Freitag, 9. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 81

Kapitel 81
Er wusste nicht, wie lange er weggetreten war, aber als Paul wieder erwachte, saß er noch immer gefesselt auf dem Stuhl. Zu Braun hatten sich andere Personen gesellt, von denen eine dem Beamten nur zu gut bekannt war.
„Hallo. Mein Freund.“ Seine Stimme klang wieder fester und das Reden verursachte ihm keine Schmerzen mehr.
„Oh, hallo Paul. Willkommen bei den Lebenden. Wie geht’s dir?“ Horsts Stimme transportierte ehrliche Besorgnis um die Gesundheit seines vorgeblichen Freundes.
„Mir scheint, ich habe mich in dir getäuscht. Nein, wir alle haben uns in dir getäuscht. Hast du Bruno, na, du weißt schon.“
„Ich habe nur getan, was getan werden musste. Das war nichts persönliches, das musst du mir glauben.“
„Das glaube ich dir sogar. Komm, mach mich los und ich reiche dir meine Hände als Zeichen unserer Freundschaft.“ Die Stimme des Beamten klang verständnisvoll mit einem seltsamen Tonfall. Es war der blanke Hass, der aus ihm sprach. Wäre Horst seiner Aufforderung nachgekommen, hätte er ihm mit nichts als den Händen den Kehlkopf aus seinem Hals gerissen und ihn ihm anal wieder eingeführt.
„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre. Ich kenne dich. Ich kenne dich vielleicht sogar besser, als du dich selber kennst. Persönliche Profile und Gutachten von Vorgesetzten und vom Psychologen. Scheiße Paul, du hast dich bei mir wegen deinem Vater ausgeweint und mir auch gebeichtet, was du am liebsten mit Braun anstellen würdest. Das will ich dir auch gar nicht verübeln, aber insgeheim bin ich davon überzeugt, dass du dir für mich ein ähnliches Schicksal überlegt hast.“
„Auch nicht der alten Zeiten willen?“
„Vergiss es. Ich weiß, dass du momentan die Zähne aufeinander beißt und nur darauf wartest, mir die Seele aus dem Leib zu prügeln. Ich weiß um dein impulsives Wesen und deine ständigen Rachegelüste. Trotzdem, falls es dir was bedeutet: ich habe dich tatsächlich als einen Freund gesehen.“
Er konnte seine Emotionen nicht länger verstecken. Das Gesicht zu einer Grimasse verzogen brüllte er dem Verräter entgegen.
„Du kannst mich mal. Freund, dass ich nicht lache. Ein schöner Freund bist du. Am Arsch. Mein Gott, du hast Bruno umgebracht. Und was ist mit Martina? Hast du dir für sie auch eine kleine Überraschung ausgedacht? Leyrer? Steht der auch auf der Abschussliste? Wofür das alles? Kannst du mir das erklären?“
„Du bist momentan etwas aufgebracht. Über die Hintergründe hat dich der Obere Braun schon aufgeklärt.“
„Der Obere.“, ätzte Paul „Ihr gebt euch also auch noch lustige Namen. Wer bist du? Der Arschfurunkel Mewes?“
Ein Lächeln erschien auf Horsts Gesicht.
„Du kannst mich nicht provozieren. Ich habe damit gerechnet, ich kenne dich. Wie gesagt, du weißt worum es uns geht.“
„Bullenscheiße. Es geht darum, dass ihr alle einen gewaltigen Knall habt.“
„Ich würde vorschlagen, wir unterhalten uns wieder, wenn es dir etwas besser geht.“ Der Verräter lächelte immer noch milde vor sich hin.
„Dann würde ich vorschlagen, wir sehen uns wieder, wenn du tot bist. Sobald ich auf dein scheiß Grab urinieren kann, wird es mir mit Sicherheit besser gehen.“
„Ich gehe jetzt.“, sprach Horst, drehte sich um und ging, ohne einen weiteren Blick zurück zu werfen.
Stattdessen trat Braun wieder an Paul heran, im Schlepptau seine Begleiter, die alle seltsam emotionslos wirkten.
„Kennen Sie schon unsere Drohnen? Mit Sicherheit, Sie haben in MO1 eine von ihnen gefunden, die wir leider zurücklassen mussten. Leider ist es uns nicht gelungen, so unerkannt zu bleiben, wie wir uns das gewünscht haben. Auch wir haben Feinde. Feinde, vor denen wir Sie beschützen mussten. Können Sie sich das vorstellen? Diese Feinde wissen um ihre Rolle in diesem Spiel und sahen die einzige Möglichkeit darin, sie zu töten. Weil sie wussten, dass sie Sie nicht vor uns beschützen können.“
„Drohnen, Feinde? Sie reden wieder Scheiße Braun. Oh, Entschuldigung. Der Ober. Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“ Wider besseres Wissen redete Paul sich in Rage und unbeeindruckt davon setzte Braun seine Ansprache lächelnd fort.
„Wissen Sie Herr Polizeihauptmeister, am liebsten würde ich Sie jetzt gerne schlagen. Sie haben aber Glück, dass ich mir nur ungern die Hände schmutzig mache. Nicht jetzt, nicht hier, nicht heute. In zwei Tagen wird ihr Körper die Erreger verarbeitet haben und dann werden wir Ihr Blut benützen, um Legionen untoter Kämpfer damit zu erschaffen. Schnell, intelligent und mit geschärften Sinnen. Sie werden die noch übrigen Bastionen der Menschheit überrennen und allen Menschen endlich die göttliche Gnade zu Teil werden lassen.“
„Die Drohnen.“, stellte Paul trocken fest.
„Nein, Drohnen sind lebende Menschen, die von uns mittels eines Chips kontrolliert werden und im Vollbesitz ihrer motorischen Fähigkeiten sind. Ein Makel, der unseren Kämpfern anhaftet ist, dass sie sich nicht kontrollieren lassen. Ein Makel, den wir mit unseren Drohnen ausgleichen konnten. Dank eines von uns entwickelten Schutzanzuges können sie gefahrlos und unerkannt unter ihnen wandeln. Der Anzug schützt vor Hitze, Kälte und den meisten Feuerwaffen. Er mindert Stürze und passt sich mittels Nanotechnologie an den Träger an, wird zu einer zweiten Haut. Eine spezielle Maske aus dem gleichen Material vervollständigt den Anzug und verleiht dem Träger einen riesigen taktischen Vorteil. Eine Handvoll von ihnen nimmt es mit einer ganzen Armee auf. MO1 war ein Testballon, ein erfolgreicher Testballon. Zudem konnten wir dort reiche Ernte einfahren.“

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