale. Ein kontrollierter Abschuss beendete den Flug. Dabei wurden, wie sich später herausstellte, über einhundert Zivilisten getötet. Ein Versuch der kollabierten russischen Regierung, Frauen und Kinder von einflussreichen Persönlichkeiten außer Landes zu schaffen. Es blieb ungeklärt, warum der Pilot nicht auf Rufzeichen reagierte. Auf russischer Seite war niemand mehr, der diese Frage beantworten konnte.
Klar war, dass die Insassen des Flugzeugs nicht infiziert waren, der Pilot selber ein Vertrauter des dahingeschiedenen russischen Präsidenten. Das ging hervor aus Dokumenten, die aus den Wrackteilen geborgen werden konnten. Daneben wurden noch weitere Dokumente geborgen, die noch am gleichen Tag unter Verschluss gestellt und als geheim eingestuft wurden. Nicht geborgen wurde die Blackbox. Offiziell, weil Tauchgänge als zu gefährlich eingestuft wurden. All das geschah zu einer Zeit, zu der Polen schon zu großen Teilen überrannt war. Das Aufkommen von Untoten in der Ostsee war schwer abzuschätzen. Allein mit den Bergungsaktionen setzte man sich einem Risiko aus, dass die nicht vorhandenen Erfolgsaussichten kaum rechtfertigen konnten.
Der zweite Vogel kam Monate später aus Schweden. Eine Passagiermaschine. Der Pilot gab an, dass im Passagierraum Infizierte waren. Sein Todesurteil. Man bemühte sich nicht einmal, ihm eine Landebahn irgendwo zuzuweisen. Stattdessen entledigte man sich des Problems mit zwei Luft-Luft-Raketen und sandte den Flieger auf den Grund der Ostsee. Von Bergungsversuchen nahm man dieses Mal Abstand.
Gern hätte Paul noch länger Urbans Erzählungen gelauscht, aber plötzlich tat sich vor ihm ein Gebäude auf, das er in Grundzügen bereits gesehen hatte. Es war die Zentrale der Erben. Er bat Urban den Wagen zu stoppen und besah sich das Schild vor dem Gebäude. Direkt vor den Augen der Regierung hatten sie ihr Lager aufgeschlagen und machten keine Anstalten, sich zu verstecken. Laut Urban war dies eine Einrichtung des Heers zur Entwicklung und Erprobung neuer Kampfstoffe gegen die Untoten. Während dessen hatte der Funker Kontakt gefunden und meldete sich bei der Einsatzleitung für den Vorposten, um Bericht zu erstatten. Plötzlich hielt es Horst nicht mehr im Wagen und er bat Urban sie hier abzusetzen.

Kommentare:

  1. Guten Morgen,
    ins Paradies der Reichen hat sich ein Rechtschreibfehler eingeschlichen:
    "Wir zur Bestätigung passierten sie Flakpanzer.."
    Wie
    Wie immer spannend und besonders interessant die kleine Inselrundfahrt :)

    mfg Thex

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