Montag, 5. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 77

Kapitel 77
„Was willst du hier?“ Fast schon wütend fuhr Paul seinen Freund und Kollegen an. „Wir müssen zur Zentrale und dort Bericht erstatten. Die müssen den Laden hier schnellstens dicht machen.“
„Ach komm schon Kumpel. Wir sind so weit gereist, haben so viel erlebt und du willst den Spaß den anderen überlassen? Hey, wir schauen uns nur etwas um und verschwinden dann wieder. Was kann dabei schon großartig passieren?“
Der Polizeihauptmeister überlegte kurz und senkte dabei leicht seinen Kopf. „Beim ersten Anzeichen von Problemen machen wir uns aus dem Staub.“
„Natürlich.“ Horst hob beschwichtigend die Arme und grinste unbeholfen. „Meinst du, ich will hier und heute draufgehen?“
„Also gut. Wie gehen wir vor? Willst du einfach rein marschieren, dich vorstellen und um eine Betriebsführung bitten?“
Mit wachem Blick sah er zu dem Gebäude hinüber. Zehn Stockwerke ragten nach oben und präsentierten dabei eine komplett verglaste Front. Der Eingangsbereich war schon zwei Stockwerke hoch, und zeigte einen Empfangsbereich mit bequem aussehenden Sitzmöbeln plus einem Tresen, an dem die Besucher von absolut gleichgekleideten Damen in Empfang genommen wurden.
„Wäre vielleicht einen Versuch wert.“ Obwohl ihm der sarkastische Unterton in Pauls Stimme nicht entgangen war, versuchte er sich nichts anmerken zu lassen. „Ich würde eher sagen, wir umrunden das Gebäude und schauen mal, ob wir irgendwo so reinkommen. Vielleicht haben sie ja irgendwo ein Kellerfenster offen gelassen.“
„Ein Kellerfenster? Was ist das für eine Schnapsidee? Das Gebäude ist komplett verglast und sieht nicht so aus, als würde es…“ Fast schon zu spät bemerkte er Horsts Grinsen. „Ach, du Depp. Hast du auch ernsthafte Vorschläge? Andernfalls sollten wir die Zeit nutzen und unsere Kollegen aufsuchen.“
„Nein, aber was können wir schon verlieren? Einmal rum. Vielleicht gibt es eine Laderampe oder irgendwas, wo man sich vorbeischleichen kann.“
„Gut, um dir einen Gefallen zu tun. Wenn wir nichts dergleichen finden, machen wir uns aber vom Acker. In Ordnung?“
„Na klar doch. Zumindest können wir uns dann später nicht vorwerfen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“, grinste Horst.
Irgendetwas störte Paul an Mewes‘ Grinsen. Es erschien ihm nicht aufrichtig und irgendetwas war falsch. Vielleicht war es die Aufregung, die auch an seinen Nerven zerrte, oder der Gedanke, dass bald alles zu Ende sein könnte. Auf jeden Fall nichts, was Paul ernsthaft Sorgen machte. Stattdessen grinste er zurück.
„Na, dann los. Willst du das Gepäck etwa mitschleppen?“
„Hier lassen geht ja wohl schlecht. Außer du hast kein Problem damit, wenn deine Sachen von einem Bombenkommando kontrolliert gesprengt werden.“, antwortete Horst und rückte sich den Riemen seines Rucksacks zurecht.
Ein valides Argument, dem Paul nichts entgegensetzen konnte. Er nahm seinen Rucksack auf, hängte ihn über die Schulter und ging los. Knapp hinter ihm folgte Horst und suchte in seinen Taschen herum. Aus dem Augenwinkel sah Paul, dass er einen ca. 20 cm langen Gegenstand aus der Tasche zog und dabei fiel ihm das Mobiltelefon ein. Nach dem letzten Versuch hatte er ganz vergessen, es wieder einzuschalten und erneut den Empfang zu testen. Lieber jetzt, als gar nicht.
Mit seiner rechten Hand griff er in die Hosentasche und zog das kleine Gerät heraus. Vom Deckel des Batteriefachs las er den PIN ab, schaltete das Gerät ein und gab den PIN ein. Die Erkennungsmelodie des Herstellers erklang und bald schon war das Gerät einsatzbereit. Noch während die Netzsuche lief, drehte sich Paul zu Horst um und sah den Gegenstand, den Horst aus seiner Tasche geholt hatte und erkannte darin einen Taser.
„Wofür brauchst du den denn?“
„Ach, man weiß ja nie.“ Demonstrativ hob und senkte Horst seine Schultern und setzte einen fragenden Blick auf.
Das Mobiltelefon hatte zwischenzeitlich ein Netz. Ein voller Ausschlag der Empfangsleistung kündete davon, dass die Insel gut versorgt war. Um weiteren Lärm zu vermeiden, suchte Paul nach einer Möglichkeit, die Lautstärke des Handys zu reduzieren und wurde schließlich in den Profilen fündig. Eine eingehende Textnachricht blieb stumm, löste aber eine optische Benachrichtigung auf dem Display aus.
Überrascht machte sich der Beamte daran die Textnachricht zu öffnen. Sie war von Martina. Eine Warnung.
„Was hast du da?“ fast unbemerkt hatte Horst zu Paul aufgeschlossen und sah über seine Schulter.
„Eine Nachricht von Martina. Sie warnt mich vor etwas.“
„Und wovor?“
„Warte, die Nachricht ist in mehrere Teile gesplittet. Hier schreibt sie, ich soll mich fernhalten von…“
Paul kam nicht mehr dazu die Nachricht zu Ende zu lesen. 50000 Volt jagten durch seinen Körper und legten alle Körperfunktionen lahm. Seine Finger zuckten und das Mobiltelefon fiel zu Boden. Der sauber gepflegte Rasen, über den sie gerade gegangen waren, dämpfte den Stoß nur Sekunden, bevor Paul neben dem Telefon zu liegen kam. Ganz ruhig bückte sich Horst nach dem Gerät und las die Nachricht zu Ende. „Halt dich fern von Horst, aber lass dir nichts anmerken. Er ist der Mörder von Bruno.“ Mit einem kurzen Ruck zerbrach er das Gerät in seiner Hand und warf die Überreste auf den sorgsam gestutzten Rasen.

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