Donnerstag, 8. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 80

Kapitel 80
„Bin ich das? Wirklich? Vielleicht ist es ja die Welt, die verrückt ist. Wenn es verrückt ist, dem wahren Wort unseres Herrn zu folgen, ja, dann bin ich vielleicht wirklich verrückt. Wir bewahren sein Fleisch und sein Blut. Am dritten Tage ist er auferstanden. Kommt ihnen das bekannt vor? Seine Jünger fanden ihn in seinem Grab. Auferstanden von den Toten. Aber er ist nicht aufgefahren in den Himmel. Er blieb auf Erden.
Doch statt seinen Segen an die Menschheit weiterzugeben, verschlossen sie das Grab wieder, nachdem einem Helfer der Segen Gottes zuteil wurde. Der Name des Helfers war Lazarus. Sie haben den Namen vielleicht schon einmal gehört. Er war der erste wahre Jünger unseres Herrn, aber die anderen verstanden es nicht und hatten Angst. Diese Narren. Viele Jahre später öffneten unsere Leute das Grab erneut und fanden die beiden Körper unversehrt. Sie waren durch göttliche Energie befüllt. Sie aßen sein Fleisch und tranken sein Blut und sie wurden Gott gleich.
Sie lebten weiter, vom ewigen Leben beseelt und wurden selber zu Göttern. Mit dieser Kraft organisierten sie den Aufstand gegen die römischen Besatzer, aber wurden geschlagen. Ein Rückschlag, aber der Körper unseres Herrn wurde bewahrt und nur treue Diener und die, die reinen Blutes sind, essen von seinem Fleisch, und trinken sein Blut.
Verstehen Sie das nicht Bährer? Die Kirche, diese Institution der Macht und angeblich die Vertreter Gottes auf Erden, transferiert angeblich den Leib Jesu in eine Hostie. Lächerlich. Sie verleugneten die wahre Gestalt unseres Erlösers, der gesandt wurde von seinem Vater, um die Menschheit zu erretten. Die Menschheit zum Ebenbild Gottes zu machen, sie selbst damit zu Göttern zu machen. Allein das ist unsere Mission.“
„Sie haben Milliarden von Menschen auf dem Gewissen.“ Stammelte Paul fassungslos.
„Nein, Sie haben es immer noch nicht verstanden. Wir haben Milliarden von Menschen erlöst! Wir haben euch Würmer errettet und zu Gott gleichen Wesen gemacht.“
„Deren einziger Sinn es ist, andere Menschen zu fressen?“
„Nein, Sie Idiot. Ihr Zweck ist es, den göttlichen Segen zu verbreiten, sein Wort, seine Göttlichkeit.“
„Das ist doch gequirlte Scheiße!“ Die Stimme des Polizisten überschlug sich förmlich und wieder bereute er seine Unbeherrschtheit mit einem stechenden Schmerz im Hals.
„Nein. Die Fakten sind auf unserer Seite. Sie finden die Wahrheit in der Bibel. Sie müssen diese Wahrheit nur akzeptieren. Dort steht es geschrieben! Und hier kommen Sie ins Spiel. Ihr Blut ist das reine Blut, mit dem wir Wesen erschaffen können, die den normalen Dienern überlegen sind, die schneller sind, klüger und stärker. Alles was wir dazu tun müssen, ist ihr Blut mit dem ursprünglichen Erreger Jesus zu infizieren.“
„Das…“ Krächzen „…könnt…“ Schmerzen „…ihr…“ Blut „…vergessen.“
„Strengen Sie sich doch nicht so an. Ihre Kehle ist ausgetrocknet und leider auch etwas angeschlagen. Eine Folge des Erregers. Ihr Körper kämpft dagegen an, neutralisiert das, was andere Menschen zu diesen hirnlosen Zombies macht und konserviert nur den reinen Erreger. Der Vorgang wird noch ein paar Stunden in Anspruch nehmen, danach werden Sie sich wieder besser fühlen.“
Mit geweiteten Augen sah Paul zu Braun auf, versuchte etwas zu sagen, überlegte es sich aber wieder.
„Na sehen Sie. Sie wollten sicher wissen wann und wie? Als Sie kurzfristig weggetreten waren, waren wir so frei, Ihnen den Wirkstoff einzuflößen. Das ist auch der Grund, warum Ihnen das Sprechen so schwer fällt, weil sich Ihr Körper dagegen wehrt. Oh, bevor Sie sich weiter anstrengen – nein, aus Ihnen wird kein Geschöpf Gottes. Wie gesagt haben Sie den reinen Erreger erhalten um endlich die Blutlinie fortzuführen. Wie lange wir Sie doch schon beobachten. Meinen Sie, es war Zufall, als wir Sie mit dem Hubschrauber gerettet haben? Oh, und wegen Ihrer Mutter …“
Pauls Gedanken verschwammen. Die Schmerzen im Hals taten ihr Übriges und plötzlich fand sich Paul wieder an jenem Tag auf der Straße, als ihn die Soldaten in den Hubschrauber verfrachteten. Draußen ertönte ein Schuss und Leutnant Braun schwang sich in den Helikopter, und gab das Signal abzufliegen. Paul war außer sich vor Sorge.
„Was ist mit meiner Mutter?“, schrie er über den Lärm des Helikopters hinweg.
„Unnützer Ballast, die Frau war ohnehin schon tot.“ Seine blauen Augen zeigten sich frei von Emotionen, seine Stimme gefühllos und sein Blick starr wie Eis.
„Nein, sie hatte noch zwei Tage. Ich konnte mich nicht einmal von ihr verabschieden.“ Tränen sammelten sich in Pauls Augen.
„Das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist Überlebende einzusammeln und unnötigen Ballast zu vermeiden. Zwei Tage hin oder her. Ihr Schicksal war unvermeidlich.“
Ohne zu überlegen, ließ der Beamte seine rechte Faust vorschnellen und traf Braun hart im Gesicht. Dabei platzte die Haut an seinen Knöcheln auf, was er einfach ignorierte. Die Faust war bereits zum zweiten Schlag erhoben, aber es kam nicht mehr dazu. Einer der Soldaten rammte Paul die Schulterstütze seines Sturmgewehrs in den Magen und ließ ihn würgen. Der zweite Schlag kam von dem Soldaten neben ihm und traf ihn hart an der Schläfe. Ihm wurde schwarz vor Augen und dahinter explodierte ein Feuerwerk. Schwärze.

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