Samstag, 10. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 82

Kapitel 82
„Ernte?“, fragte Paul nach.
 „Nun, sagen wir einfach Versuchspersonen, die sich leider nicht ganz freiwillig unserer Sache angeschlossen haben. Annähernd fünfhundert Zivilisten konnten wir so über geheime Wege hierher transportieren. Und sobald sich der Erreger, den wir Ihnen injiziert haben, in Ihrem Blut ausgebreitet hat, werden wir die Versuchspersonen damit infizieren.  Dann werden diese auf der Insel als lebende Bomben ausgesetzt.“
Brauns Stimme war nicht ganz ohne Stolz.
„Warum MO1? Warum so weit von Rügen entfernt?“
„Weil man nicht in Nachbars Garten wildert. Dazu geht man ein paar Straßen weiter.“
„Na gut, also ihr kommt von Rügen nach München, kapert einen Zug, dringt in einen Stützpunkt ein, tötet alle Soldaten, entführt 500 Zivilisten und macht dann einen riesigen Fehler, indem ihr eine eurer … eurer Drohnen zurücklasst?“
„Ich gebe zu, dass das nicht ganz optimal gelaufen ist. Der Zurückgebliebene sollte dafür sorgen, dass die Videoaufnahmen korrigiert werden und alles so präparieren, dass es wie innerer Verrat wirkt. Wir wissen nicht, was vorgefallen ist, können nur vermuten, dass einer der Soldaten nicht tot war und es ihm gelang, unseren Mann zu entwaffnen und mit der eigenen Waffe zu richten. Also blieb uns nichts anderes übrig, als eine fingierte Rettungsaktion zu initiieren. Immerhin konnten wir auf dieser Mission unsere Freundschaft zementieren, mein lieber Herr Polizeihauptmeister.“
„Schöne Freundschaft. Wo sind Ihre anderen Freunde? In Käfigen eingesperrt?“ Patzig redete sich Paul in Rage.
„Sehr schön. Ihr Zynismus ist Ihnen offensichtlich nicht abhanden gekommen. Nein, Herr Polizeihauptmeister, auch wenn Sie es nicht glauben werden, betrachte ich Sie als meinen Freund. Sie tragen das reine Blut in sich. Ein ganz spezielles Gen, das nur einer unter Millionen in sich trägt. Können Sie sich unsere Freude vorstellen, mit Ihnen auf die Nadel im Heuhaufen gestoßen zu sein? Ihr Freund war anfangs nicht von der Idee begeistert, aber wir konnten ihn schließlich ausreichend motivieren.“
„Was reden Sie für eine Scheiße?“
„Ach, kommen Sie. Sagen wir so, wir mussten einige Veränderungen an Horst vornehmen. Anfangs war er noch über seine Familie erpressbar, aber später mussten wir uns andere Methoden überlegen, um ihn weiter zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit bewegen zu können. Nun, der Chip, den wir unseren Drohnen eingepflanzt haben, liegt mittlerweile in einer neuen Version vor, die der Drohne oberflächlich den freien Willen lässt, unterbewusst aber alle Handlungen beeinflusst. Sie müssen Ihrem Freund verzeihen, er war nicht ganz er selbst. Und Sie müssen mir verzeihen. Ich habe Sie eben gerne in meiner Nähe.“ Ein Lächeln huschte über Brauns Gesicht.
„Und wenn ich mich einfach umbringe? Was wollen Sie machen, wenn ich meinem Leben ein Ende setze? Dann können Sie mit meinem Blut den Garten düngen.“
„Oh, daran haben wir schon gedacht. Versuchen Sie doch, sich zu bewegen. Und was die Nahrung angeht haben wir Methoden, um Sie dazu zu bringen, Essen zu sich zu nehmen.“
„Was passiert mit mir, wenn der Erreger aktiv ist?“
„Oh, nichts weiter. Wir werden von Zeit zu Zeit etwas Blut abnehmen und den Rest des Tages dürfen Sie dann in einer unserer Gästesuiten entspannen. Wir haben hier Ärzte, die sich um Ihr Wohlergehen kümmern werden und wir können für Sie auch andere Annehmlichkeiten arrangieren, die Sie über den Verlust Ihrer Freunde hinwegtrösten werden, auch wenn dies unserer persönlichen Einstellung widerspricht. Vielleicht werden wir irgendwann doch noch Freunde.“
„Das bezweifle ich doch stark.“ Paul rotzte die Worte förmlich heraus.
„Ja, heute noch. Aber wir haben noch viele Jahre vor uns. Ihre Freunde sind ausgeschaltet, die Beweise vernichtet und wir werden von hochrangigen Personen gedeckt, die sich davon von uns ein Leben im Paradies erhoffen. Denn es wird auf Erden paradiesisch werden, wenn nur noch die wahren Geschöpfe Gottes auf ihr wandeln.“
Mit einer Handbewegung bedeutete er den stummen Drohnen, Paul vom Stuhl hochzunehmen. Sanft drückte er sich gegen ihren Griff und spürte die Kraft der willenlosen Hüllen. Ihre Hände waren wie Schraubstöcke, drückten sich in sein Fleisch und zerrten ihn hoch. Er spürte, dass es momentan sinnlos war, sich gegen die Bewacher zur Wehr zu setzen. Sie würden ihren Griff einfach weiter verstärken. Nein, er musste einen besseren Moment abwarten. Einen Moment, in dem er den Überraschungseffekt auf seiner Seite haben würde. Im nächsten Augenblick drang das Geräusch einer Explosion gedämpft von oben herab. Ein schriller Alarmton klang durch das unterirdische Labor und eine rot gedämpfte Notbeleuchtung wurde aktiviert.
„Wie es scheint, habe ich mich geirrt. Ich gehe davon aus, dass Ihre Freunde eingetroffen sind, Herr Polizeihauptmeister. Bringt ihn weg.“ Mit einem kalten Blick schaute Braun nun zu seinen Drohnen.

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