Dienstag, 6. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 78

Kapitel 78
„Schön, dass Sie da sind, Herr Polizeihauptmeister.“
Die Stimme drang wie durch einen dichten Nebel, erreichte Paul und löste etwas in ihm aus. Eine Erinnerung. An jemand bestimmtes. Jemand, den er hasste. Mühsam versuchte Paul seinen Kopf aufzurichten, stellte aber schon bald fest, dass er dazu zu schwach war. Statt Worte kam nur ein Krächzen über seine Lippen.
„Oh, bemühen Sie sich nicht. Ihr Körper wird noch einige Minuten benötigen, um sich an das Serum zu gewöhnen.“
Diese Stimme …                                                                                      
„Wissen Sie, Herr Polizeihauptmeister, ich wusste von Anfang an, dass sie besonders sind. Vom ersten Tag an, als wir die Untersuchungsergebnisse Ihres Bluts bekommen haben, wusste ich, dass Sie etwas Besonderes sind. Wissen Sie eigentlich, dass wir Sie die letzten Monate beobachtet und über Sie gewacht haben. Natürlich wussten Sie das nicht, weil Sie es dann nicht zugelassen hätten.“
Er kannte die Stimme. Der Hass brodelte höher in ihm.
„Leider gab es Menschen, die Sie tot sehen wollten. Können Sie sich das vorstellen? Wir mussten alle Hebel in Bewegung setzen, um Ihnen mehrfach das Leben zu retten. Leider gibt es auch in unserer Gemeinschaft Menschen, die nicht klar sehen können, die geblendet sind von Begriffen wie Moral und Ethik. Damit gleichen sie euch, die ihr euch an euren Werten festklammert und sie als Errungenschaften anseht
Nur ein Krächzen, aber in seinem Hals löste sich etwas.
„Ihr seid wie Schafe. Ihr folgt euren Führern und euren selbst auferlegten Idealen. Ihr hinterfragt nicht, ihr plappert nach. Ihr geht den Weg des geringsten Widerstands und lasst andere für euch entscheiden. Ihr uniformiert euch freiwillig, in der Hoffnung, in der anonymen Masse unterzugehen und dort nicht aufzufallen. Individualität ist euch ein Graus und selbst die, die sich selbst als Individuen sehen, folgen nur denen, die die Individualität propagieren und dabei die anderen verachten.“
Noch immer kam Paul kein Wort über die Lippen, aber der Kopf ließ sich mittlerweile leicht anheben.
„Und doch kennt eure Gesellschaft kein Miteinander, sondern nur ein Gegeneinander. Ihr sucht euch Gleichgesinnte, die eure Interessen teilen um über die abzuurteilen, die der gegenteiligen Meinung sind. Euer Denken ist bestimmt von Konformität und der Bestätigung euer selbst. Ihr seid empfänglich für Ideologien, weil sie euch helfen, euer Leben zu lenken, weil sie euch das Denken abnehmen und euren Kopf frei machen für die euch ach so wichtigen Dinge.“
Jetzt sah Paul den Mann, den er mehr hasste, als alles andere auf der Welt.
„Ihr seid eine graue Masse, die statt kollektiver Intelligenz nur kollektive Dummheit hervorbringt. Egoismus steht an erster Stelle und Mitleid wird öffentlich zur Schau gestellt, oder dient auch nur zur Bestätigung der eigenen Großherzigkeit, weil Großherzigkeit als moralischer Wert diktiert wird. Ihr seid ein Volk der Heuchler, die von anderen fordert, was sie selber nicht betrifft und umgekehrt nicht verstehen kann, wenn man selbst gefordert wird.“
Seine Lippen formten Worte, aber noch immer versagten ihm seine Stimmbänder den Dienst. Stattdessen kam nur ein glucksendes Geräusch aus seinem Hals.
„Ihr versteht euch darauf, euch selbst frei von jeder Schuld zu sprechen und die anderen für euer Elend verantwortlich zu machen. Schuld! Schuld haben nur die Anderen und Fehler machen auch nur andere. Nie ihr selbst. Denn ihr seid ohne Makel. Ihr seid das Ebenbild eures Gottes. Eures falschen Gottes. Nein. Die Zombies sind das Ebenbild Gottes und sie sind tatsächlich ohne Makel. Sie kennen keine Sünde und sie morden nicht aus Eigenzweck, sondern um den Segen weiterzugeben. Sie kennen keine Moral und keine falschen Ideale. Sie kennen keine Meinungen und streben nicht nach Vollkommenheit. Sie sind so viel besser als ihr.“
„Waar.. rum?“ Ein erstes Wort. Leise.
„Warum? Warum was? Warum ich Ihre Mutter getötet habe? Warum Sie von Ihrem besten Freund hintergangen wurden? Warum Sie hier in unserer Gemeinschaft aufgenommen wurden? Weil Sie der sind, der das wahre Blut in sich trägt. Weil wir Sie brauchen. Nur Sie. Aus dem Grund mussten wir Ihnen leider alles nehmen. Ihre Eltern, Ihre Freunde und Ihre Freundin. Oh, das wissen Sie ja noch gar nicht, oder? Ich nehme an, dass Polizeiobermeisterin Stürmer den Angriff auf das LKA nicht überlebt hat. Tut mir leid, alter Freund.“
„Braun. Du… Stück… Scheiße…“ Noch immer war Pauls Stimme nur leise, aber Braun verstand ihn sehr gut.

Kommentare:

  1. Hallo Andreas,

    bin auf deinen Blog über einen Artikel von Indie-Kollege David Gray aufmerksam geworden. Wollte dich nur auf eines aufmerksam machen:

    http://www.literaturcafe.de/vorsicht-e-book-falle-preisbindungsgesetz-gilt-auch-fuer-selbstverleger/

    Ob das auf dich zutrifft, kann ich nicht sagen, wohl aber, dass es genug Neider gibt, die einen anschwärzen, wenn sie können :(

    Liebe Grüße, Emily

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  2. Oh, danke für den Hinweis. Das hatte ich gar nicht auf der Uhr. Jetzt stellt sich mir nur die Frage, wie ich das hier zu interpretieren hab:

    "Eine große Ausnahme vom Preisbindungsgesetz gibt es jedoch: verschenken und verlosen dürfen Sie Ihr Werk im Rahmen von Werbemaßnahmen."

    Sind Werbemaßnahmen zwingend zeitlich begrenzt, oder ist ein kostenloser Download per se als zeitlich unbegrenzte Werbemaßnahme zu sehen?

    Ich bin auf jeden Fall verunsichert.

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