Donnerstag, 15. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 87

Kapitel 87
Leise war der Klang von weiteren Explosionen zu hören. Es war alles so verwirrend. Woher kam Brunner und warum kommandierte dieser den Angriff? Warum gerade jetzt? War ihr Verschwinden der Auslöser? Was war mit Martina? Sollte Braun Recht haben und Martina ist bei einem Angriff getötet worden? Über all seinen Gedanken stand bei Paul der Wunsch, Braun tot zu sehen.
Der Fahrstuhl hielt und die Türen glitten zur Seite. Mit gezückter Waffe stand Paul in der Kabine und hielt nach einer Bedrohung Ausschau. Der vor ihm liegende Flur erstreckte sich rund 200 Meter weit, endete in einem Linksknick und war bis dahin leer. Die Tunnelwände bestanden aus schmucklosem Beton, Neonröhren warfen ein unangenehm künstliches Licht und ein Schild wies den Flur als drittes Untergeschoss aus. Paul fragte sich von wo aus. Fuhr der Fahrstuhl eigentlich nach oben oder unten? Als er vorhin in seinen Überlegungen gefangen war, achtete er nicht so sehr auf die Fahrrichtung und es gab auch keinerlei optische Hinweise.
Er verdrängte die Gedanken, so schnell wie sie ihm gekommen waren. Er benötigte einen klaren Kopf für das, was vor ihm lag. Mit schnellen Schritten hetzte er den Tunnel entlang. An der Ecke angekommen, lugte er erst um die Ecke und fand ihn auch hier leer vor. Auf dem Boden lag das, vorher von Braun mitgenommene, Injektionsgerät und die darin befindliche Kanüle war jetzt wieder leer. Was war passiert?
Suchend blickte Paul den Tunnel entlang, der sich wieder einige hundert Meter dahinzog, nur um dieses Mal in einem Rechtsknick zu enden. Er musste sich beeilen. Braun hatte bereits eine großen Vorsprung und wenn er entkam, war alles vergebens. Dann waren alle umsonst gestorben. Alle jene, die direkt oder indirekt die Opfer von Brauns Machenschaften waren. Er würde ihn nicht entkommen lassen.
Als er um die Ecke bog, sah er ihn endlich. Braun lag auf dem Boden und irgendetwas passierte mit ihm. Leise leidend lag er vor ihm. Dessen Blut schien zu kochen, die Haut warf Blasen und riss an einigen Stellen auf. Flüssigkeiten spritzten und flossen aus den offenen Stellen, ein Gemisch aus Blut und etwas, das wie Eiter aussah. Das Gesicht war deformiert und die Augäpfel traten aus den Augenhöhlen heraus. Auch die Zunge war unnatürlich angeschwollen und drohte Braun zu ersticken. Ein Umstand, den Paul insgeheim begrüßte.
Trotz seines Zustands war Braun bei vollem Bewusstsein. Die herausquellenden Augen musterten Paul, ohne dass sich in den unnatürlich verzerrten Gesichtszügen irgendetwas bewegte. Etwas eklig flüssiges sickerte durch Brauns Kleidung und sammelte sich am Boden unter seinem Körper. Nicht einmal Braun verdiente so zu sterben, fand Paul und legte mit seinem Gewehr auf den Kopf des mutierenden Wahnsinnigen an.
Etwas, dass wie „Nein“ klang drang aus dem zugeschwollenen Mund des Ungetüms. Wie zur Bestätigung versuchte er seinen Kopf zu schütteln, was ihm auch unter größten Anstrengungen kaum gelang. Er wollte anscheinend nicht durch eine Kugel sterben. Wollte er lieber ersticken, oder an was auch immer zugrunde gehen? Überhaupt, was war es, das seinen Körper auffraß? War etwa Pauls Blut Schuld an der Veränderung?
„Na gut, Braun“, sprach Paul „Ich lasse Ihnen Ihren letzten Willen. Wie Sie krepieren ist mir egal, die Hauptsache ist, dass Sie krepieren.“
„Ain“, brummte der sterbende Körper.
„War das mein Blut? Liegt das an dem Zeug, das Sie mir gespritzt haben? Sie verdammter Mistkerl.“
„Ut. O o o“, würgte er, begleitet von verzweifelten Versuchen an Luft zu kommen, hervor. Trotz der misslichen Lage, in der sich zweifelsfrei befand, klang es wie ein Lachen.
„Findest du die Scheiße witzig? Ja? Ich sag dir, was ich witzig finde. Dass du hier wehrlos vor mir liegst, das finde ich witzig. Dass du dich dem Geruch nach vollgeschissen hast, sogar das finde ich witzig. Und dass ich dich gleich erschießen werde, verdammt, ja, das finde ich am witzigsten von allem.“
Paul war überzeugt davon, dass sich die ohnehin unnatürlich großen Augäpfel noch etwas weiter dehnten, als er mit dem Lauf seinem Sturmgewehr auf den Körper anhielt. Mit einer Daumenbewegung änderte er den Feuermodus des Gewehrs und drückte schließlich den Abzug durch. Lautes Geknatter erfüllte den Gang. Ein 30 Schuss langer Feuerstoß schoss innerhalb weniger Sekunden aus dem Lauf und schüttelte den Körper von Braun kurz durch, bevor er still liegen blieb.
Aus unzähligen Einschusslöchern floss jetzt auch noch Blut. Der gesamte Oberkörper war durchsiebt und langsam färbte sich Brauns Gewand in einem satten dunklen Blutrot. Paul stand noch immer da mit der Waffe im Anschlag und hielt den Abzug weiter durchgedrückt, ehe er realisierte, dass es vorbei war. Langsam ließ er den Lauf der Waffe sinken, bevor er sich neben dem toten Körper niederließ.
Sein Blick wanderte über den toten Körper und plötzlich bedauerte er seinen Moment der Schwäche. Vielleicht hätten sie ihn ja retten können und ihm die Geheimnisse entreißen, die jetzt mit ihm gestorben waren. Verbindungen zu anderen Organisationen, Entwicklungen im Bereich der Waffen- und Ausrüstungstechnik, der Zombielockstoff. Alles Erfindungen, die den Menschen im Krieg mit den Untoten behilflich sein konnten und mit Brauns Tod möglicherweise verloren gingen. Ächzend erhob er sich wieder und ging mit festem Schritt zurück zum Fahrstuhl.

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