Mittwoch, 7. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 79

Kapitel 79
„Es tut mir leid, dass Sie mich immer noch als Ihren Feind sehen. Natürlich haben Sie dazu allen Grund. Ich bin mir aber sicher, dass Sie auf Ihren Freund Mewes aktuell auch nicht so gut zu sprechen sind, oder? Sie müssen ihm verzeihen, er macht nur seinen Job. Kommen Sie, entspannen Sie sich. Sie machen ein Gesicht, als müssten Sie sich gleich übergeben. Oh, natürlich, entschuldigen Sie, das ist ja eines der Nebenwirkungen des Präparats …“
Weiter kam Braun nicht, denn im nächsten Augenblick ergoss sich Erbrochenes aus Pauls Mund und verteilte sich über seinen Schoss. Beim zweiten Spuckreiz schaffte er es noch, seinen Kopf abzudrehen und diesmal landete der Großteil auf dem Boden.
„So eine Sauerei. Was glauben Sie, wer das jetzt wieder wegmacht? Leider haben wir hier keine Putzfrau. Dumm eigentlich, aber das haben Geheimlabore so an sich. Sie werden uns die Unordnung hier sicher nachsehen. Wissen Sie, Sie sehen mit Verlaub scheiße aus. Haben Sie Durst? Natürlich haben Sie Durst.“
Aus einem Krug goss der Blonde Wasser in ein Glas und ging auf Paul zu.
„Sie können ruhig trinken. Welchen Grund sollte ich haben, Sie jetzt vergiften zu wollen? Wollte ich Sie töten, wären Sie schon tot. Wie ich schon sagte: wir brauchen Sie. Trinken Sie doch einen Schluck.“
Generös hielt er ihm das Wasser an den Mund. Der Beamte nahm einen großen Schluck aus dem Glas und spuckte es im gleichen Moment in Brauns Gesicht. Wasser und im Mund verbliebene Reste von Pauls Mageninhalts liefen an ihm herunter, sammelten sich auf seinem Mantel, bevor sie langsam zu Boden tropften. Der Mantel trug das Symbol, das sich auch auf der Uniform des toten Angreifers befand. Das Zeichen der Erben Jesus. Braun selbst blieb von der Aktion unbeeindruckt. Fast schon schlendernd ging er zum Tisch zurück und sprach halblaut „Na gut, wie Sie meinen“ während er mit seinem Ärmel über das Gesicht wischte.
„Fühlen Sie sich jetzt besser?“
„Etwas.“ Obwohl Pauls Stimme immer noch angeschlagen war, war der spöttische und zynische Unterton kaum zu überhören.
„Sehr schön. Sie werden sich sicher fragen, wo wir Sie hingebracht haben, oder ich glaube eher, Sie ahnen es schon. Ich weiß, dass Sie Bilder von einer früheren Bauphase kennen. Was Sie sicher noch nicht wissen ist, dass dies alles mit der Genehmigung des Verteidigungsministeriums, nein besser noch, mit den Geldern des Verteidigungsministeriums, gebaut wurde. Wir haben mächtige Verbündete in hohen Positionen, die uns auch noch nach dem Regierungswechsel wohl gesonnen sind. Was Sie übrigens auf ihrem Bild nicht gesehen haben, sind die wahren Ausmaße dieser Einrichtung.“
„Ich.. bin… beeindruckt.“
„Ja, nicht wahr? Oh, Sie meinten das sicher ironisch. Kein Problem, wir sind ja unter uns. Sicher wird es Sie interessieren, was ich gerade von Ihnen will. Einem unwichtigen kleinen Beamten aus Bayern.“
Statt eines Kommentars funkelte Paul Braun böse an.
„Ich sehe, ich habe Ihre volle Aufmerksamkeit. Ich habe es zuvor schon erwähnt. Es ist Ihr Blut. Sie erinnern sich? Damals im Krankenhaus, als sie wegen eines unglücklichen Unfalls behandelt werden mussten. Ein Unfall, an dem wir zugegebenermaßen nicht ganz unschuldig waren. C4 und Gas… Aber ich schweife ab. Sie haben das reine Blut, das wir benötigen. Dass wir die Verursacher für diese, nun Sie nennen es Zombieapokalypse, sind, das wissen Sie ja bereits. Oder haben es vermutet.“
„Warum?“ spie ihm Paul das Wort entgegen und bereute es sogleich, als ihn ein Kratzen in der Kehle wieder verstummen ließ.
„Warum nicht? Die Globalisierung der Welt schreitet voran. Viren und Krankheiten verbreiten sich innerhalb von Tagen auf der ganzen Welt. Neue Infektionsherde erregen Aufmerksamkeit, aber keine Beachtung. Zu vernetzt ist unsere Welt mittlerweile, zu viele Informationen prasseln auf uns ein. Ich gestehe, dass der Schnelltest uns nicht unbedingt in die Karten gespielt hat. Ein Rückschlag. Aber tolerierbar. Wir waren schon zu weit. Wir haben die Welt in unserer Gewalt.“ Er holte kurz Luft und reckte sein Kinn nach oben.
„Unser einziges Ziel ist es, den Willen Gottes zu erfüllen. Oh, wir sind immer wieder in Erscheinung getreten. Wir haben immer wieder die Nähe zu Despoten und Diktatoren gesucht. Wir haben Regierungen gebildet und sie wieder gestürzt. Wir haben Geschichte geschrieben, ohne in die Geschichtsschreibung einzugehen. Wir sind immer wieder von der Bildfläche verschwunden und mussten früh lernen uns zu tarnen und uns zu verleugnen.
Dabei verfolgen wir immer nur das eine Ziel. Ich erzähle Ihnen das, weil ich Sie mag und wir Sie brauchen. Ich mag Ihren unbedingten Überlebenswillen. Ich mag es, dass Sie gelernt haben, Opfer zu bringen. Wir müssen noch an Ihnen arbeiten, aber Sie sind bereits auf einem guten Weg. Kommen Sie auf unsere Seite und folgen Sie dem wahren Wort Gottes. Ich habe einen Platz und eine Aufgabe für Sie.“
Jetzt war Paul richtig wütend und brüllte seine Worte förmlich heraus. „Sie sind doch verrückt!“ Er schmeckte Blut in seiner Kehle.

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