Freitag, 16. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 88

Kapitel 88
Auf der Rückfahrt achtete Paul nun auf die Fahrtrichtung und stellte fest, dass er tatsächlich nach unten fuhr, also das dritte Untergeschoss demnach höher lag, als der Labortrakt, in dem er untergebracht worden war. Als die Türen zur Seite glitten, sah er wie Horst und seine eigenen ehemaligen Bewacher weiterhin in ihrem Blut lagen. Bei Horsts Anblick überkamen ihn Wut und Trauer und trotz seines Verrats wünschte er sich im Moment nichts mehr im Leben, als dass sein Freund doch noch am Leben sei. Traurig hing er der Erinnerung hinterher, sah aber auch das Zuvorkommen des Kollegen in einem anderen Licht. Der Besuch im Krankenhaus, die vielen Treffen, war das alles nur ein Programm, das er abgespult hatte, um ihn, Paul, zu täuschen? Er kämpfte mit seinen Tränen und nur mühsam konnte er sie zurückhalten.
Gerade als er diesem inneren Drängen dennoch nachgeben wollte, hörte er schwere Stiefel über den Flur poltern. Eine ihm bekannte Stimme gab lautstarke Kommandos und vereinzelt waren zersplitterndes Glas und Schmerzensschreie zu hören. Vorsichtig schlich Paul zum nächsten Gang vor, lugte um die Ecke und sah in den Lauf eines Gewehres. Während das Aufräumkommando laut polternd die Labore sicherte, ging der Vortrupp offensichtlich wesentlich stiller und vorsichtiger zu Werke.
„Wowwowow, nicht schießen. Ich bin auf eurer Seite.“, versuchte Paul zu beschwichtigen, ließ die Waffe fallen und hob demonstrativ die Hände.
„Sind hier noch andere Personen?“, ging ihn der Soldat an.
„Nein, ich bin alleine. Alle anderen sind tot.“ Mit einer ausladenden Handbewegung deutete Paul auf die hinter ihm liegenden Leichen, ohne den Blickkontakt mit dem jungen Mann zu unterbrechen.
„In Ordnung. Karl, ich habe hier einen Überlebenden.“
Ein zweiter Soldat kam herbei, der Paul mit sich zog, während der andere den Bereich vor dem Fahrstuhl weiter beobachtete.
„Wer sind Sie?“, fuhr ihn der zweite Soldat an.
„Paul Bährer, Polizeihauptmeister. Und mit wem habe ich die Ehre?“
„Die Fragen stellen wir. Was machen Sie hier?“
„Ich wurde gefangen genommen. Hören Sie, ich habe aufgeschnappt, dass Oberfeldwebel Brunner an dem Kommando beteiligt ist. Könnten Sie mich bitte zu ihm bringen?“, ging Paul forsch in die Offensive.
„Oberfeldwebel? Meinen Sie Oberstleutnant Brunner?“, erwiderte der Soldat verwirrt.
„Oberstleutnant? Das wäre mir …“, kam Paul nicht dazu, den Satz zu beenden.
„Ah, sieh mal an, ein alter Bekannter.“, schnitt Brunners Stimme förmlich durch den Raum, und ließ den Soldaten an Pauls Seite zusammen zucken.
„Oberstleutnant, wie?“ fuhr Paul ihn an.
Brunner hob in einer abwehrenden Geste die Hände, bevor er in einem neutralen Tonfall antwortete: „Das war nichts persönliches. Es war zu dem Zeitpunkt ganz einfach erforderlich, dass ich meine wahre Identität und damit auch meinen Rang geheim halte.“
„Ihr wusstet es, nicht wahr? Ihr wusstet es bereits die ganze Zeit. Ihr habt uns ihnen ausgeliefert. Bruno könnte noch leben.“
„Es war eine erforderliche Maßnahme.“, schnitt ihm Brunner ins Wort. „In einem Krieg müssen Opfer gebracht werden. Wenn man eine Schlacht verlieren muss, um den Krieg zu gewinnen, müssen wir dazu bereit sein, dies zu tun, ohne die Moral unseres Tuns zu hinterfragen. Bruno wusste genau, worauf er sich einlässt.“
Die Erwähnung von Brunos Namen ließ den Beamten kurz innehalten, nicht aber seine Wut besänftigen. „Und die Frauen und Kinder von MO1? Meine Kollegen, die einen sinnlosen Tod sterben mussten? Wussten die auch, worauf sie sich einlassen?“
„Wir sind im Krieg. Nicht nur gegen diese Kreaturen, sondern auch einen inneren Feind. Wir mussten uns zurückhalten, durften nicht preisgeben, was wir wussten. Nur so konnten wir sicherstellen, dass uns diese Anlage hier unbeschädigt in die Hände fällt. Wir konnten auch einige Mitarbeiter lebend festsetzen und werden die Sekte mit den gefundenen Daten weltweit bekämpfen können und so Millionen Menschen das Leben retten. Da sind ein paar hundert Leben ein tolerierbarer Kollateralschaden. Wo ist eigentlich Braun?“
Der plötzliche Themenwechsel überraschte Paul. Noch bevor er sich über Brunners Aussage echauffieren konnte, schnitt ihm die Frage nach Braun das Wort ab.
„Braun ist tot“, gab Paul nüchtern zu Protokoll.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen