Dienstag, 13. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 85

Kapitel 85

Einer von Pauls Bewachern sank getroffen zusammen. Weitere Kugeln schlugen in die herumstehenden Drohnen ein und zerfetzten deren Fleisch, Arterien und Gewebe. Braun duckte sich unter dem Kugelhagel hinweg, versetzte Horst mit dem Koffer einen harten Stoß und sprang in die Aufzugskabine. Hektisch drückte er mehrfach auf einen Knopf, den Paul nicht erkennen konnte, gab dabei den Drohnen noch den Befehl zum Angriff, und bevor Horst auf ihn feuern konnte, schlossen sich die Aufzugstüren und trugen Braun weg vom Ort des Geschehens.

Gerade während Horst das Gewehr zurückschwingen konnte, hatte eine der Drohnen das Feuer auf ihn eröffnet. Die Kugel traf den doppelten Verräter in die Schulter und ließ ihn zurück wanken. Aufgrund eines Reflexes drückte er den Abzug durch. Das Gewehr spie eine ungezielte Feuersalve aus. Instinktiv zog Paul den Kopf ein und entging dadurch einer Kugel, die ihm sonst den Schädel zertrümmert hätte. Sein Bewacher hatte nicht so viel Glück und sank aus mehreren Wunden blutend zusammen.

Noch währenddessen feuerte die Drohne ein zweites Mal und traf Horst mitten in die Brust. Mit einem überraschten Blick brach er auf der Stelle zusammen. Von seinen Bewachern befreit, warf sich Paul gegen die noch bewaffnete Drohne, schlug mit aller Kraft gegen seinen Arm und obwohl der wahrscheinlich keine Schmerzen empfand, lockerte er aus einem Reflex heraus den Griff um die Waffe so weit, dass Paul sie ihm entwenden konnte.

Aus einer fließenden Bewegung heraus stieß er den tumben Befehlsempfänger von sich und eröffnete sofort auf ihn das Feuer. Eine Kugel streifte den Hals, die Zweite bohrte sich in seinen Kopf und ließ Blut mit Gehirnmasse gegen die dahinter liegende Wand spritzen. Einer war noch übrig. Durch Pauls Befreiung verwirrt, konnte er sich nicht entscheiden, gegen wen von den Beiden er vorgehen sollte. Brauns Befehl war nicht eindeutig genug gewesen, für ihn war unklar, ob nun Paul die Gefahrenquelle darstellte. Doch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, fiel er getroffen auf den Boden. Er verstand das nicht. Es wurde kalt und dunkel. Seinen Tod nahm er nicht wahr.

Auf dem Boden lag auch Horst. Sein Atem ging röchelnd und Blut lief aus seinem Mund. Sein Blick ging hoch zu Paul.

„Tut …“ Er wurde von einem Hustenanfall unterbrochen, wobei Blut aus seinem Mund wie feiner Sprühregen trat.

„Tut mir leid, alter Freund.“

„Verdammt, Horst. Warum?“

„Anfangs…“ Er macht eine Pause, räusperte sich in die Hand und wischte sich das Blut an seiner Jacke ab. „Anfangs wegen des Geldes. Ich … ich sollte dich doch nur im Auge behalten. Danach haben sie mich erpresst und dann den Chip …“

Wieder wurde er von einem Hustenanfall durchgeschüttelt. Mit der unverletzten Hand griff er in seine Tasche und zog etwas heraus, das kaum größer als ein Fingernagel war. Damit mussten sie ihn kontrolliert haben.

„Ist schon gut. Wir alle machen Fehler. Wohin ist Braun verschwunden?“

„Es ist mir wichtig, dass du weißt, dass ich dich nicht verraten wollte. Ich wollte nur ein paar Schulden begleichen und alles was ich tun musste, war mit dir Zeit zu verbringen, was mir nicht schwerfiel.“

Während des Sprechens wurde die Stimme des reuigen Verräters immer leiser. Es schien, als würde er mit jedem Wort ein Stück Leben aushauchen und Tränen liefen aus seinen Augen. Plötzlich begann Paul ihm wirklich zu verzeihen. Er erkannte wieder den Mann, der ihm viele Monate ein Freund war. Auch über den Tod hinaus würde er ihm nie vollständig verzeihen können, auch ohne Chip hatte er an ihm Verrat begangen, aber er sah, dass er im Sterben lag. Er lag im Sterben und wollte beichten, wollte sich von seiner Schuld befreien und benötigte Pauls Absolution, um friedlich von dannen gehen zu können.

„Ich verzeihe dir. Wirklich. Aber du musst mir noch sagen, wohin Braun verschwunden ist. Er darf nicht einfach so entkommen.“

„Er will zum Schiff. Nein, er darf nicht entkommen. Er hat mir das angetan. Hier, nimm meine Karte.“

Horst reichte Paul eine nicht beschriftete ID-Karte.

„Er ist im dritten Untergeschoss. Er… Er…“

Instinktiv griff Paul nach seiner Hand und drückte sie. Der Mann, dem er vertraute wie keinem Zweiten und der ihn so hintergangen hatte, starb hier und jetzt. Plötzlich erschlaffte Horsts Hand und lag nun regungslos in Pauls Hand. Tränen liefen über Pauls Gesicht, aber er redete sich ein, dass jetzt nicht die Zeit für Trauer war. Fast ehrfurchtsvoll hob er das Sturmgewehr auf, lud durch und nahm von Horst die restliche Munition. Horst würde sie nicht mehr benötigen.

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